Stefan Weidner (rechts) und Matthias „Gonzo“ Röhr, zwei von vier „Onkelz“. Foto: imago images / osnapix
Die Böhsen Onkelz kommen nach Stuttgart. 40 Jahre gibt es die Band bereits – und ein Ende ist nicht in Sicht. Was ist das Erfolgsgeheimnis? Und wie lässt sich die Band einordnen?
An diesem Wochenende spielen die Böhsen Onkelz an zwei Abenden in der Stuttgarter Hanns-Martin-Schleyerhalle. Auch nach mehr als 40 Jahren füllen sie immer noch die großen Hallen. Das zeigt sich auch aktuell bei ihrer „Hier sind die Onkelz“-Tour. In den 80ern war das Quartett „Kultobjekt aller europäischen Glatzen“, wie sie selbst schreiben. Der Ruf hängt ihnen teils immer noch nach. Was ist dran am Bild der einstigen „Nazi-Band“? Was macht ihren Erfolg aus? Und für was stehen die „Onkelz“ eigentlich?
Warum galt die Band als „rechte“ Band?
Die Böhsen Onkelz gründeten sich im Jahr 1980, ihre Ursprünge liegen in der Frankfurter Punkkultur, in der vor allem ein toxisches Männlichkeitsbild herrschte. In den Anfangsjahren seien die Onkelz eine „problematische Band“ gewesen, sagt Rechtsrockexperte Dietmar Elflein, der seit Jahren zu dem Thema forscht. Das Image als „Nazi-Band“ haftet den Onkelz später vor allem wegen zwei Stücken an: „Türken raus“ und „Deutschland den Deutschen“. Letzteres bezeichnen sie mittlerweile als einen „ausgesprochen dummen Song mit prekärer Aussage“.
Große Bühne für die Onkelz: Das Publikum ist seit der Auflösung und der Reunion stark gewachsen. Warum, ist schwer zu erklären. Foto: imago images/Beautiful Sports
Die beiden Titel erschienen nie auf einem offiziellen Tonträger. Zu „Türken raus“ hat sich die Band ebenfalls auf ihrer Homepage positioniert: Das Lied sei „kein politisches Lied, im Gegenteil. Es wird keine ‚Rassenreinheit’, kein völkischer Wahn oder sonst irgendein Nazi-Propaganda-Mist verbreitet. Es ist ein knapp zweieinhalb minütiger, dummer Wutausbruch.“ Der Inhalt bezieht sich demnach auf Zusammenstöße zwischen Jugendlichen „verschiedener Kulturen in den Frankfurter Vororten“ Anfang der 80er-Jahre. Die Onkelz räumen jedoch ein, dass sie in den Jahren nach dem Erscheinen des Songs (1981) „eine ausländerfeindliche Haltung“ angenommen hätten.
Sind die Böhsen Onkelz noch „rechts“?
„Um die Frage kurz zu beantworten: Nein, sie sind nicht mehr rechts“, sagt Dietmar Elflein. So sehen es im Grunde alle renommierten deutschen Musikwissenschaftler, die sich mit der Band beschäftigt haben. „Grundsätzlich finde ich: Menschen können sich ändern und dürfen sich ändern“, so Elflein. „Das gilt auch für die Onkelz.“ Immer nur auf das „festgenagelt“ zu werden, was man irgendwann mal gesagt habe, sei nicht förderlich. Weder im Hinblick auf einen gesellschaftlichen Diskurs noch auf ein gesundes Demokratieverständnis.
Die Distanzierungen der Onkelz von ihrem Frühwerk sei „glaubhaft“, so Elflein. Zumal sie schon Mitte der 80er-Jahre damit angefangen hätten. Dazu passe auch die lange Geschichte der Band, rechtsradikale Besucher, die ihre Gesinnung offen zeigen, von den Konzerten fernzuhalten. Wer rechte Symbole oder Slogans auf der Kleidung trägt, wird nicht reingelassen. Das gilt auch für entsprechende Tattoos.
Wie setzt sich das Publikum bei den Onkelz heute zusammen?
Das alles ändert freilich nichts daran, dass die Onkelz in der Rechtsrockszene ihre Spuren hinterlassen haben und Einfluss auf etliche Bands hatten, die nach ihnen kamen. In der Szene spielen sie heute jedoch keine Rolle mehr. Davon zeugen mehrere Schmähsongs. „Die Onkelz gelten dort größtenteils als Verräter“, sagt Elflein. Zum einen seien sie lange nicht mehr radikal genug, „und sie haben sich ans System angedient, sich fürs Geldverdienen entschieden.“
Nichtsdestotrotz: Menschen, die rechtem Gedankengut und Ideologien anhängen, finden sich mit Sicherheit auch bei den Onkelz-Konzerten. „Sie bekommen den Hockenheimring nicht voll mit Leuten einer politischen Ausrichtung“, sagt Elflein. Bei Konzerten dieser Größe sei das Publikum stets „divers“. „Da bildet sich immer das komplette Spektrum der Gesellschaft ab“, so Elflein. Für die Zuhörermassen spricht auch, dass die Onkelz inzwischen auch ein jüngeres Publikum ansprechen.
