Künstliche Intelligenz wird bei Firmengründungen immer wichtiger. Foto: Oliver Berg/dpa
Gute Nachrichten aus der Wirtschaft: Noch nie sind so viele neue Start-ups gegründet worden wie 2025. Doch der Aufwärtstrend ist in Stuttgart und im Land nicht so stark wie anderswo.
Michael Weißenborn
23.01.2026 - 06:00 Uhr
Krise in der Industrie und Massenentlassungen – die deutsche Wirtschaft liefert derzeit nicht viele Positivschlagzeilen. Gute Nachrichten lassen da aufhorchen: Noch nie sind in Deutschland mehr Start-ups gegründet worden als 2025. Insgesamt 3568 neue Wachstumsfirmen wurden bundesweit gezählt, rund ein Drittel mehr als 2024, zeigt eine aktuelle Analyse des Startup-Verbands und der Organisation Startupdetector, die Handelsregisterdaten ausgewertet haben.
Die Zahlen fallen sogar noch höher aus als im Boom-Jahr 2021, als die Corona-Pandemie einen Digitalisierungsschub auslöste. Der Grund für die derzeitige Entwicklung: die künstliche Intelligenz (KI). Laut Startup-Verband nutzen mehr als ein Viertel der neugegründeten Start-ups KI als wichtigen Bestandteil ihres Geschäftsmodells. Nach Ansicht des Verbands ein Beleg dafür, dass KI längst kein Nischenthema mehr ist.
Allerdings fällt der Start-up-Boom in Stuttgart und Baden-Württemberg bei Weitem nicht so stark aus wie in anderen Städten und Bundesländern. Deutschlands mit Abstand größte Start-up-Szene befindet sich weiter in Berlin. Mit 619 Neugründungen wurden in keiner anderen Stadt 2025 mehr neue Unternehmen gegründet. Aber Stuttgarts ewiger Rivale München holt mit 290 neuen Firmen (2024: 203) rasant auf. Nimmt man die Zahl der Gründungen pro 100.000 Einwohner als Maßstab, landet München im vergangenen Jahr mit dem Wert 19,3 sogar klar vor Berlin (16,8).
In München entstehen besonders viele Start-ups mit KI-Bezug Foto: dpa/Peter Kneffel
Dagegen fällt die Gründer-Dynamik in Stuttgart deutlich bescheidener aus: 55 Handelsregistereinträge von neugegründeten Start-ups zählt der Startup-Verband 2025 (2024: 40). Die Landeshauptstadt schafft es damit bei der Gründungsaktivität pro Kopf nicht in die Top 10, sondern mit einem Wert von 9 (2024: 6,5) nur auf Platz 13, hinter anderen Städten im Südwesten wie Heidelberg (12,2/Platz 6), Karlsruhe (11,6/Platz 9) und Freiburg (10,9/Platz 10). Als Start-up definiert der Verband nur junge Kapitalgesellschaften mit innovativen Produkten und/oder starkem Wachstumspotenzial.
Auch Freiburg, Mannheim und Heidelberg bei Gründung von Start-ups vor Stuttgart
„Zugespitzt gesagt, haben Standorte wie Freiburg, Mannheim und Heidelberg auch bei den Spitzen-Start-ups Stuttgart abgehängt“, analysiert Jannis Gilde, der Leiter der Forschungsabteilung beim Startup-Verband. Der Landeshauptstadt fehle die „Leuchtturm-Wirkung“. „Während München und Düsseldorf ihre Bundesländer regelrecht ziehen, bleibt Stuttgart noch zu sehr unter seinen Möglichkeiten.“ Dabei gäbe es mit der industriellen Stärke durchaus Potenzial. Nach den Erkenntnissen des Startup-Verbands ist auch das Umland Münchens deutlich stärker als das Stuttgarter Umland.
Wie kommt der Oberbürgermeister Frank Nopper (CDU) angesichts dieser Zahlen dazu, bei öffentlichen Veranstaltungen wie dem Stuttgarter Wirtschaftsempfang oder der Verleihung des Innovationspreises damit zu werben, Stuttgart sei zur Start-up-Hauptstadt in Deutschland aufgestiegen? Auf Nachfrage an ihn reagiert er nicht selbst, sondern lässt den Wirtschaftsförderer der Stadt, Torsten von Appen, antworten: Der OB habe sich dabei auf Auswertungen des Magazins „Wirtschaftswoche“ von 2024 gestützt. In einer Analyse seien für das Städterranking „die Faktoren Arbeitsmarkt, Wirtschaftsentwicklung, Lebensqualität, Immobilienmarkt und Nachhaltigkeit entscheidend“ gewesen, teilt von Appen schriftlich mit.
In der anderen Erhebung sei es um „die Startvoraussetzungen für Gründer in den größten Städten“ gegangen. In beiden Fällen ging es also eher um Bedingungen für Gründer in der Landeshauptstadt und nicht um die reale Zahl von Start-up-Gründungen. „Dass ein OB aggressiv Standortwerbung betreibt, ist ja okay, diese basiert aber auf keiner realistischen Einschätzung“, wundert sich ein Insider.
Auch Baden-Württemberg landet im Länder-Ranking des Startup-Verbands nicht auf den vordersten Plätzen: Bei der absoluten Zahl der Neugründungen 2025 reicht es mit 76 und einem Plus von 22 Prozent nur auf Platz vier. Besonders groß fallen dagegen 2025 die Gründungszahlen im erstplatzierten Bayern aus: plus 247 (46 Prozent), gefolgt von Nordrhein-Westfalen (164, plus 33 Prozent) und Berlin (121, plus 24 Prozent). Bei der Zahl der Gründungen pro 100.000 Einwohner landet der Südwesten mit dem Wert 3,8 gar nur auf Platz fünf nach Berlin (Platz 1: 16,8), Hamburg (Platz 2: 10,9), Bayern (5,9) und Hessen (3,9).
Als Grund dafür, dass der Südwesten hinterherläuft, führt Gilde eine deutlich früher ansetzende, bessere Strukturförderung in anderen Bundesländern an: So profitiere Bayern seit vielen Jahren „massiv vom Leuchtturm München und der Gründerförderung an der Technischen Universität München als zentralem Player“, sagt er. Nordrhein-Westfalen habe dagegen auf Dezentralität gesetzt und schon seit 2019 strategisch in Exzellenz-Start-up-Center an ausgewählten Hochschulen investiert.
Doch der Vorsprung der anderen ist nicht uneinholbar. Gilde verweist auf die Gründer-Frabriken der Start-up-Plattform NXTGN, einem Zusammenschluss der Universitäten Stuttgart, Heidelberg und Ulm sowie dem Karlsruher Institut für Technologie (KIT), der Stuttgarter Hochschule der Medien sowie dem KI-Park und den Campus Founders in Heilbronn, die im Sommer mit 20 Millionen Euro vom Bund an den Start ging. Damit will das Land nach Münchner Vorbild Gas geben.
Laut Gilde kann die deutsche Gründerszene im europäischen Vergleich gut mithalten. Die Stärke der deutschen Cluster sei deren Dezentralität. Im Vergleich zu den USA gebe es aber noch erheblichen Verbesserungsbedarf, meint er: Für ein reiches Land investiere Deutschland zu wenig in Risikokapital: „Will ein Start-up richtig groß werden, muss es weiter im Silicon Valley nach Investoren suchen.“