Während dem Büsnauer Fermin Wences (links) ein kurioses Eigentor unterlief, ebnete Rick Hachenbruch (rechts) für den Spitzenreiter Botnang den Weg zum nächsten Sieg. Foto: Archiv/Günter Bergmann
In der Fußball-Bezirksliga Stuttgart/Böblingen glänzt für die Spvgg Cannstatt ein lange verletzter Rückkehrer – und das Sportgericht fällt zwei Urteile zu Einsprüchen des SV Bonlanden.
Zwei Sportgerichtsurteile, ein „Drecksspiel“ mit 15 gelben Karten und dem wohl kuriosesten Eigentor der Saison – dazu ein Spitzenduo, das weiter gewinnt und gewinnt. Das sind die Schlagzeilen rund um den aktuellen Spieltag der Fußball-Bezirksliga Stuttgart/Böblingen. Fünf Wochen vor Schluss ist in jener die Wahrscheinlichkeit weiter gestiegen, dass es zu einem großen Aufstiegsshowdown kommen wird. ASV Botnang oder SV Deckenpfronn? Entscheidet sich das Titelrennen erst ganz am Ende zwischen diesen beiden? Oder vermag doch noch einer der diesmal sieglosen Verfolger dazwischen zu grätschen?
SV Nufringen – ASV Botnang
Einstweilen steigt die Stimmung beim Überraschungstabellenführer ASV Botnang weiter. Und das nicht nur wegen des eigenen neunten Siegs in Serie. Die Zugabe zum zur Abwechslung einmal eher unspektakulären 2:0 in Nufringen folgte abseits des Rasens. Der Trainer Alexander Schweizer und die Seinen hockten bereits in voller Mannschaftsstärke in der Dönerbude, als endlich die Ergebnisse der Konkurrenz eintrudelten. Großes Hurra: kein Sieg für Darmsheim, kein Sieg für Vaihingen, kein Sieg vor allem für Büsnau. Fast alle Mitbewerber um einen der ersten beiden Plätze haben Punkte liegen gelassen. Sechs Zähler Abstand sind es nun bereits zu Rang drei. „Dass die Feierlichkeiten trotzdem human ausgefallen sind, hat nur einen Grund“, sagt Schweizer und lacht: „Alle waren nach unserer anstrengenden Begegnung platt.“
Und man sollte sich ja auch noch Steigerungspotenzial bewahren. Ein nächster Schritt ist es jedenfalls in Richtung eines möglichen tollen Saisonfinales am 7. Juni in Deckenpfronn. Sowohl seinem eigenen Team als auch jenem des Kontrahenten aus dem Landkreis Böblingen attestiert Schweizer eine bisher „unfassbare Rückrunde“. Eine, in der ein beim Coach gelandeter Zuschauer-Kommentar die inzwischen geweckten Botnanger Gelüste treffend beschreibt: „Auf geht’s, Männer! Jetzt wollen wir das Unmögliche möglich machen.“ Sprich: tatsächlich den Durchmarsch in die Landesliga schaffen,. Dies wäre der größte Erfolg in der Fußball-Abteilungsgeschichte des Vereins.
Einstweilen zeigte die Mannschaft auch unter schwierigen Bedingungen die nötige Beharrlichkeit und Geduld. Natur- statt Kunstrasen, und ein Ball, der laut Schweizer „auf bockelhartem Boden wie ein Flummi gesprungen ist“ – so wurde es 45 Minuten lang ein mühsames Tun. In Durchgang zwei ebnete dann aber Rick Hachenbruch den Weg. Mit einer Körpertäuschung ließ der 27-Jährige die gegnerische Abwehr aussteigen und drosch die Kugel ins lange Eck. Eine feine Einzelleistung, nach welcher ein Kontertor von Darwan Hassan alles klar machte. Passend zum somit erneuten Jubel, dass für die nächste Saison ein erster Neuzugang sicher ist: Der Innenverteidiger Michael Höschele (28) kommt vom A-Kreisligisten TB Untertürkheim.
VfL Herrenberg – TSV Jahn Büsnau
Von den erwähnten Verfolgern scheint unterdessen vor allem der TSV Jahn Büsnau mit dem falschen Fuß aufgestanden zu sein. Fünf Tage zuvor noch rauschender 6:3-Nachholspielsieger in Holzgerlingen, strauchelte der bisherige Zweite nun in Herrenberg. Diesmaliger Endstand: ein 2:3. Einmal top, einmal hopp. Oder, um es mit dem sportlichen Leiter Ralf Lenhardt zu sagen: „Ein Drecksspiel mit einem ärgerliche Resultat für uns.“
Auf einem „großen Acker“ versickerte der Büsnauer Spielfluss in einem Wust aus Zweikämpfen und Unterbrechungen. Am Ende hatte der Schiedsrichter 15-mal Gelb gezogen, daraus resultierend Gelb-Rot für den Keeper Simon Hochschein, der sich nach dem Abpfiff über diesen Umstand zu deutlich beklagte. Symptomatisch das zweite Gegentor der Gäste. Fermin Wences schoss sich den Ball beim Klärungsversuch gegen die Stirn, worauf das Leder in die eigenen Maschen flog. Ein Treffer aus der Slapstick-Kategorie – und das wohl kurioseste Eigentor der Saison. „Vorwurf kann man ihm da überhaupt keinen machen“, sagt der Kapitän Sebastian Lenhardt. Dumm gelaufen halt, so wie schon beim aus Lenhardt-Sicht „kompletten Quatsch-Elfmeter“ zum 0:1. Und so wie auch in puncto derzeitige Personalkonstellation.
