1960 ist ein interessantes Jahr für die noch junge Bundesrepublik Deutschland. John F. Kennedy wird in den USA zum Präsidenten gewählt, ein Politiker, den die deutsche Bevölkerung – besonders die Berliner vor dem Hintergrund des Kalten Krieges – alsbald in ihr Herz schließen wird. Im selben Jahr erfolgt mit dem Treffen zwischen Bundeskanzler Konrad Adenauer und dem israelischen Ministerpräsidenten David Ben-Gurion eine Annäherung an Israel – 15 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde bei diesem Treffen der Grundstein für die deutsch-israelischen Beziehungen gelegt.
Mit dem Käfer in den bundesrepublikanischen Wohlstand
Die Bundesrepublik schließt Anwerbeabkommen mit Griechenland und Spanien. Nach Italienern und Türken kommen nun auch Griechen und Spanier als sogenannte Gastarbeiter ins Land. Volkswagen baut mit dem Käfer seinerzeit mit großem Abstand das meistverkaufte Auto in Deutschland. 1960 bekommt der Käfer eine richtige Blinkanlage statt der altertümlichen Winker. Lale Andersen landet mit „Ein Schiff wird kommen“ einen Nummer-eins-Hit, im Lied geht es um eine Prostituierte, die im großen Hafen wartet – auf den nächsten Matrosen, auf das Glück im Leben.
Deutschland sehnt sich nach Sicherheit, Anerkennung, nach wirtschaftlicher Prosperität. Passend zur Aufbruchstimmung erscheint im Januar 1960 die erste Ausgabe der Zeitschrift „Schöner Wohnen“, die bis heute unter diesem Titel firmiert und zweifelsohne die populärste Wohnzeitschrift der Bundesrepublik ist. Sie erscheint von Beginn an monatlich und erreicht in ihren besten Zeiten aus heutiger Sicht unfassbar hohe Druckauflagen von mehr als drei Millionen Exemplaren pro Ausgabe.
Zum Homestory ins aufgeräumte Vorstadt-Idyll
Typisch für „Schöner Wohnen“ sind nicht nur die beschriebenen Wohntrends und Gartentipps, auch die Produktwerbung dazu, sondern vor allem die reich bebilderten Reportagen über Eigenheime. In der allerersten Nummer lautet die Überschrift zur ersten größeren Homestory in Hamburg-Harburg: „Das große Ziel: ein kleines Haus“. Ein Satz, der treffender nicht sein könnte. Und genauso lautet auch der Titel eines erstaunlichen Buches des Architekturhistorikers Jan Engelke. Für seine Promotion zum Eigenheim in der bundesdeutschen Nachkriegsgeschichte hat Engelke Hunderte Ausgaben von „Schöner Wohnen“ einer kritischen Medienanalyse unterzogen und die spezifischen Ausprägungen der deutschen Sehnsucht nach dem Einfamilienhaus herausgearbeitet.
Weiße Menschen, schlank, akkurat gekleidet
Bei der Darstellung der Häuser erkennt Engelke Muster. Stets sind die Häuser zum Fototermin aufgeräumt. Die Bewohner sind bürgerlich, weiß, die Körper sind schlank, die Kleidung akkurat. Es herrscht das heteronormative Familienbild vor, passend zum Begriff des Einfamilienhauses und seinem Grundriss leben in den Gebäuden Paare mit Kindern, obwohl auch schon in den 60er Jahren andere Lebensmodelle in Eigenheimen existieren. Zur Inszenierung des Idylls gehört das Auto, vor jedem Haus steht eins, zu Beginn ist es oft der besagte Käfer.
In der 60ern war das Einfamilienhaus politisch gewollt
Die Leute sind in der Regel nicht wohlhabend, aber auch nicht arm. Die Vorstellung vieler jüngerer Menschen heutzutage ist ja, dass man sich früher als Familie problemlos ein Eigenheim leisten konnte, ein Klischee, mit dem Jan Engelke gründlich aufräumt. Immer schon war der private Hausbau die wahrscheinlich größte Investition im Leben eines Normalverdieners. Wer in den 60er Jahren in das eigene Haus zieht, hat Entbehrungen bis ins Alter einkalkuliert. Es ist aber politisch gewollt, wird finanziell etwa durch Steuervergünstigungen gefördert und gesellschaftlich propagiert. Und für diesen Traum sind die Familien zu großem Verzicht bereit: große Urlaube, Restaurantbesuche sind für die meisten bis zur Rente oder der letzten Kreditrate passé.
