Dreifachtorschütze im Spitzenspiel: der Botnanger Darwan Hassan (Mitte). Foto: Günter Bergmann
Der Überraschungserste ASV Botnang setzt sein bisher dickstes Ausrufezeichen. In Musberg und Büsnau stehen Neuzugänge fest. Und der SV Bonlanden geht vors Sportgericht.
Es gäbe einiges, was sich nach diesem Spieltag der Fußball-Bezirksliga Stuttgart/Böblingen in den Vordergrund stellen ließe. Zum Beispiel der Krachertransfer, mit dem der TSV Musberg bereits für die nächste Saison aufwartet. Oder das aktuelle Elf-Tore-Spektakel auf dem Frauenkopf. Oder die Tatsache, dass die bittere nächste Niederlage des SV Bonlanden ein Nachspiel am grünen Tisch bekommen wird. Eines hat am Sonntag dann aber alles andere weit überstrahlt. Und das nicht nur, weil es das Gipfelduell zwischen dem Ersten und Zweiten der Tabelle war. Die eigentliche Nachricht mit dickem Ausrufezeichen ist das Ergebnis. ASV Botnang gegen TV Darmsheim: 5:0. Der Lauf des Aufsteigers nimmt immer tollere Züge an. Am Ende tatsächlich mit der Sensation „Durchmarsch in die Landesliga“?
ASV Botnang – TV Darmsheim
Spätestens seit diesem Wochenende dürften jedenfalls auch all jene ins Grübeln kommen, die immer noch geglaubt hatten: na ja, wird sich alles irgendwann relativieren. Eine bemerkenswerte Momentaufnahme, keine Frage. Aber mal ehrlich: ein Meister ASV Botnang? So verrückt kann der Fußball dann doch nicht sein.
Oder vielleicht doch? Der aktuelle Sieg der Botnanger ist der achte in Serie. Und zwar einer, „der allem Bisherigen die Krone aufsetzt“, wie der Trainer Alexander Schweizer konstatiert. Schon die ganze Rückrunde über verblüfft ihn seine Mannschaft von Spieltag zu Spieltag ein Stück weit aufs Neue, diesmal aber legte sie noch eine Schippe drauf. Das Vorhaben, den eigentlichen Titelfavoriten „ein bisschen zu ärgern“, mündete in einen letztlich rauschenden Auftritt mitsamt Demonstration der eigenen Stärke. Und wen wird es in ein paar Tagen noch interessieren, dass der Auftakt dazu unter recht glücklichen Umständen geschah?
Der Elfmeter zum 1:0? „Den gibt sicher nicht jeder Schiri“, räumt Schweizer ein. Und die Entstehung des 2:0? Hätte man im Strafraumgetümmel wohl auch abpfeifen können. So aber wurden diese Szene und deren direkte Folge zum Knackpunkt der Partie: Der Gäste-Kapitän und -Torhüter Alexander Dieterle echauffierte sich über die scheinbare Fehlentscheidung so sehr, dass er bereits nach einer halben Stunde Feierabend hatte. Gelb wegen Meckerns, Gelb-Rot wegen eines Ballwurfs in Richtung des Schiedsrichters. Fortan also in Überzahl machten die Botnanger das Spitzenspiel zur einseitigen Angelegenheit. Oder, um es mit Schweizer zu sagen: „Die Jungs haben guten Fußball gespielt. Sie haben den Gegner laufen lassen und die Dinge astrein umgesetzt.“
Zum Mann des Tages avancierte Darwan Hassan, der dreifach einnetzte – dies zum nächsten Staunen seines Coachs. Der 20-Jährige spielt im defensiven Mittelfeld, mithin gehört das Toreschießen eher nicht zu seiner Kernkompetenz. „Ich weiß nicht, warum er plötzlich so torgefährlich ist“, merkt Schweizer lachend an. Vielleicht ja deshalb, weil für die ganze Mannschaft gerade mehr und mehr eine alte Sportlerweisheit gilt: Wenn’s mal läuft, dann läuft’s.
