Die Autorin unserer Beziehungs-Kolumne ist mit einem Transmann zusammen. Was für sie alltäglich ist, sorgt bei anderen für Verwunderung. Sie berichtet, wie ihre Beziehung begann und warum das Trans-Thema im Alltag keine Rolle spielt. [Archiv]
Bevor ich meinen Freund kennenlernte, hatte ich vom Thema Transgender so gut wie keine Ahnung. Ich wusste nur theoretisch, was der Begriff bedeutet und dass Menschen, die trans sind, oft einen langen Leidensweg hinter sich haben. Dann traf ich meinen Freund und, na ja, es hat sich erst einmal wenig geändert. Schließlich stellt sich keiner vor mit: „Hi, ich bin XY und ich bin trans.“
In meiner Freundesgruppe wussten alle vor mir Bescheid. Wie ich selbst es letztlich herausgefunden habe, weiß ich gar nicht mehr so genau. Mein Freund sagt heute, dass es bei einem gemeinsamen Abendessen mit Freunden war, bei dem es um das Thema Trans im Allgemeinen ging. Dort berichtete er wohl auch von seinen Erfahrungen. Darauf reagiert hätte ich seiner Erzählung nach sehr neutral. Ich habe es wohl einfach hingenommen und mit einem einfachen „Aha“ kommentiert.
„Immerhin hast du mich nicht gefragt, ob ich einen Penis habe.“
Als wir uns näherkamen, hatte ich dann aber doch viele Fragen. Einige davon fallen in die Kategorie „unangenehm“: Hattest du eigentlich mal eine Periode? Wann hat sie aufgehört? Wann hast du gemerkt, dass du trans bist? Meine Wissenslücken füllte er geduldig, obwohl wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal zusammen waren. Als ich ihn später auf die Unterhaltung ansprach, scherzte er: „Immerhin hast du mich nicht gefragt, ob ich einen Penis habe“. Er sagte, es mache ihm nichts aus, diese Fragen gestellt zu bekommen, weil man so am meisten über das Thema lernen könne.
Während des Gesprächs sagte er auch etwas, das mir besonders im Gedächtnis bleib: „Ich habe Angst, dass ich nie eine Partnerin finden werde, weil ich trans bin.“ Er meinte, dass er dieses Gefühl mit vielen anderen trans Menschen teile. Bis heute werde ich traurig, wenn ich mich daran erinnere. Für mich ist es kaum vorstellbar, wegen meiner körperlichen Merkmale und meiner Vergangenheit abgelehnt zu werden. Was für ein Privileg das ist, verstehe ich erst seit seiner Aussage.
Bis wir ein Paar wurden, hat es dann aber noch eine ganze Weile gedauert. Das hatte aber rein gar nichts mit seinem Trans-Sein zu tun, sondern mit dem Fakt, dass ich nicht kapiert habe, dass er Interesse an mir hat – und ich gekonnt alle offensichtlichen Zeichen ignoriert habe.
Für uns spielt das Trans-Thema im Alltag keine Rolle
Als wir zum ersten Mal miteinander schliefen, kickte bei meinem Freund wieder die Angst vor Ablehnung. Ein Mann mit einer Vagina. Könnte das abstoßend sein? Spoiler: Mir hätte das in dem Moment nicht egaler sein können. Ich habe mich von Anfang an sehr gut aufgehoben gefühlt.
Ich muss sagen: Über diese Anfangszeit zu schreiben, fühlt sich aus heutiger Perspektive seltsam an. Für meinen Freund und für mich ist das alles Jahre her, wir denken beide nur noch selten darüber nach. Welche Geschlechtsteile mein Freund hat, wie wir zusammengekommen sind und ob er in seiner Jugend mal seine Periode hatte, ist für unsere Beziehung komplett unwichtig. Wir haben die gleichen Konflikte wie jedes andere Paar. Wir diskutieren darüber, wer den Abwasch machen muss, nur, um ihn am Ende gemeinsam zu erledigen. Wie mein Freund als Kind ausgesehen hat, ist dabei einfach komplett egal. Wie ist es also, mit einer trans Person zusammen zu sein? Ich würde sagen: Ganz normal.
Diese Kolumne erschien erstmals am 21. Januar 2024.