Die Böblinger Rotkreuz-Sanitäterin Daria Hertkorn tut Dienst auf dem Wacken Open Air. Für die Helfer birgt das Sauwetter ganz eigene Tücken.

Böblingen: Jan-Philipp Schlecht (jps)

Als Daria Hertkorn ans Telefon geht, versteht sie eigenes Wort kaum. „Ich muss mal eine ruhige Ecke suchen, wir stehen hier zwischen zwei Bühnen“, ruft sie ins Telefon. Die Böblingerin tut zum neunten Mal ehrenamtlich Dienst auf dem Wacken Open Air, dass sich aufgrund des Dauerregens in eine Schlammschlacht verwandelt hat. „Die Fans stehen vor der Bühne zwischen wadentief und kniehoch im Schlamm“, sagt sie. Der Dauerregen am Mittwoch habe den Boden des Festivalgeländes aufplatzen lassen: Matschwüsten und Pfützen übersähen das Gelände. Das spürt sie im Sanitätszelt.

 

„Wir haben viele Fußverletzungen zu beklagen, weil viele im Schlamm falsch aufgetreten sind oder ein Stein unsichtbar im Boden lag“, sagt sie. Außerdem musste sie mit ihrem Team viele aufgescheuerte Waden verarzten: „Die Ränder der Gummistiefel scheuern die Haut auf.“ Das spiele sich zwischen Schürfwunde und Brandverletzung ab. Für die Rotkreuzler bringt das Sauwetter aber noch andere, ernsthafte Probleme mit sich: Die Rettungswägen bleiben im Schlamm stecken, wenn ein Patient liegend abtransportiert werden musst.

Festival-Sanitäter nach einem Einsatz Foto: privat

„Da musste schon ein Landwirt mit seinem Traktor kommen und den Rettungswagen aus dem Dreck ziehen.“ Drücken Regen und Matsch die Stimmung? Kaum, sagt Hertkorn. Manche seien bei den Wolkenbrüchen zwar in ihren Zelten und Wohnwägen geblieben, doch die hart gesottenen Metal-Fans seien schließlich unverwüstlich. „Die Wildschwein-Taktik, sich im Schlamm zu suhlen, habe ich dieses Jahr allerdings noch nicht gesehen“, sagt Hertkorn. Auf die Stimmung drückte eher der Haupt-Act des Festivals: Guns n’ Roses.

Deren berüchtigter Sänger Axl Rose mit seiner charakteristischen Reibeisenstimme habe die Töne kaum getroffen: „Die Kollegen meinten, es war miserabel“, sagt Hertkorn. Einst als der Rocksänger mit dem größten Stimmumfang gefeiert, ist von seinem messerscharfen Kreissägensound im Jahr 2025 wohl nicht mehr viel übrig. Ein Stimmungskiller sei außerdem gewesen, dass die Band Foto- und Videoaufnahmen im Publikum komplett untersagt habe. „Da mussten die Securitys extrem drauf aufpassen“, sagt Hertkorn.

Böblinger Rotkreuzlerin im Einsatz auf Wacken Foto: Daria Hertkorn

Hertkorn und ihr Team dürften auch kostenlos auf dem Gelände übernachten, sie bevorzugen jedoch eine Unterkunft etwas außerhalb, die sie selbst bezahlen. Mit ihrem gratis Festivalbändchen haben sie Zugang zu allen Auftritten und Acts. Ein Traum für Metalfans – nur, dass Hertkorn gar keiner ist. Trotzdem würde sie wohl auf keinem anderen Festival lieber arbeiten als auf dem Wacken Open Air. Sie fahre dorthin wegen der Erfahrung und der viel beschworenen besonderen Stimmung.

Heavy-Metal-Festival Wacken

Wacken Open Air
Seit 1990 verwandelt sich die kleine Gemeinde Wacken (rund 2000 Einwohner) beinahe jährlich (bis auf die Coronazeit) in ein Mekka für Heavy-Metal-Fans.

Modernes Woodstock
Die Besucherzahlen stiegen von 800 im ersten Jahr auf rund 85 000 im vergangenen Jahr an. Headliner in diesem Jahr ist die US-amerikanische Hard-Rock-Band Guns N’ Roses.