Pfarrer Ivan, wie ihn die Gläubigen in Bissingen in Bayerisch-Schwaben nennen, glaubt nicht mehr daran, dass Jesus der Sohn Gottes ist. Auch von den Heiligen in der katholischen Erzählung hält er nicht viel – unter diesen, so sagt er, seien nicht wenige „zwielichtige Personen“ gewesen. Deshalb hat Ivan Kuterovac, 42 Jahre alt, seinen Kirchenjob in der Gemeinde nahe Donauwörth gekündigt, zum 1. Dezember. Seit elf Jahren war der gebürtige Kroate katholischer Priester, die letzten zwei in Bissingen. In seinem Büro hat er das Kreuz abgehängt. Aus der katholischen Kirche ist er ausgetreten. Er glaubt an Gott als „allgegenwärtige Kraft“, wolle aber nicht mehr „Gottes Vorgesetzter“ auf Erden sein.
Klar, Jesus habe es gegeben, er sei historisch nachgewiesen. Aber Gottessohn? „Ich glaube, dass Jesus ein guter Mensch war und Gott durch seinen Lebenswandel sehr nahe stand“, sagt Kuterovac. „Seine Botschaft schätze ich sehr und sehe ein, dass sie durch die Jahrhunderte die Menschen zum Guten verleitet und unserer abendländischen Kultur große Humanität verliehen hat. Dennoch glaube ich weder daran, dass er Sohn Gottes und wahrer Gott ist, noch daran, dass sein Tod von Gott gewollt wurde und damit für den Menschen ‚erlösend’ ist.“
Kuterovac glaubt an Gott
An Gott an sich glaubt Kuterovac durchaus als „allgegenwärtige Kraft, die alles durchdringt. Gott ist absolut, deswegen auch fehlerfrei und heilig.“ Daher tut sich Kuterovac auch schwer mit der Verehrung der Heiligen. „Heilig kann nur Gott allein sein. Die Lehre der Kirche finde ich an dieser Stelle inkonsequent: Einerseits bekennt die Kirche schon, dass Gott allein heilig ist. Andererseits hat sie ein Register mit unzähligen Heiligen, von denen nicht wenige aber zwielichtige Persönlichkeiten waren.“ Für inkonsequent hält der Priester auch das katholische Eucharistieverständnis: „Wenn Jesus – als vermeintlicher Gott – in diesem Brot durch den Dienst der Kirche und ihrer Amtsträger tatsächlich real präsent wäre, wie die Kirche es lehrt, dann wäre er manipulierbar und dem Menschen ausgeliefert.“ Allein: „Ein Gott, den der Mensch kontrollieren kann, ist kein Gott.“ Daher lehnt Kuterovac auch Segen und Gebete ab, ebenso Fürbitten. Über deren regelmäßiges Verlesen sagt der Priester: „Es schien mir irgendwann so, als wäre ich ‚Gottes Vorgesetzter’, der ihm zum Beginn der neuen Woche im Sonntagsgottesdienst die Aufgaben zuteilt.“
Werden die Bissinger ihren ungläubigen Pfarrer wohl vermissen? „Von den meisten habe ich für meine Ehrlichkeit viel Zuspruch erfahren“, sagt Kuterovac. „Die meisten kommen, wenn überhaupt, selbst nur aus Tradition und zum Leute-Treffen in die Messe. Wichtig bin ich ihnen weniger als Geistlicher und mehr als Bezugsperson.“
Priester forderte Trauung gleichgeschlechtlicher Paare
Kuterovac ist kein Einzelfall. Im Sommer 2023 hatte der 44-jährige Christoph Melzl in Wackersdorf in der Oberpfalz als Priester hingeworfen. In seinen elf Jahren als Priester wurde er immer kirchenkritischer, Reformen bei den Katholiken liefen ihm viel zu langsam. Er forderte die Trauung schwuler und lesbischer Paare und dass auch Frauen Pfarrerinnen werden dürfen.
Die letzte Trennung in Bayern gab es erst zum Wochenbeginn: Markus Schürrer, Seelsorger und Pfarrer in Breitengüßbach bei Bamberg, gab auf. Er ist an der Verwaltungsarbeit verzweifelt und beklagt, dass es ihm kaum noch möglich gewesen sei, sich persönlich um die Gläubigen zu kümmern.
Pfarrer Ivan will künftig als „freier Redner“ arbeiten, Pfarrer Melzl nimmt eine Tätigkeit im „nichtkirchlichen Bereich“ auf, Markus Schürrer freut sich, in seinem neuen Beruf „für Menschen da zu sein“.