„Schöner Wohnen“ als Teil der westdeutschen Identität
Für „Schöner Wohnen“ öffnen sogar Politiker ihre Eigenheimtüren. In Gmund am Tegernsee hat der bekannte Architekt Sep Ruf in den 50er Jahren ein Haus für den damaligen Bundeswirtschaftsminister Ludwig Erhard entworfen und realisiert, das nun – in der zweiten Ausgabe im Februar 1960 – in seiner ganzen Pracht präsentiert wird – und Ludwig Erhard als bescheidener, bürgernaher Besitzer eines Einfamilienhauses.
Die Eigenheim-Inszenierungen in „Schöner Wohnen“ sind Ausdruck einer tiefen Sehnsucht nach einer Konstante. Die jungen Familien wollen das Trauma des Krieges und immer noch sichtbaren Verheerungen des Krieges vergessen. Die enge Verbindung mit dem Wirtschaftswunder hat das Eigenheim zu einem, vielleicht den wichtigsten Teil bundesdeutscher Identität gemacht. Strebsamkeit, Verdrängung, Disziplinierung – auch dafür steht das große Ziel vom kleinen Haus.
16 Millionen Einfamilienhäuser in Deutschland!
Die Idee aber, dass eine erfolgreiche bürgerliche Biografie in diesem Land mit dem Besitz eines Einfamilienhauses verbunden ist, hat nichts von ihrem Reiz eingebüßt, im Gegenteil. Tatsächlich wird dieser Traum trotz aller Polemiken weiterhin geträumt in diesem Land. Nicht selten kommt nach dem Traum die Umsetzung, koste es, was es wolle: Einfamilienhäuser haben zweifellos einen beachtlichen Anteil am Wohnungsbestand und sind fester Bestandteil unserer gebauten Umwelt und Wohnkultur. Ein Blick in die Statistiken offenbart, wie sehr das Eigenheim unser Bild vom Wohnen prägt: 16 Millionen Einfamilienhäuser gibt es in Deutschland, das sind zwei von drei Wohngebäuden!
Immenser Flächenverbrauch pro Kopf
Angesichts der Klimakrise müsste nun völlig anders über die schwindenden Ressourcen und die Schaffung von Wohnraum nachgedacht werden. Schließlich passt das Einfamilienhaus ziemlich gut zu einer Lebensphase einer Familie, wenn die Kinder eben noch im Hause sind. Doch später ändert sich das. Und so leben in Deutschland im Durchschnitt 1,8 Menschen in verhältnismäßig großen Eigenheimen, der Flächenverbrauch pro Kopf ist immens. Der Buchautor und Architekt Jan Engelke plädiert aus diesem Grunde für einen Baustopp von Einfamilienhäusern, es gebe schließlich genug davon. Trotzdem werden kommen seit zwei Jahrzehnten alljährlich einhunderttausend neue Eigenheime hinzu.
65 Prozent der Deutschen träumen von einem Haus
Die meisten Menschen wissen inzwischen sehr gut, dass der Bau eines Einfamilienhauses das Klima immens schädigt, das weiß man aus Umfragen. Sie träumen dennoch davon: Laut aktueller Statistiken wünschen sich 65 Prozent der Deutschen, in einem Einfamilienhaus zu wohnen. Im Jahr 2019 waren es 63 Prozent, 2018 träumten 60 Prozent von einem Einfamilienhaus. Die Tendenz ist also: steigend. Als existierten keine Krisen: keine Migrationskrise, keine Kriege in der Ukraine und im Iran, keine Wirtschaftskrise, als gäbe es keinen Donald Trump. Oder besteht der Wunsch nach einem sicheren, schönen Zuhause gerade wegen dieser Drohkulissen?
