Bosch-Chef Stefan Hartung liebäugelt immer wieder einmal mit der Börse. Foto: Sven Hoppe/dpa
Das Unternehmen investiert Milliarden, um bei neuen Technologien mithalten zu können. Doch die Börsen sind Bosch heute verschlossen. Wird das Stiftungskonstrukt zur Wachstumsbremse?
Der Stuttgarter Bosch-Konzern galt jahrzehntelang als Fels in der Brandung. Selbst große wirtschaftliche Verwerfungen überstand das Unternehmen, ohne spektakulär auf die Kostenbremse treten zu müssen. Das wurde oft dem besonderen wirtschaftlichen Konstrukt des Stuttgarter Stiftungsunternehmens zugeschrieben.
Wäre die Robert Bosch GmbH eine börsennotierte Aktiengesellschaft, würde sie es mühelos in den Dax schaffen, der die größten deutschen Börsenkonzerne versammelt. Doch das Unternehmen gehört nicht Aktionären, sondern zum allergrößten Teil der gemeinnützigen Robert Bosch Stiftung. Deren Stimmrechte wiederum werden von der rechtlich getrennten Industrietreuhand KG wahrgenommen.
Die Brennstoffzelle gehört zu den Technologien, in die Bosch hohe Summen investiert. Bis sich das rechnen kann, wird es aber dauern. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski
Stimmrechte und Kapitalanteile liegen damit in festen Händen. Das Management muss nicht täglich den Marktwert steigern, um feindliche Übernahmen abzuwehren. Als großer Vorteil von Stiftungsunternehmen gilt daher, dass sie sich mit langem Atem auf ihr eigentliches Geschäft konzentrieren können, statt permanent Kapitalgeber bei Laune halten zu müssen.
E-Mobilität und KI kosten Bosch viel Geld
Doch gilt dieser Vorteil auch noch in Zeiten, in denen notwendige Investitionen riesige Ausmaße annehmen und mehrere Technologieumbrüche parallel bewältigt werden müssen? Der Wechsel von der Verbrennungstechnologie zur Elektromobilität ist extrem teuer und angesichts der derzeit schwierigen Marktlage für E-Autos nur schwer zu finanzieren. Auch digitale Technologien, etwa für Künstliche Intelligenz und das autonome Fahren, verschlingen immense Summen.
Dennoch teilen ZF und Bosch ein Grundproblem: Beide sind bei der Finanzierung mit Eigenkapital vor allem auf laufende Gewinne angewiesen, weil sie nicht auf den Aktienmarkt zurückgreifen. Auch so entsteht ein Druck, kurzatmig zu agieren und schnell hohe Renditen zu erwirtschaften.
Für ZF ist der Verkauf nach Ansicht des Autoexperten Ferdinand Dudenhöffer, Leiter des Bochumer Center Automotive Research, ein richtiger Schritt. Er ermögliche es, Schulden zu reduzieren, die angesichts hoher Zinsen die Wettbewerbsfähigkeit und Investitionskraft beeinträchtigten. Zugleich bedeute dieser Schritt jedoch, dass strategisch wichtiges Tafelsilber verkauft werde.
Vorteile der Stiftungskonstrukts werden geringer – auch bei Bosch
Nach Einschätzung Dudenhöffers schwinden angesichts des enormen Finanzbedarfs die Vorteile der Stiftungskonstruktion. Hoher Kapitalbedarf erfordere einen breiteren Zugang zu Finanzierungsquellen. In der Praxis aber führe die Konstruktion als Stiftungsunternehmen häufig dazu, dass der Weg an die Börse versperrt bleibe.
Dabei stehen der Stiftungsgedanke und die Kapitalmärkte keineswegs in einem grundsätzlichen Widerspruch. Vor zwei Jahren spielte Bosch-Chef Stefan Hartung öffentlich mit dem Gedanken, Teile des Unternehmens an die Börse zu bringen, um trotz der hohen Eigenkapitalquote von mehr als 40 Prozent neue Finanzquellen zu erschließen. „Wir müssen Bosch für die Börse öffnen – in einzelnen Bereichen und an geeigneten Stellen“, erklärte er. „Wir werden Partnerschaften brauchen.“
Vertrüge sich Bosch-Börsengang mit der Unabhängigkeit?
Doch verträgt sich ein Börsengang von Unternehmensteilen mit der Idee der Unabhängigkeit von den Geldgebern? Nach Hartungs Worten gibt es hier durchaus einen Zielkonflikt. Für Bosch als Ganzes sei ein Börsengang keine Option. „Wir werden ein Stiftungsunternehmen bleiben, weil unser Fokus nicht auf kurzfristiger Optimierung liegt, wie sie an der Börse gefordert wäre.“
Dass Stiftungsunternehmen dennoch erfolgreich Kapitalmärkte nutzen können, hat nach Dudenhöffers Einschätzung jedoch der frühere Bundeswirtschaftsminister Werner Müller bewiesen. Unter dem Dach der RAG-Stiftung bündelte er Unternehmen wie Eon, RWE und Evonik und brachte anschließend Teile von Evonik an die Börse, um die Stiftung zu finanzieren. Diese Konstruktion ermögliche nicht nur den Zugang zum Kapitalmarkt, sondern löse auch die Abhängigkeit der Stiftung vom Erfolg eines einzelnen Unternehmens, so Dudenhöffer.
ZF hat deutlich größere Probleme als Bosch
Die Verhältnisse bei ZF sind nicht nur wegen der hohen Schulden komplizierter als bei Bosch. ZF ist abhängig von einer Stiftung, die 94 Prozent der Anteile hält und ihrerseits der Stadt Friedrichshafen gehört. Weil die Dividenden in soziale Leistungen der Kommune fließen, wird die Höhe der Ausschüttungen zum Politikum. Der Interessenkonflikt zwischen einem Unternehmen, das investieren will, und einem Eigentümer, der Dividenden erwartet, verschärft sich. Welche Folgen ausbleibende Ausschüttungen haben können, zeigt eine Entscheidung des Gemeinderats: Angesichts der Lage der Stiftung sollen die Kita-Gebühren in Friedrichshafen drastisch steigen – für viele Familien auf mehr als das Doppelte.
Bei Bosch ist eine solche Interessenvermengung kaum zu erwarten. Die Stiftung hat ihre Stimmrechte vollständig an die Industrietreuhand abgegeben und besitzt damit keinen Einfluss auf operative Entscheidungen oder die Dividendenpolitik. Die Arbeitnehmerseite steht den Überlegungen dennoch skeptisch gegenüber – der Gedanke, sich verstärkt den Regeln der Finanzmärkte unterwerfen zu müssen, ist für sie nicht attraktiv.
Bosch-Mitarbeiter haben Hebel in der Hand
Grundsätzlich ist der Börsengang eines Unternehmens oder einer Tochter allerdings eine unternehmerische Entscheidung der Kapitalseite. Doch auch bei dieser Frage können sich die Beschäftigtenvertreter Gehör verschaffen. Denn bei der Umsetzung der massiven Sparprogramme haben sie erhebliche Mitspracherechte.
Die Abhängigkeit des Unternehmens von der Kooperationsbereitschaft der Arbeitnehmerseite ist ein starkes Faustpfand, das Beschäftigte auch bei Themen einsetzen könnten, bei denen sie formal nicht gefragt sind. Neben den instabilen Aussichten an den Kapitalmärkten könnte somit auch das umstrittene Sparprogramm dazu führen, dass Hartungs Ankündigungen bisher wenig Taten gefolgt sind.