Wo am Sonntag das Trainerteam und die beiden Torjäger waren? Die Antwort: Dominik Lenhardt, Yannik Breuninger und Cedric Hornung weilen alle im bereits vor Monaten gebuchten Urlaub – sie werden erst am übernächsten Spieltag wieder zugegen sein. Und Marc Hetzel ist fürs Erste mit Knieproblemen raus. Schlechtes Timing irgendwie.
Trotzig klingt es da, wenn Lenhardt, der Jüngere, der aktuell zusätzlich das Coaching übernahm, sagt: „Jetzt kommen drei echt geile Spiele, auf die wir uns freuen.“ Darmsheim, Botnang, Vaihingen. Danach könnte der Büsnauer Ebenfalls-Traum vom Durchmarsch ausgeträumt sein – oder aber gerade doch noch einmal aufleben?
Tim Schumann, der Trainer des Nachbarn SV Vaihingen, zieht lieber keine voreilige Bilanz. Im Fall der Seinen sind es nach dem wenn auch überzeugenden 2:2 beim TV Darmsheim sogar bereits sieben Punkte Kluft zur Aufstiegszone. Doch wie sagt Schumann? „Ich würde da noch nichts zu hundert Prozent abschreiben. Dafür ist diese Liga viel zu irre.“ Die Vaihinger Nagelprobe folgt am nächsten Sonntag: dann mit dem Botnang-Gastspiel am Schwarzbach.
Die Chancen für eine zuvor bessere Ausgangsposition vergab der Tabellenfünfte im Schumann’schen Quasi-Heimauftritt in dessen Wohnort Sindelfingen. „Eines der interessantesten Bezirksliga-Spiele, die ich seit langem gesehen habe. Von der Intensität her richtig cool“, sagt der Trainer. Das Aber: „Wir haben den Ball trotz eines leichten Übergewichts einfach kein weiteres Mal über die Linie gebracht.“ Pech kam hinzu, dass die laut Coach „ansonsten sehr gute Schiedsrichterin“ Lilly Temme einem Treffer von Maximilian Eisentraut die Anerkennung verweigerte. Knapp zu Unrecht, wie Videobilder zeigten: Es war kein Abseits.
So blieb es im Duell der beiden vormaligen Meisterschaftsfavoriten beim zweimaligen Ausgleich durch Tyron Ferrari und Eisentraut, die nun in der Addition bereits bei 31 Saisontoren stehen (16 und 15). „Zusammen fast ein Fabijan Krpan“, merkt Schumann schmunzelnd an. Zur Erinnerung: Der Vaihinger Rekordknipser hatte in der vergangenen Saison 38-mal eingenetzt, ehe er in die Landesliga zum TSV Plattenhardt wechselte.
Der Vaihinger Youngster Tyron Ferrari steht nun bereits bei 16 Saisontreffern. Foto: Archiv/Günter Bergmann
SV Bonlanden – VfL Oberjettingen
Aktuell größter Gewinner ist indes keines der Spitzenteams – sondern der SV Bonlanden. Wer sonst könnte von sich behaupten, an einem Wochenende gleich sechs Punkte auf sein Konto gebucht zu haben? Den Filderstädtern ist eben dieses Kunststück gelungen. Denn zum 5:2-Pflichtsieg gegen den Tabellenletzten VfL Oberjettingen kommt die erhoffte Kunde vom Sportgericht hinzu: Das Urteil zum Ostermontag-Abbruchspiel bei Croatia Stuttgart steht fest. Wie erwartet geht die Begegnung mit dem damaligen Spielstand von 5:1 für die Schwarz-Weißen in die Wertung.
Beendet ist das Thema „grüner Tisch“ damit allerdings noch nicht. Weitaus weniger gefällt den Bonlandenern der zweite Richterspruch. Abgelehnt ist ihr Protest nach dem 2:3 vor Wochenfrist in Dagersheim – worauf der Verein nun vor der nächsthöheren Instanz in Berufung gehen will. Wie berichtet war der Schiedsrichter mit einem Bonlanden-Kicker zusammengeprallt. Aus dem daraus resultierenden Ballverlust entstand ein Gegentor, das zählte. „Ein klarer Regelverstoß“, ist der Trainer Carmine Napolitano mit den Seinen nach wie vor überzeugt. „Eine unglückliche Begebenheit. Aber da der Schiedsrichter den Ball nicht berührt hat, gilt er in einem solchen Fall als Luft“, erläutert hingegen Marc Hetzel als Chef des Bezirksportgerichts die eigene Sichtweise.