Bieten die „Böhse Onkelz“ dennoch Grund für Kontroversen?
Durchaus. Die Böhsen Onkelz sind der sogenannten „Oi“-Szene, einem Teil der Punkkultur, entsprungen, die „einen großen Wert auf proletarischen Männlichkeitskult legt“, sagt Elflein. Gewalt habe dabei schon immer eine Rolle gespielt. Gleichzeitig sind die Frankfurter eng verbunden mit der Hooligan-Szene. Stücke wie beispielsweise „Frankreich 84’“ und einige andere propagieren Gewalt rund um den Fußball. „Davon haben sich die Onkelz nie distanziert“, sagt Elflein, auch weil sie nie damit konfrontiert wurden. „Fußballgewalt kann man aber mit Fug und Recht kritisieren“, sagt er. Das gelte auch für das entsprechende Männlichkeitsbild. „Aber beides hat nichts damit zu tun, dass das alles Nazis sind.“ Aus Sicht des Musikwissenschaftlers sind die Onkelz zwar eine „populistische Hardrockband“, aber eher in der Mitte der Gesellschaft zu verorten.
Für was stehen die Onkelz sonst – und warum sind sie „populistisch“?
Die Band pflegt seit der Gründung ein Rebellen-Image, „sie leben gut davon, dass sie nach wie vor missverstanden werden“, sagt Elflein. „Das nervt sie mittlerweile tierisch, aber es ist Teil der Erfolgsgeschichte.“ In den Songs kommt häufig eine Anti-Haltung zum Tragen, „aber es wird nie gesagt, wogegen man eigentlich ist“, sagt Dietmar Elflein. Die Leerstellen in den Texten würden „klassischer populistischer Rhetorik“ entsprechen, mit linkem oder rechten Gedankengut habe das nichts zu tun. Sehr wohl aber mit dem Erfolg der Onkelz, befindet Elflein. „So bekommt man möglichst viele Leute unter einen Hut, weil jeder kann sich selber vorstellen, was für einen passt.“ Die Onkelz böten gewissermaßen eine „Folie, hinter die sich ganz viele stellen können“.
Die Stimme der Onkelz: Kevin Richard Russel (hier im Jahr 2014) Foto: imago/STAR-MEDIA
Ansonsten findet man bei den Onkelz Kirchenkritik, Freundschaft und das „Füreinanderdasein“, wie Elflein es ausdrückt. „Alles ist ganz stark darauf ausgelegt, eine Gemeinschaft zu schaffen, die die Band aber immer heraushebt“, analysiert er. Es gebe kaum eine andere Band, die sich zudem so häufig selbst thematisiere. „Hier sind die Onkelz, wir sind wieder da, wir waren nie weg – ständig geht es um solche Dinge.“
Gibt es sonst eine Erklärung für den Erfolg?
Die Auflösung der Band im Jahr 2004 hat zur Legendenbildung beigetragen. Die Fanzahlen verdreifachten sich bis zum Comeback zehn Jahre später mindestens. „Ich habe noch keine wirklich sinnvolle Erklärung gehört – und kann auch selber keine liefern“, sagt Elflein. Eine Rolle hätten sicherlich zahlreiche Festivals rund um die Onkelz und etliche Coverbands gespielt. Nicht zuletzt seien die Böhsen Onkelz auch schlicht eine „handwerklich gute Band“, die immer wieder „sehr, sehr catchy Hardrocksongs“ schreibt, so Elflein. Dabei spiele auch die „genrebildende Stimme“ von Kevin Russell eine Rolle. „So oder so ähnlich muss man klingen, wenn man ein authentischer Deutschrock-Sänger sein will“, sagt Elflein.
Rockexperte und Konzerte
Experte Dietmar Elflein, Jahrgang 1964, ist Musikwissenschaftler und Musiker. Derzeit lebt er als unabhängiger Forscher und Musiker in Berlin, bis zum Sommer hat er populäre Musik am Institut für Musik und ihre Vermittlung an der TU Braunschweig gelehrt. Unter anderem war er auch schon an der Popakademie in Mannheim tätig. Einen Namen hat sich der Coburger, der selbst Gitarre und Bass spielt, mit seiner Promotionsschrift „Schwermetallanalysen – Zur musikalischen Sprache des Heavy Metal“ gemacht.
Konzerte Die Böhsen Onkelz spielen an diesem Sonntag, 14. Dezember, und Montag, 15. Dezember, in Stuttgart. Die Konzerte sind ausverkauft. Genauso wie die abschließenden Konzerte der aktuellen Tour in Berlin und Wien. Die Konzerte in der Schleyerhalle beginnen um 19.30 Uhr, Einlass ist ab 18 Uhr.