In der Tabelle hat der Überraschungsspitzenreiter seinen aktuellen Gegner mit der Abfuhr fürs Erste auf sechs Punkte distanziert. Und drei Zähler Abstand sind es nun zum neuen schärfsten Verfolger SV Deckenpfronn, was manch einen wohl schon jetzt erwartungsfroh die Hände reiben lässt. Denn, wie es der Zufall des Spielplans will: Beide Teams werden sich noch direkt gegenüberstehen – und zwar, womöglich dramaturgisch perfekt, just am letzten Spieltag, am 7. Juni in Deckenpfronn.
Wird es der große Showdown um Titel und Aufstieg werden? Schweizers Empfehlung lautet einstweilen: „Man muss die Dinge nicht mehr kleinreden. Klar, wir wollen jetzt so lange, wie die Beine tragen, oben mitspielen.“ Aber: „Es gibt keinerlei Anlass, große Töne zu spucken.“ Das würden die Botnanger selbst dann nicht wollen, wenn es tatsächlich die Landesliga werden sollte. „Auch dort“, blickt Schweizer voraus, „hätten wir wahrscheinlich den kleinsten Etat.“ Und auch dort wären für den Kader lediglich punktuelle Veränderungen vorgesehen. Auf der Suche ist der Verein so oder so nach einer Verstärkung für die Innenverteidigung.
TSV Jahn Büsnau – Spvgg Cannstatt
Die aktuelle Zugabe kam mit den anderen Resultaten. Allemal in die Karten spielt den Botnangern, dass der Mitaufsteiger TSV Jahn Büsnau seine Heimpartie gegen die Spvgg Cannstatt mit 1:3 verloren hat. Nichts also mit einer Revanche fürs Hinspiel, das aus Sicht des Klassenneulings exakt gleich geendet war. „Aber wir haben es dem Gegner auch sehr leicht gemacht“, beklagt der Kapitän Sebastian Lenhardt. Viel Ballbesitz, wenig Kreativität. Erschwerend zudem, dass der Torjäger Marc Hetzel wegen Knieproblemen fehlte.
Im Spitzenplatzrennen verweilen die Büsnauer gleichwohl, schließlich haben sie noch ein Nachholspiel. Schon an diesem Dienstagabend (19.30 Uhr) geht es für sie deshalb weiter. Auswärtsgegner: die Spvgg Holzgerlingen – vor allem für den Trainer Dominik Lenhardt eine besondere Begegnung. Er trifft auf seinen künftigen Verein, zu dem er zur nächsten Saison wechseln wird.
Ebenfalls zur nächsten Saison hat sein Noch-Club zwei erste Neuzugänge fix: So zieht es den Angriffsroutinier Rüchan Pehlivan (32) vom Nachbarn SV Vaihingen an den Adolf-Engster-Weg. Und vom A-Kreisligisten SV Böblingen II kündigt sich der Verteidiger Adnan Rastoder (20) an. Vom bisherigen Kader bleiben unabhängig von der Klassenzugehörigkeit fast alle. Die einzigen Fragezeichen: Nahuel Cascia Rica und der Torschütze vom Sonntag, Kevin Omoregie (beruflich bedingt).
Erleichterung derweil beim Gegner Cannstatt. Er hat mit dem Sieg seinen Abwärtstrend gestoppt. „Ich habe diese Woche ein bisschen den Rauch reingelassen“, berichtet der Trainer Damian Nagler. Der Aufforderung, endlich wieder zur „eigenen Identität zurückzukehren: Ball laufen lassen, Fußball spielen“, Betonung auf „spielen“, kam die Mannschaft trotz unveränderter Verletztenmisere nach. Als Matchwinner betätigte sich Claudio Caruso mit zwei Kontertoren plus einer Torvorlage. Ein anderer sammelte auf einer für ihn neuen Position persönliche Pluspunkte: Alessandro Di Piazza, im bisherigen Saisonverlauf überwiegend Bankdrücker, überzeugte als Linksaußen.
