Ein Betonbau auf dem Uni-Campus in Stuttgart ist laut einer Online-Umfrage das „hässlichste“ Gebäude. Was sagt die Stuttgarter Architektenschaft und was findet sie misslungen?

Auch wenn die Umfrage auf der Social-Media-Plattform Reddit nicht repräsentativ war, so trifft sie dennoch einen Nerv. Brutalismus lässt offenbar niemanden kalt. Doch sind die beiden achtstöckigen Betonriegel „Naturwissenschaftliches Zentrum I und II“ auf dem Uni-Campus in Stuttgart-Vaihingen tatsächlich ein architektonischer Sündenfall? Die Kenner der Materie sehen das differenzierter. Wir haben sieben Experten aus Stuttgart um ihre Einschätzung gebeten.

 

Stuttgarter Architekten über die Betonriegel in Stuttgart-Vaihingen

Architekt Andreas Hofer, Intendant der Internationalen Bauausstellung (IBA 27) sagt: „Die zentralen Gebäude und der ganze Campus in Vaihingen sind ein Monument der deutschen Nachkriegsgeschichte, einer der stärksten Möglichkeitsräume, der noch vielen Generationen Entfaltungspotenzial bietet, um ihre zeitgebundenen Irrtümer zum Ensemble hinzuzufügen.“

Architektin Liza Heilmeyer, Geschäftsführende Gesellschafterin Birk Heilmeyer und Frenzel Gesellschaft von Architekten und Vorsitzende des Bundes deutscher Architektinnen und Architekten Baden-Württemberg findet: „Rauheit hat Charakter“. Zum Gebäude sagt sie: „Auf dem Campus der Universität Vaihingen wurde viel Wegweisendes gebaut. Manches davon befindet sich unter der Erde und ist technisch vorausschauend wie der Ringkanal, manches versteckt sich im Wald wie das Zeltdachgebäude von Frei Otto oder die Materialprüfanstalt von Friedrich Wagner mit einer Fassade aus walzblankem Aluminium.

Zeltdachgebäude von Frei Otto auf dem Campus in Stuttgart-Vaihingen. Foto: LICHTGUT/Max Kovalenko

Es ließen sich noch viele andere bekannte oder weniger bekannte Gebäude aufzählen. Ein Universitätscampus ist Experiment und Spielwiese für Neues, was der Campus Vaihingen in vielerlei Hinsicht zeigt. Die zentralen Gebäude sind in die Jahre gekommen und sind Ausdruck einer anderen Zeit. Der Reformgedanke, der diese Bauten beflügelt hat, scheint verflogen.

Nett und lieblich? Muss nicht sein

Brutalismus oder Strukturalismus sind keine gefälligen Architekturen, aber bei genauem Hinsehen lassen sich die Qualitäten und Potenziale der Erneuerung und Weiterentwicklung entdecken. Die Raumgeflechte und rationalen Grundstrukturen lassen Platz für innere Entwicklung und äußere Erweiterung. Nähert man sich den Gebäuden mit Offenheit, kann der Charme der Rauheit und der strukturellen Konsequenz entdeckt werden. Nett und lieblich sind sie wahrlich nicht! Müssen sie aber auch nicht sein.“

Hochhaus in Stuttgart – Ein Gebäude mit Charakter

Architekt Achim Södin g vom Architekturbüro Auer Weber : „Es ist sicher kein schönes Gebäude, ein deutliches ,Kind seiner Zeit’. Aber es ist durchaus ein Gebäude mit einem eigenen Charakter. Und ich persönlich finde ,charakterlose’ Gebäude sind noch mehr zu kritisieren – wenn das Gefühl entsteht, dass nahezu keine Gestaltungsabsicht beim Gebäudeentwurf vorhanden war.“

Innenarchitektin Jutta Blocher, Blocher Partners: „Brutalistische Architektur besitzt einerseits gestalterischen und andererseits kulturhistorischen Wert. Sie ist Ausdruck eines gesellschaftlichen Aufbruchs, der sich über soziale Funktion und Demokratisierung statt über reine Ästhetik definierte. Der Campus Vaihingen ist Teil dieses Narrativs – ein gebautes Zeugnis der Nachkriegszeit, geprägt von funktionaler Klarheit und einem bis heute nachwirkenden Bildungsoptimismus.