Stigmatisierung des Einfamilienhauses durch die Politik
Es gibt nicht wenige Politiker, Journalisten, Architekten, Soziologen und Stadtplaner, die das Einfamilienhaus verdammen, es als Hort des Spießertums und Sündenfall der Klimakrise stigmatisieren. Doch die Sehnsucht bleibt offenbar aller Kritik und Polemiken zum Trotze bestehen. Möglicherweise sollte man diesen Wunsch ernst nehmen, gerade angesichts des anhaltenden Mangels an bezahlbarem Wohnraum.
Im Jahr 1989 veröffentlichte der US-amerikanische Soziologe Ray Oldenburg das Werk „The Great Good Place“, in welchem er sein Konzept des „Dritten Ortes“ erstmals umfassend vorstellte. Wie gesagt, damals gab es noch keine Laptops, kein Internet für alle und folglich auch kein internetfähiges Home Office, wie wir es heute kennen. Oldenburgs Auffassung nach dient der „Erste Ort“ dem Familien-, der „Zweite Ort“ dem Arbeitsleben. Der „Dritte Ort“ bietet zu beidem einen Ausgleich und ist ein Treffpunkt für die nachbarschaftliche Gemeinschaft.
Das Eigenheim als Safer Space
Der „Dritte Ort“ ist ein Ort, von dem man nicht verjagt wird und an dem es keinen Konsumzwang gibt. Er ist ein seltenes Gut in einer Welt, in der immer mehr Flächen versiegelt und öffentliche Räume verkauft und damit privatisiert werden. Im medialen Fokus stehen dann stets Menschen, die an dieser Entwicklung leiden, die obdachlos sind, die kein oder nur wenig Geld zur Verfügung haben, die Sport machen wollen ohne Vereinsstrukturen und Mitgliedsgebühren.
Steigende Nebenkosten verursachen Stress
Doch leider ist nicht nur „the third place“ vom Aussterben bedroht, selbiges gilt auch für die beiden anderen Orte. Die stagnierende Wirtschaft, die steigende Arbeitslosigkeit und die Ankündigung vieler Firmen, dass sie in nächster Zukunft Personal abbauen und Produktionsstätten ins Ausland verlagern werden, machen Arbeitsplätze nicht selten zu unwirtlichen, feindseligen Orten.
Um so wichtiger ist das eigene Zuhause. Nur ist das nicht minder gefährdet. Der chronische Mangel an bezahlbarem Wohnraum wie auch die steigenden Nebenkosten machen das eigene Heim für viele zu einem Stressraum.
Das Thema Wohnen als Spaltpilz der Gesellschaft
Kein Wunder also, dass die Sehnsucht nach einem sicheren, bezahlbaren, möglichst energetisch sanierten und ästhetisch gelungenem „first place“ immer stärker wird. Und auch der Neid auf all jene, die sich diesen Traum vielleicht schon erfüllen konnten, wächst beträchtlich. Der Wunsch nach einem eigenen Haus oder einer Eigentumswohnung ist mehr als legitim. Das Thema Bauen und Wohnen hat jedenfalls das Potenzial, die Gesellschaft zu spalten, aber auch zu einen.
Der pragmatische und auch klimapolitisch korrekte Kompromiss wäre daher die Anpassung des deutschen Traums an die realen Gegebenheiten: durch die Rettung, Sanierung oder Umnutzung der schon vorhandenen Bausubstanz. In die Jahre gekommene Einfamilienhäuser aus den 60ern und 70ern können mit fachgerechter Unterstützung von Architekturbüros altersgerecht umgebaut, in zwei Wohneinheiten geteilt und energetisch saniert werden.
Viele Ältere würden ihr Haus gegen Wohnung tauschen
Viele ältere Eigenheimbesitzer würden gern ihr Haus gegen eine praktischere Wohnung tauschen, sie wissen aber nicht, wie das geht, auch weil die kommunale Beratung in vielen Gegenden nicht gegeben ist – und weil sie Angst vor den Kosten haben. Die Konzepte und Ideen sind jedenfalls vorhanden, realisierte Beispiele ebenfalls, die Maßnahmen müssen aber politisch und gesellschaftlich forciert werden und ohne finanzielle Unterstützung wird diese Wohnwende logischerweise nicht gehen. So ließe sich genügend Wohnraum schaffen und erhalten, ohne neu zu bauen. Und das böse, böse Wirtschaftswunder-Einfamilienhaus fände am Ende eine Fortsetzung als erfolgreiche Homestory.