Wechsel vom SV Vaihingen zum TSV Jahn Büsnau: der Angreifer Rüchan Pehlivan. Foto: Guenter E. Bergmann
SV Vaihingen – VfL Herrenberg
Stabilisiert haben sich die Neckarstädter somit auf dem sechsten Tabellenplatz, einen Rang hinter dem SV Vaihingen – auch er ein Team, das sein Zwischentief überwunden hat. Nach „einer Ergebniskrise“, wie der Trainer Tim Schumann es benennt, fuhr seine Torfabrik die Produktion diesmal wieder hoch. Die Gäste vom VfL Herrenberg bekamen beim 6:2 ein halbes Dutzend eingeschenkt. „Super Spiel, super Intensität – es ist cool, wie die Mannschaft aufgetreten ist“, lobt Schumann. Und so kann der Blick nun optimistisch auf die beiden folgenden Schwergewichtsaufgaben in Darmsheim und gegen den ASV Botnang gehen. Auch wenn schon ziemlich viel passieren müsste, um im Klassement selbst noch einmal ganz vorn heranschnuppern zu können.
In ihrer Begegnung an diesem Sonntag steckten die Schwarzbachkicker einen unglücklichen frühen Rückstand unbeeindruckt weg. Nick Rudloff köpfte den Ball beim Abwehrversuch versehentlich ins eigene Tor. Dann glänzte insbesondere einer. Der Youngster Itzak Sandoval kam auf vier Torbeteiligungen. Drei Vorlagen plus ein eigener Treffer. „Ich glaube, viele Vereine würden für so einen Typ Spieler viel Geld ausgeben“, sagt Schumann, „ein Geschenk, dass er bei uns spielt“. Der Haken an der Geschichte: nicht mehr lang. Der ehemalige Vaihinger Jugendkicker weilt nur für ein halbes Jahr auf Heimatbesuch. Ein Praktikum-Aufenthalt im Rahmen seines Studiums. Danach geht es für ihn zurück in die USA.
Kürzer wird der Weg für den Angriffskollegen Rüchan Pehlivan. Aber auch er steigt aus – in seinem Fall mit Zielrichtung nur ums Eck, nämlich zum Staffelrivalen TSV Jahn Büsnau (siehe auch linke Spalte).
TSV Dagersheim – SV Bonlanden
Immer prekärer wird indes die Lage von Pehlivans langjährigem Vorgängerverein, des SV Bonlanden. Dessen Polster zur Abstiegszone schmilzt mit der 2:3-Schlappe beim Drittletzten TSV Dagersheim auf nur noch zwei Punkte, flankiert von einem fassungslosen Trainer Carmine Napolitano. „Wir haben es im einen Teil wie die Bayern gemacht“, bemerkt der Coach, „lagen zur Pause schon drei Tore hinten“. Im zweiten gab es dann aber dummerweise einen Unterschied: Von den Seinen verlief die folgende Aufholjagd ohne Happy End. Art Gashi, Christian Weiller und die Zweite-Mannschaft-Aushilfe Batuhan Görgülü vergaben für eine nach wie vor stark ersatzgeschwächte Gäste-Elf drei Großchancen zum späten Ausgleich.
Ein juristisches Nachspiel dürfte nun folgen, weil die Bonlandener einen Einspruch planen. Größter Aufreger für sie: Nach einem Zusammenprall mit dem Schiedsrichter ging ihr Kicker Dawid Norbert Lebkuchen zu Boden und verlor den Ball. Während alle auf einen Schiedsrichterball warteten, startete der Gegner einen Konter und netzte zum zweiten Mal ein. Ein Pfiff blieb aus. „Ein klarer Regelverstoß des Referees“, ist sich Napolitano sicher – und legt nach: „Der schlimmste Schiedsrichter, den ich in 30 Jahren Trainertätigkeit hatte. Eine solche Arroganz habe ich noch nie erlebt.“
Insgesamt sind damit nun zwei Bonlanden-Fälle am grünen Tisch. Das Urteil zum Abbruchspiel vor drei Wochen bei Croatia Stuttgart steht noch aus. Hierbei zeichnet sich nach Informationen unserer Zeitung eine für die Schwarz-Weißen gute Kunde ab: Die Zähler werden auf ihr Konto gehen, voraussichtlich mit einer Wertung des damaligen Stands von 5:1.
