Landesverband schlägt Alarm „Musikunterricht an Schulen kommt zu kurz“

Musik wird an unseren Schulen oft stiefmütterlich behandelt. Foto: /Funke Foto Services//Markus Weissenfels

Der Hochschullehrer und Pianist Hans-Peter Stenzl findet, dass Musik der Schlüssel zu einer besseren Gesellschaft ist – und stellt deshalb Forderungen an den Schulunterricht.

Hans-Peter Stenzl ist Pianist und Professor an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart. Seit Juni ist er Vorstand des baden-württembergischen Tonkünstlerverbandes. Im Interview erzählt er, weshalb die drohende Umsatzsteuer auf den Musikunterricht fehlgeleitet ist, was andere Länder besser machen und warum Musik schon früh gelernt werden sollte.

 

Herr Stenzl, lohnt es sich heutzutage noch, Berufsmusiker zu werden?

Auf jeden Fall! Und zwar deshalb, weil die Beschäftigung mit Musik eine der schönsten ist, die man sich vorstellen kann. Ich weiß natürlich, dass hinter Ihrer Frage eine andere steckt: Kann man sich das heute noch leisten?

Darauf wollte ich hinaus.

Ich sage es jetzt ganz vorsichtig, aber uns geht es natürlich darum, dafür zu kämpfen, Musikern ein Auskommen zu sichern, das ihnen ein Leben in diesem Beruf ermöglicht. Wenn man sich für ein Musikstudium entscheidet, hat man auf jeden Fall wunderschöne Studienjahre vor sich. Es gibt aus meiner Sicht kein Studium, das die Persönlichkeit ähnlich tiefgründig und nachhaltig ausprägt.

Hans-Peter Stenzl Foto: Hostrup-Fotografie

Und nach den Studienjahren?

Die Hauptgruppe unserer Mitglieder sind freischaffende Pädagogen. Man hat auch die Möglichkeit, auf Lehramt zu studieren oder sich für ein Orchester zu qualifizieren. Leider ist es so, dass gerade der Musikunterricht an Schulen zu kurz kommt. Es gibt schon viel zu lange Stundenkürzungen und Lehrermangel. Musik fällt dann gerne hinten runter. Mit der Aufnahme eines Musikstudiums trägt man im Prinzip auch dazu bei, dass die Gesellschaft eine bessere wird.

Das ist schön gesagt.

Die meisten haben heute nach mehreren aufeinander aufbauenden Studienjahren eine künstlerische Höchstqualifikation!

Und dennoch sind die Unsicherheiten groß.

Ja, Altersarmut ist ein großes Thema. Nach Corona waren die Auftrittsmöglichkeiten auch deutlich geringer, und lange Zeit blieb das Publikum aus. Im Moment wird es langsam wieder besser, aber eigentlich nur für ausgewählte Veranstaltungen, die mit den Stars der Musikszene stattfinden.

Wie könnte man die Situation verbessern?

In unserem Verband sind wir vor allem für die Privatmusikerzieherinnen und -erzieher zuständig, die mit ihren Schülerkreisen vor Ort und in der Nachbarschaft arbeiten. Es wird also die nächste Generation ausgebildet. Daneben liegen die Grundlagen in der Familie und in der Grundschule. Sprich, es muss gesungen und eine grundlegende musikalische Bildung angelegt werden. Es muss gelernt werden, wie man Noten liest, und so fort. Wenn man heute aufgrund von Pisa-Studienergebnissen jammert, so muss man natürlich auch ganz klar sagen, dass gerade die musische Erziehung Fähigkeiten wie lesen und rechnen fördert. Man sollte nicht unterscheiden zwischen den Grundfähigkeiten, die in der Gesellschaft anerkannt sind, und denen, die diese Grundfähigkeiten fördern.

Also lautet Ihr Appell?

Wissen Sie, ich ärgere mich unglaublich darüber, dass in einer ansonsten so wissenschaftsgläubigen Gesellschaft und Politik genau diese Erkenntnisse, die ja längst keine Spekulationen oder sentimentalen Bekundungen eines Musikprofessors sind, nicht umgesetzt und keine Konsequenzen gezogen werden. Stattdessen wird der Musikunterricht gekürzt oder gar ganz gestrichen, und dann gerät natürlich das gesamte Gebilde in eine Schieflage.

Gibt es Vorbilder, die es besser machen?

Es ist kein Wunder, dass wir an deutschen Musikhochschulen immer mehr Zuwachs aus asiatischen Ländern haben, weil dort das Musische ein essenzieller Bestandteil der gesamtheitlichen Menschbildung ist. Und bei uns streitet man sich darum, ob das Erlernen eines Instrumentes eine steuerpflichtige Freizeitbeschäftigung sein soll oder eine steuerbefreite Bildungsleistung. Die Angst unter den Musiktreibenden ist groß.

Sie meinen die drohende Umsatzsteuer auf Instrumental- und Vokalunterricht, die ab Januar 2025 in Kraft treten soll und gegen die Sie derzeit in Ihrem Verband eine Petition erheben. Es besteht die Sorge, dass sich dann viele den teureren Unterricht nicht mehr leisten können.

Genau. Denn wissen Sie, um seine Kunst qualitativ gut auszuüben, braucht man ein Gefühl an Mindestsicherheit. Sonst bringt man auch nicht die kreative Energie und Kraft auf.

Wie lässt sich nun trotz aller Bedenken Nachwuchs generieren und auch halten?

Es wird viel diskutiert über andere Konzertformate im klassischen Bereich, über lockere Kleidung, Gesprächskonzerte mit den großen Stars. Man möchte eine gewisse Nahbarkeit schaffen. Aber letztendlich sollte die Musik für sich sprechen. Man muss die Begegnung ermöglichen zwischen dem jungen Menschen und der hochwertig ausgeübten Musik. Und dies vielleicht noch als Verantwortlicher, sprich als Elternteil, als Lehrer, als Professor interessiert begleiten, dann, glaube ich, springt der Funke über. Ich bin da sehr optimistisch. Die Kräfte, die von der Musik ausgehen, sind ja nicht weniger geworden.

Vermutlich sind sie mehr geworden . . . 

Es ist vielleicht vielfältiger geworden. Jedenfalls mangelt es nicht an hervorragend ausgebildeten Musikern. Es mangelt an der Begegnung in einem entscheidenden Alter. Da muss die Neugier geweckt werden, müssen Resonanzen stattfinden, die dann ein Leben lang bestehen bleiben.

Hans-Peter Stenzl: Musiker und Standesvertreter

Funktionär
Hans-Peter Stenzl ist Vorsitzender des Tonkünstlerverbandes Baden-Württemberg und erster Vizepräsident des Bundesverbandes Deutscher Tonkünstler, der mit rund 9000 Mitgliedern der älteste und größte deutsche Musikverband und die Standesvertretung der Musikberufe ist. Dazu zählen Musiklehrkräfte, Studierende und Lehrende an Musikhochschulen sowie professionelle Musikerinnern und Musiker aller Richtungen. Im Juni feierte der baden-württembergische Verband 75-jähriges Jubiläum

Pianist
Stenzl, gebürtig aus Schwäbisch Gmünd, ist Pianist und zusammen mit seinem Bruder Volker Stenzl bildet er das international renommierte und mit zahlreichen Preisen ausgezeichnete Klavierduo Stenzl. Er unterrichtet unter anderem an der Stuttgarter Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Solo und Duo am Klavier.

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