Im vergangenen Jahr ging Alina Beck (rechts) beim European Cup an den Start. Foto: imago/Zuma Wire//Mickael Chavet
Bei den Deutschen BMX-Meisterschaften in Stuttgart gewinnt die 18-jährige Lokalmatadorin nicht nur den Titel, sondern ist auch schneller als die Elite. Folgt nun in diesem Sommer eine große Zugabe?
Den 1. und 2. August sollte sich die in Stuttgart-Wangen wohnende Alina Beck womöglich freihalten. Dann treffen sich nämlich die weltbesten BMX-Rennfahrer und -Rennfahrerinnen im französischen Montigny-le-Bretonneux, einem Vorort von Paris. Der Anlass: die Olympischen Sommerspiele. Dabei sein könnte eben auch Beck, die ansonsten für die Skizunft Kornwestheim startet. Aktuell hat sie sich jedenfalls bestens für den einen deutschen Startplatz empfohlen.
An diesem Samstag hat die BMX-Union Stuttgart auf der Supercross-Strecke am Hallschlag die nationalen Meisterschaften ausgerichtet – und in der Junior-Kategorie triumphierte die 18-jährige Lokalmatadorin. Aus Mangel an Teilnehmerinnen fuhren alle weiblichen Klassen, Juniorinnen, U 23 und Elite, in einem Feld. Das Ergebnis: Beck ließ alle Gegnerinnen in den drei Wertungsläufen weit hinter sich.
Alina Beck. Foto: Patrick Steinle
Dass Beck nicht nur in ihrer eigenen Klasse die Schnellste auf dem hügeligen Kurs war, sondern über alle Altersgruppen hinweg, ist mit Blick auf eine mögliche Olympia-Teilnahme von großer Bedeutung. Der Verband hat einen internen Dreikampf ausgerufen. Mit in der Verlosung sind Regula Runge (SV Salamander Kornwestheim) und Julia Möhser (BMX-Team Cottbus, Olympia-Teilnehmerin 2018). Ein internes Rennen soll noch folgen, auf ihrer Heimstrecke in Stuttgart hat Beck nun aber stark vorgelegt.
Bundestrainer: „Das größte Talent in Deutschland“
Seit sie 13 Jahre alt ist, trainiert die gebürtige Garmisch-Partenkirchenerin am Olympiastützpunkt in der Landeshauptstadt Baden-Württembergs. „Sie hat eine phänomenale Entwicklung hingelegt, ist jedes Jahr besser geworden“, sagt der Bundestrainer Simon Schirle. „Alina ist derzeit das größte Talent in Deutschland.“ Dank einer sauberen Technik gibt sie mit ihrem kleinen Fahrrad so viel Druck auf die mit Hügeln versehene Strecke, dass sie oft schneller als die Konkurrenz ist. Dies macht sich besonders am Start bemerkbar, wenn Beck bereits dort allen davonfährt. Hinzu kommt „eine gute Fahreffizienz; sie kann also leicht über Hindernisse fahren“, erklärt Schirle.
Im Alltag trainiert Bruder Aaron Beck den Teenager, gemeinsam leben sie in einer Wohnung in Wangen. Einst fing Alina Beck in ihrer bayerischen Heimat mit dem Skifahren an, ehe sie sich auf einer kleinen Strecke im BMX-Fahren versuchte. Seit zwölf Jahren tritt sie inzwischen in die Pedale. wurde mit acht Jahren schon deutsche Meisterin und träumt davon, finanziell einmal von ihrer Leidenschaft leben zu können. „Ich will Europameisterin werden, vielleicht sogar Weltmeisterin“, sagt die ambitionierte Senkrechtstarterin. Ein kontinentaler Titel war vergangene Woche bereits greifbar nahe. Im italienischen Verona gewann Beck sowohl ihren Viertel- als auch ihren Halbfinallauf, stürzte im Juniors-Finale dann aber in Führung liegend in der ersten Kurve.
Beck trägt gerne bunte Farben und fällt auf
Dass sie ganz oben auf dem Podest stehen kann, zeigte sie bei der EM 2022 in der Kategorie „Girls 16“. Für ihren Sport trainiert sie vor allem auf der Strecke und im Kraftraum. In ihrer Freizeit und als Ausgleich fährt sie gerne Mountainbike oder Pumptrack. In der letztgenannten Disziplin wurde sie im vergangenen Jahr sogar Dritte bei den Weltmeisterschaften in Österreich. Ein Erfolgsgen scheint ohne Frage vorzuliegen, eine Olympia-Teilnahme in diesem Jahr würde allerdings eher dem Motto „Dabei sein ist alles“ folgen. Beck sagt selbst: „Der Sprung von den Juniors zur Weltelite ist gewaltig.“
In der internationalen U-23-Klasse fährt die Stuttgarterin, die per Stipendium an einem Wirtschaftsgymnasium zur Schule geht und wöchentlich einmal als Praktikantin bei einem Physiotherapeuten arbeitet, seit dieser Saison auch im Weltcup mit. Im Februar schaffte es Beck in Brisbane erstmals in einen Finallauf. „Ich wäre am liebsten in Australien geblieben“, sagt sie mit leuchtenden Augen. Nicht nur, dass die Sportförderung dort gut sei, der Lebensstil „Down Under“ gefällt ihr sehr, wie auch in Neuseeland. „Ich liebe es, zu reisen.“ Dieser Leidenschaft kann sie aktuell durch die andere Leidenschaft, das BMX-Fahren, nachgehen. Ein „Ausflug“ im August nach Paris wäre mit Blick auf die vergleichsweise Nähe nicht mehr ganz so besonders, der Anlass dafür umso mehr.
Sollte es mit der Nominierung klappen, wird sich für Alina Beck eine Frage stellen, die sie ständig beschäftigt: Was ziehe ich bloß an? Nein, kein altbackenes Frauen-Klischee, die junge Sportlerin macht sich einfach gerne Gedanken, in welchem ihrer Overalls sie antritt. „Ich falle immer auf und trage gerne bunte Sachen“, sagt Beck, die mit ihrem Ausrüster für alle größeren Events am Outfit tüftelt. Auch im Privaten traut sie sich gerne einmal etwas. Und genau so ist es auch auf der Strecke. An Selbstbewusstsein mangelt es ihr nicht. Und das braucht es ja mit, um an die internationale Spitze zu gelangen.