Blick zurück: Lilian Böhringer Die Schönheit der Tage

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Lilian Böhringer aus Waiblingen war die Miss Germany des Jahres 1968. Ein Blick zurück auf eine Karriere als Mannequin und Geschäftsfrau.

Inzwischen ist Lilian Böhringer  65. Dass ihr das kaum anzusehen ist, schreibt sie ihren Genen zu. Foto: Gottfried Stoppel
Inzwischen ist Lilian Böhringer 65. Dass ihr das kaum anzusehen ist, schreibt sie ihren Genen zu. Foto: Gottfried Stoppel

Waiblingen - Es ist zu kühl, um auf die Terrasse zu sitzen. Der Blick von der weißen Ledercouch durch die gläserne Panoramawand in den gepflegten Garten ist auch ein Genuss. Vögel zwitschern, Sträucher rascheln. Sonst: nichts. Ein Traum? Auf jeden Fall Zeit für ein Gläschen Crémant. „Ich hol die schönen Gläser, dann schmeckt’s besser“, sagt die Hausdame und schreitet auf glänzenden schwarzen High Heels davon.

Lilian Böhringer weiß, wie man aus ein paar gewöhnlichen Stunden einen ungewöhnlichen Tag zaubert. Auf dem Keyboard im Salon griffen einst Udo Jürgens und Götz Wendlandt in die Tasten, auf ihren Partys tummelten sich Modedesigner und Banker, die Gästelisten waren ein kleines Who’s who der 70er und 80er Jahre. Lilian Böhringer kannte so ziemlich jeden, beinahe wäre sie die Klatschkolumnistin der „Bild“ in Stuttgart geworden. „Das war eine witzige Zeit“, sagt Lilian Böhringer. Darauf einen Toast!

Als Lilian im Februar 1948 im fränkischen Forchheim zur Welt kommt, heißt sie mit Nachnamen Atterer. Sie hat drei ältere Geschwister, die Eltern betreiben einen Weinhandel und ein Restaurant. Lilian Böhringer sagt, sie sei ein Landei gewesen. Immerhin ein großes, schlankes, charismatisches Landei: mit 20 führt sie im Ballsaal des Bayerischen Hofs ein türkisfarbenes Abendkleid über den Laufsteg, schlendert in einem schwarzen Badeanzug an den Augen der geladenen Ehrengäste vorüber und plaudert unbefangen mit Nadja Tiller und Hans-Jürgen Bäumler, die den Auftritt bewerten. Am Ende des Abends ist das vermeintliche Landei offiziell die schönste Frau Deutschlands: Miss Germany 1968.

100 000 Mark und einen BMW 2000 als Lohn für die Schönheit

Lilian Böhringer erinnert sich nicht mehr an ihre Maße von damals. Sie weiß nur noch, dass sie 100 000 Mark gewann, einen weißen BMW 2000 Sportcoupé bekam – und eine riesige Überraschung erlebte. Die ehemalige Miss versichert, sie habe nicht an dem Wettbewerb teilgenommen, um zu siegen. Sie wollte lediglich Kontakte mit Modefirmen knüpfen, um ihre Einnahmen als Mannequin zu steigern, von denen sie sich ihr erstes Auto, einen Fiat 600, leistete, und ihre Ausbildung am Konservatorium in Nürnberg finanzierte. Lilian Atterer studierte Klavier, Geige, Saxofon und Gesang. Ihr Berufswunsch damals: in einem Orchester spielen.

Als Miss Germany hat sie für die Musikhochschule keine Zeit mehr. Stattdessen studiert sie den Rhythmus des Jetsets und lernt die Melodien der Metropolen. Lilian Atterer reist zu Autogrammstunden, Modenschauen, Fotoshootings. Sie ist heute in London, morgen in Paris und übermorgen in New York. Als die Amtszeit endet, arbeitet die Ex-Miss Germany weiter als Modell. Sie hat Spaß an dem abwechslungsreichen Leben, ist gefragt und verdient leicht viel Geld. Bis zu 10 000 Mark pro Auftritt. Das meiste spart sie. Wer weiß schon, wie lange die Nachfrage so high ist, wie die Society, in der sich Lilian Atterer bewegt. Plaudern mit Romy Schneider, tanzen mit Willy Brandt, auftreten bei Hänschen Rosenthal. Sogar eine Single bringt sie heraus. „Es dreht sich jeder zu mir um. Ich weiß auch ganz genau warum: Weil ich sexy bin, ganz einfach so sexy bin“, singt sie und schafft es dreimal auf Platz eins der Nachwuchshitparade. Den Text findet die singende Miss zwar nicht ansprechend, doch die Musik von Maurice Pop sei hübsch gewesen, sagt sie.

Als Petra Schürmann anno 1956 Miss Germany wurde, warfen ihr Kommilitoninnen vor, die Würde einer Studentin zu verletzen, der Pfarrer fand es unerhört, dass eine Frau ihren Leib zur Schau stellt, und ihre Eltern sahen ob ihres frivolen Fräulein Tochter die Familienehre geschändet. Lilian Atterer erlebt 1968 nichts dergleichen. Ihre Geschwister drängen sie zur Teilnahme am Wettbewerb, ihre Eltern feiern den Titelgewinn mit, die Professoren wünschen ihr beim Abschied vom Konservatorium viel Spaß. Die Feministinnen und Revoluzzer auf der Straße missbilligen allgemein und grundsätzlich zwar die „Fleischbeschau“ und geißeln die „männliche Geilheit“, doch die junge Lilian aus Forchheim kümmert das nicht. „Ich hätte so viel nicht erlebt, wenn ich da nicht mitgemacht hätte“, sagt die erfahrene Frau Böhringer auf ihrer weißen Couch, zieht an einer roten Gauloises und schickt beeindruckende Rauchschwaden aus ihrer Nase.