Auf dem Rasen trotzten die Bonlandener indes ihrer anhaltenden Personalmalaise: Ohne acht eigentliche Stammkräfte sprangen zwei andere als Matchwinner in die Bresche. Daniele Sinesi, gerade erst aus einer Rotsperre zurück, schlenzte den Ball mit dem Außenrist zur Führung ins Tor. Und Art Gashi bereitete mit starken Flankenläufen zwei Treffer vor.
Zwischen den Pfosten stand erneut der Youngster Jonas Aisslinger – was für den Rest der Saison so bleiben könnte. Der Platzhirsch Luca Wiedmann kämpft weiterhin mit den Nachwirkungen einer Grippe. Geplatzt ist die Verpflichtung des Linksverteidigers Luca Vochazer (TSV Oberboihingen). Der 23-Jährige hat sich für einen Wechsel nach Plattenhardt entschieden.
TV Echterdingen II – TSV Musberg
In der Tabelle springen die Bonlandener auf den siebten Platz, wohingegen man bei zwei Fildernachbarn weiter rechnen muss. Freilich, auch der TSV Musberg machte mit seinem Derby-4:0 beim TV Echterdingen II einen wichtigen Schritt. Viermal nacheinander hatten die Musberger das Ortsduell in Liga und Pokalwettbewerb zuletzt verloren. Diesmal gelang die Revanche. „Die Mannschaft hat gut gearbeitet und sich dafür belohnt“, sagt der Trainer Christopher Eisenhardt, für den es somit eine eigene freudige Rückkehr wurde. Von 2018 bis 2020 hat er in den Goldäckern die dortige erste Mannschaft angeleitet.
Beim Wiedersehen stellte Daniel Frenzel Medina die Weichen auf Auswärtssieg. Er wartete als Doppeltorschütze auf. Als Doppelvorlagengeber glänzte Ruben Pinheiro Martins, der als nächster Leistungsträger um ein Jahr verlängert hat. Allerdings trafen die Gäste auch auf einen schwachen Gegner. Für die Echterdinger stand unter dem Strich die sechste Niederlage aus den vergangenen sieben Spielen – dies mit anhaltender Schießbuden-Tendenz. In ihren drei jüngsten Begegnungen haben die Gelb-Schwarzen 14 Gegentreffer geschluckt.
„Es ist gerade viel zu einfach, was wir da kassieren“, konstatiert der Trainer Sascha Blessing, dessen allmählich bange Mahnung steht: „Wir müssen jetzt ergebnistechnisch wieder in die Spur kommen, damit es nicht noch ungemütlich wird.“ Der Abstand zu Platz zwölf, nach jetzigem Stand der Relegationsrang, beträgt nur noch fünf Punkte.
Entspannter können da Croatia Stuttgart und die Spvgg Cannstatt ihr Restprogramm angehen. Die Kroaten, weil bei ihnen im Tabellenkeller mittlerweile keiner mehr an eine Rettung glaubt – und die Neckarstädter, weil sie nach ihrem aktuellen 6:2-Sieg eben bei diesem Gegner praktisch endgültig aller Sorgen ledig sind. Die zwischenzeitlich latent wabernde Gefahr, im Klassement womöglich durchgereicht zu werden, ist gebannt. Am Sonntag drehten vor allem drei Spieler auf. Kijan Krijestorac feierte nach achtwöchiger Verletzungspause wegen eines Bänderrisses ein furioses Startelf-Comeback. Als hängende Spitze kam er auf vier Torbeteiligungen. Die Vollstreckerrolle übernahmen derweil Alessandro Di Piazza (drei Tore) und Claudio Caruso (zwei Tore). Einziger Kritikpunkt des Trainers Damian Nagler: „Wir hatten zu viele leichte Fehler im Spielaufbau.“
Doch war dies ein Jammern auf hohem Niveau. Beim Gegner gehen demgegenüber wie angedeutet die Bezirksliga-Lichter aus. Nachdem Mario Mamusa mit einem Lattentreffer die 2:2-Ausgleichsmöglichkeit vergeben hatte, wurden die Beine schwer. Wohl nicht nur wegen der Tabellenkonstellation und der drückend sommerlichen Temperaturen – auch hat der am Abend zuvor gefeierte Junggesellenabschied des Spielers David Vukovic seine Spuren hinterlassen, mutmaßt der Spielleiter Niki Oroz.
Für die nächste Saison, dann wohl in der Kreisliga A, zeichnet sich laut Oroz „ein Riesenumbruch“ ab. Der Verein tendiert zu einem Neuaufbau, bei dem er verstärkt auf den eigenen Nachwuchs setzen will. Bisherige Schlüsselspieler wie Mamusa (Umzug nach Rosenheim), Duje Tokic und Nenad Stevanovic werden respektive wollen gehen. Auch Oroz selbst plant seinen Ausstieg.