In der nächsten Saison für den TSV Musberg am Ball: der Torjäger Behar Hasanaj. Foto: Archiv/Günter Bergmann
TSV Musberg – SV Rohrau
Damit würden die Bonlandener wieder am Mitstreiter TSV Musberg vorbeiziehen. Letzterer verpasste im Richtungsspiel gegen den SV Rohrau den erhofften Befreiungsschlag. Trotz einer Zwei-Tore-Führung mussten sich die Musberger mit einem 2:2-Unentschieden begnügen. „Insgesamt ein Ergebnis, das in Ordnung geht“, räumt der Trainer Christopher Eisenhardt ein. Das große Aber: „Von den Umständen her sehr bitter.“ Nachdem Ruben Pinheiro Martins im Eins-gegen-Eins mit dem Gästekeeper die Vorentscheidung liegen lassen hatte, schlug der Kontrahent seinerseits mit dem späten Ausgleich zu. Zuvor hatte Denis Bubalo mit einem satten Flachschuss sowie einem herausgeholten Elfmeter vorgelegt.
Die Nachricht, die das Musberger Stimmungsbarometer dennoch steigen lässt, kommt von hinter den Kulissen: So ist dem Verein ein Transfercoup geglückt. Behar Hasanaj, bei Eisenhardts Vorgängerverein Spvgg Cannstatt jahrelang einer der Toptorjäger der Staffel, hat am Turnerweg zugesagt. Zuletzt kickte der Routinier beim Enz/Murr-Bezirksligisten TSV Münchingen, ehe er im Februar nach dortigen Turbulenzen ausschied. „Ich freue mich sehr auf die erneute Zusammenarbeit mit ihm“, sagt Eisenhardt.
Zu klären bleibt, in welcher Spielklasse. Beim Unternehmen Ligaverbleib wartet nun als Nächstes das Stadtderby beim TV Echterdingen II, der bis dahin die deutlich größeren Wunden zu lecken hat. Die Gelb-Schwarzen schenkten in ihrem Spiel beim Tabellenvorletzten Croatia Stuttgart gar einen Drei-Tore-Vorsprung her. Am Ende eines vogelwilden Auftritts lautete das Ergebnis aus Sicht der Echterdinger 5:6, auch in ihrem Fall mit Letzte-Minuten-Frust. Ein Flachschuss des eingewechselten Mandip-Pal Singh kostete selbst noch den Teilerfolg. „Eigentlich fehlen mir da die Worte. Wir haben es erneut nicht geschafft, ordentlich zu verteidigen“, sagt der Trainer Sascha Blessing.
Für Croatia endet hingegen eine Durststrecke von sechs Niederlagen in Serie. „Auch wenn es gegen den Abstieg nichts mehr bringen dürfte: immens wichtig für den Kopf“, sagt der Spielleiter Niki Oroz, in dessen Team sich seit dem Winterausstieg des Leistungsträgers Mirko Perkovic nun bereits Keeper Nummer vier zwischen den Pfosten versuchen durfte. Diesmal war der A-Jugendliche Marko Grgic an der Reihe, Oroz’ Neffe.
Vielleicht ein kleiner Trost für die Kroaten: Gäbe es einen Schönheitspreis in der Staffel, zumindest den hätten sie sich am aktuellen Spieltag unstrittig verdient. Gleich drei ihrer Treffer entstammten der Kategorie „Traumtore“: Duje Tokic mit Karacho aus spitzem Winkel, Nenad Stevanovic per 25-Meter-Freistoß – und dann vor allem Lovro Kobasic. Er versenkte die Kugel gegen seinen Ex-Verein per Fallrückzieher.
Eine Komponente mehr, die nach diesem Sonntag im Vordergrund stehen könnte. Wäre da halt nicht dieser ASV Botnang.
Die Statistik zum 24. Spieltag
VfL Oberjettingen – SV Nufringen 1:2. Tore: 0:1 Ciuffreda (67.), 1:1 Yannick Ruß (85.), 1:2 Berner (88.). Besonderes: Gelb-Rot für Gülcek (Oberjettingen, 45.+3) und Schmolla (Nufringen, 78.); Yannick Ruß (Oberjettingen) scheitert mit Foulelfmeter am Pfosten (90.+5)