Bildung in Baden-Württemberg Wollen Sie Kultusministerin bleiben, Frau Schopper?
Was die Schulpolitik in Baden-Württemberg nach der Wahl leisten muss und ob sie Kultusministerin bleiben will, verrät Kultusministerin Theresa Schopper im Interview.
Was die Schulpolitik in Baden-Württemberg nach der Wahl leisten muss und ob sie Kultusministerin bleiben will, verrät Kultusministerin Theresa Schopper im Interview.
Das letzte Schuljahr der Legislaturperiode bricht an. Es ist auch das letzte Schuljahr von Theresa Schoppers erster Amtsperiode als grüne Kultusministerin im Land. Im Interview spricht sie über ihre Pläne und ihre Bilanz.
Was ist Ihr wichtigster Erfolg?
Dass wir die Grundschulen ins Zentrum der Schulpolitik geholt und die frühkindliche Bildung mit unserem Sprachfit-Programm in der Fläche des Landes gestärkt haben. Zu viele Kinder erreichen nicht den Regelstandard oder scheitern sogar am Mindeststandard in den Basiskompetenzen Lesen, Schreiben und Rechnen. Da konnten wir uns nicht mit konsequenten Förderangeboten begnügen, sondern haben eine Verpflichtung zur frühen Sprachförderung etabliert. Das ist mir das Wichtigste.
Was wurmt Sie, weil es nicht geklappt hat?
Ich hätte sehr gern mehr Ethikunterricht an die Grundschulen gebracht und noch mehr Kinder mit muttersprachlichem Unterricht unterstützt, wie wir es uns im Koalitionsvertrag vorgenommen hatten. Dazu ist es nicht gekommen. Stattdessen haben wir Sprachfit gestemmt – und das in einem Flächenland, was wirklich eine Herausforderung ist.
Im März 2026 wird wieder der Landtag gewählt. Was muss das Land schulpolitisch in der nächsten Wahlperiode anpacken?
Bildungspolitik braucht Kontinuität – rein in die Kartoffeln, raus aus den Kartoffeln bringt da gar nichts. Deshalb müssen wir uns weiterhin auf die Kinder konzentrieren, die sich mit dem Lernen schwer tun – in der Frühförderung vor der Schule und in der Grundschule.
Wollen Sie Kultusministerin bleiben?
Ich kandidiere nicht für den Landtag, und in der Politik hat man einen Arbeitsvertrag auf Zeit. Ob ich Kultusministerin bleibe, hängt davon ab, wie die nächste Landesregierung ausschaut. Entscheiden werden das andere. Aber ich sage mal so: Fluchtgedanken habe ich nicht.
Nach langer Zeit mit einer verkürzten Schulzeit, startet jetzt das neue G9. Wie holprig wird der Start?
Wir gehen mit den ersten zwei Jahrgängen jetzt an den Start. Die alten Stundenzahlen im G 8 haben die Vereinbarkeit von Familie und Beruf erleichtert. Es zeichnet sich ab, dass das mit den neuen Stundentafeln nicht mehr so einfach ist. Denn im Grunde ist jetzt am Mittag die Schule aus. Das ist die Kehrseite der Medaille mit der neunjährigen Schulzeit. In der fünften, sechsten Klasse sagen die wenigsten Eltern guten Gewissens: Kind, da ist noch Risotto von gestern, wärm das in der Mikrowelle auf, und mach danach Deine Hausaufgaben. So einfach ist es nach meiner Erfahrung in der Lebensrealität mit Kindern eher nicht. Das wird vielen Familien jetzt erst klar. Dabei geben wir insgesamt 14,5 Stunden mehr rein in die ganze Schulzeit. Wir wollen das Gymnasium ja nicht nur zeitlich strecken, sondern auch besser machen.
Was ist die wichtigste Neuerung?
Dass wir in der fünften und sechsten Klasse mit Medienbildung beginnen und in den höheren Klassen im Fach Informatik weiterführen. Da geht es nicht nur um naturwissenschaftliche Ansätze oder die Frage, wie ich einen Algorithmus programmiere, sondern um die gesellschaftlichen Auswirkungen der neuen Medien, was Fake News für die Demokratie bedeuten, und dass man viele Tiktok- oder Insta-„Informationen“ nicht für bare Münze nehmen kann. Das ist für die jungen Leute die wichtigste neue Kompetenz. Sie müssen mit Handys, Computern, Tablets gut umgehen lernen.
Ulrich Trautwein, der Vorsitzende Ihres Wissenschaftlichen Beirats, sagt, dass die längere Lernzeit im Gymnasium eine Verpflichtung zur Exzellenz darstellt. Wie sehen Sie das?
In diesem Jahr sind etwa 42 Prozent der Kinder in der fünften Klasse auf ein Gymnasium gewechselt. Solche Quoten hatten wir früher in der Hauptschule. Da ist die Frage, was für einen Exzellenzbegriff man anwendet. Ich glaube, das Humboldt’sche Bildungsideal trägt in dieser Realität nicht mehr uneingeschränkt. Mir ist wichtig, dass in der neunjährigen Schulzeit nicht mehr so viele Schüler in der Mittelstufe des Gymnasiums die Schulart wechseln müssen. Mein Anspruch an das neue Gymnasium ist, dass ein höherer Anteil der Schüler bis zum Abitur gebracht wird. Die alte Tendenz, in der Mittelstufe großzügig „abzuschulen“ – scheußliches Wort –, muss jetzt umgedreht werden. Die Zeit zum Fördern, damit Schüler mit Schwächen ihre Defizite überwinden, gibt es jetzt im Gymnasium. Heutzutage muss jede Schulart mit einer heterogenen Schülerschaft umgehen können.
In einem Buch haben Sie sich für Zielvorgaben in der Schulentwicklung ausgesprochen. Nimmt man die Vergleichsarbeiten in der achten Klasse, ist die Zahl der Spitzenschüler an Gymnasien nicht gerade groß. 2024 erreichten in Mathe nur 14 Prozent den Optimalstandard. Wie viele Spitzenschüler sollen es sein, wenn in drei Jahren die ersten Achtklässler des G9 Vergleichsarbeiten schreiben?
Ich werde da jetzt keine Prozentzahl nennen…
… wieso nicht? Sie sind doch für Zielvorgaben!
... Mathe ist fürs Alltagsleben so wichtig, dass 14 Prozent der Gymnasiasten im Spitzenniveau natürlich zu wenig sind. Das sollte mit dem G9 besser werden, denn wir stärken da auch den mathematisch-naturwissenschaftlichen Bereich und die Physik und etablieren sehr viel mehr Praxisbezug. Aber mir geht es nicht nur um das Gymnasium: Grundsätzlich muss die Leistungsspitze in allen weiterführenden Schularten zunehmen.
Zum Ende der Legislaturperiode führen Sie eine Identifikationsnummer für jeden Schüler ein – wieso jetzt?
Im Hintergrund wabert das Thema ja schon viele Jahre, alle Kultusminister befassen sich damit. Wir brauchen bessere Instrumente, um die Leistungsfähigkeit der Schulen und ihre Entwicklungen zu beurteilen. Deshalb haben wir Lernstandserhebungen und Vergleichsarbeiten eingeführt. Wir müssen auch die Bildungslaufbahn im Längsschnitt analysieren können – dazu braucht es die ID. Auch die Bundesregierung hat entsprechende Pläne. Das muss man koordinieren.