Als jemand, der seit dem eigenen Studium in Stuttgart die städtebauliche Entwicklung der Stadt verfolgt und als transdisziplinär arbeitende Innenarchitektin täglich mit Fragen der Raumwirkung konfrontiert ist, sehe ich in diesem Campus eine doppelte Herausforderung: Er verdient Respekt – aber auch Transformation.“

Mehr Licht und Offenheit

Jutta Blochers Vorschläge: „Die zwischenzeitliche Wahrnehmung – Sichtbeton, graue Fassaden, monolithische Volumen, wenig menschlich proportionierte Freiräume – spiegelt ein Paradigma, das mit heutigen Vorstellungen von Lern- und Lebensräumen nicht mehr kompatibel ist: Statt Offenheit, Licht und Aufenthaltsqualität dominiert eine Architektur der Dauerhaftigkeit und Abgrenzung. Ziel muss es sein, diesen Bestand nicht zu verdrängen, sondern weiterzudenken: durch gezielte gestalterische Interventionen – mit Farbe, Lichtführung, Materialien, Begrünung und Möbeln. Räume müssen sprechen – mit denen, die sie nutzen. Denn Architektur ist nie nur gebaut – sie ist immer auch Beziehung.“

Architektin Elke Reichel von Reichel Schlaier Architekten sagt: „In vielen deutschen Städten entstanden in den 70er Jahren Neubauten von Universitätsgebäuden oder ganze Campuserweiterungen, wie der in Vaihingen. Modern, selbstbewusst und mit den Mitteln der Zeit wurden sie damals oft von Unibauämtern direkt geplant und gebaut.

Das hervorragend flexible Material des Stahlbetons konnte Tragwerk und Fassade in einem sein. Die Konstruktion wurde zum Gestaltungselement, alles aus einem Guss. Es wurden in ganz Deutschland Bausysteme entwickelt, die durch Vorfabrikation von Betonfertigteilen schnell und effizient Raum für die steigenden Studierendenzahlen schafften.

Genaues Hinsehen!

Hübsch oder hässlich? Liegt im Auge des Betrachters. Modern, altmodisch und später wieder wertgeschätzt? Dieser Zyklus ereilt jedes Gebäude. Und so zählt wie so oft im Leben nicht der oberflächliche Blick, sondern ein genaueres Hinsehen. Funktioniert das Gebäude gut für den Zweck, den es hat? Heißt es mich willkommen? Gibt es schöne Raumsequenzen, einen besonderen Lichteinfall in wichtigen Räumen?

Eine clevere Lösung, die Räume zu organisieren? Wie war es gedacht zu der Zeit, als es entstand? Ein Zukunftsversprechen. Finden Sie die Orte der Gemeinschaft, an denen man zusammenkommt, im Haus oder draußen? Fügt es sich gut ein in die Umgebung und welche Rolle spielt es dort?

Den Uni-Campus in Stuttgart erkunden

Es ist immer wichtig zu verstehen, wie ein Gebäude funktioniert. Also, gehen Sie mal hin, schauen Sie sich den Unicampus einmal an. Gehen Sie in die Gebäude rein, sprechen Sie Menschen an, die Ihnen das Haus zeigen können. Erkunden Sie, was Sie sehen. Denn es gibt es einige Architekturikonen zu entdecken.“

Architekt Peter Ippolito von Ippolito Fleitz Group: Man würde den Campus heute vielleicht nicht weit ab von der Stadt auf der grünen Wiese entscheiden. Ich habe dort nicht studiert und kann daher kaum das Lebensgefühl dort bewerten, fand es aber immer spannend, dass der Campus, passend zu einem Forschungsstandort, selbst immer auch ein mutiges Experimentierfeld für Architektur, Nutzungskonzepte und Gebäudetechnik war.

Lernort Aquarium auf dem Uni-Campus in Stutttgart Vaihingen, umgestaltet von Ippolito Fleitz Group Foto: Philip Kottlorz/Ippolito Fleitz Group

Man denke unter vielen anderen Beispielen an Frei Ottos Zeltpavillon für das Institut für Leichtbau, an die Mensa und die Wohnheimbauten von Atelier 5, das Hysolar von Behnisch, das ZVE von UNStudio oder auch im kleinen Maßstab die Farbwelten von Fritz Fuchs, deren Sanierung wir bei der Wiederbelebung des Lernraums „Aquarium“ mitbegleiten durften.

Architekt Marc Oei von LRO Architekten : „Was soll man sagen? Das gezeigte Gebäude vom Uni-Campus in Vaihingen ist natürlich nicht ,schön’, aus architektonischer Sicht aber gar nicht so schlecht. Ein Kind seiner Zeit, 70er Jahre at its best. Wir finden das Gebäude gut im Sinnen von ,okay’. Nicht-Architekten sehen das natürlich anders und viele werden sich an dem vielen Beton stören.

Denn Beton ist ja (im Moment) ein „böses Material“ wegen des CO2-Ausstoßes in der Herstellung. Sanierungen – vor allem wärmetechnische Verbesserungen sind bei diesen Gebäuden mit den vielen konstruktiven Durchdringungen (Wärmebrücken) extrem komplex. Das bekommt man aber hin, wenn man das will.“

Welchen Stuttgarter Platz, welches Stuttgarter Gebäude beurteilen die befragten Architektinnen und Architekten als besonders misslungen? Das wird in der Bildergalerie erklärt.