Breuningerland Sindelfingen Ein Blick zurück in ungewissen Zeiten

Auto an Auto: Ein Blick auf den Breuningerland-Parkplatz in Sindelfingen am 9. Oktober 1980, dem Tag der Eröffnung. In unserer Bildergalerie finden Sie weitere Impressionen. Foto: Stadtarchiv Sindelfingen

Breuninger soll verkauft werden. Kunden und Mitarbeiter fragen sich, wie es weitergehen wird. Das Breuningerland Sindelfingen ist im Osten der Stadt seit Jahrzehnten ein Magnet für Besucher aus nah und fern – ein Rückblick auf den Aufstieg.

Auto-Team: Rouven Spindler (rsp)

Die Worte, die der damalige Breuninger-Chef Willem van Agtmael im Herbst 1980 von sich gab, waren optimistisch. Und zutreffend, wie sich in den Jahren danach zeigen sollte. „Dieses Shopping-Center, dieses Einkaufszentrum, dieses Erlebnisland wird in seiner Bedeutung und in seiner Anziehungskraft weit über Sindelfingen hinausreichen“, zitierte die Kreiszeitung Böblinger Bote (KRZ) den Ex-Geschäftsführer in ihrer Ausgabe vom 10. Oktober des besagten Jahres. Einen Tag zuvor hatte das Breuningerland in der Stadt eröffnet.

 

In ungewissen Zeiten – der Verkauf des gesamten Unternehmens steht im Raum – wurde das Warenhaus in Sindelfingen kürzlich 44 Jahre alt. Ein Besuch im Stadtarchiv Sindelfingen ermöglicht einen Blick in die Historie des Mega-Shoppingcenters.

Sorgen und Rechtsstreit

Das Gelände im Gebiet „Schweinäcker“, das im Sindelfinger Osten liegt, sichert sich Breuninger im Jahr 1968 vertraglich – ohne zu wissen, was für ein komplexer Rechtsstreit noch folgen sollte. Die geplante Ansiedlung brachte Sorgen um die wirtschaftlichen Folgen für den Raum Böblingen-Sindelfingen mit sich – und diese Sorgen wurden Jahr für Jahr größer.

„Nach wie vor bin ich der Überzeugung, dass eine Ansiedlung von Breuninger in Sindelfingen dem Einzelhandel von Böblingen und Sindelfingen ans Mark geht“, wird etwa Ludwig Liebig, Vorsitzender des Handels- und Gewerbevereins Böblingen, 1976 in der KRZ zitiert. Sein Pendant in der Nachbarstadt, Alfred Steinle, meint, „dann müssen die Geschäfte der Sindelfinger Innenstadt noch mehr Kaufkraftschwund hinnehmen, als dies ohnehin durch das Böblinger Kaufzentrum schon der Fall ist“.

Die Stadtverwaltung Sindelfingen schlägt vor, dass Breuninger doch in der Innenstadt bauen soll – aber das Unternehmen lehnt ab. Die Firma will im Sindelfinger Osten die Ladentüren öffnen – und bewahrt sich so die Nähe zur Autobahn. Die Planungen ziehen sich allerdings hin. Der Grund: Prozesse und Einsprüche dauern über Jahre an. „Die Gegner des Projekts, Interessenvertreter des benachbarten Böblinger Kaufzentrums, blockierten den Bau durch einen langwierigen Rechtsstreit“, schrieb die Stuttgarter Zeitung (StZ) einst. Die Kläger unterliegen im Juli 1978, ein Normenkontrollantrag wird ebenfalls zurückgewiesen.

Bau und Eröffnung

Der erste „Baggerschlag“ steht am 1. Oktober 1978 an, wie die Stuttgarter Nachrichten (StN) berichten. Am 6. Juni 1979 starten die „Gründungsarbeiten“. In der Woche vor der Eröffnung blicken die StN nochmals auf eine Aussage von Böblingens damaligem Oberbürgermeister Wolfgang Brumme, der durch das Breuningerland gar eine Herausforderung sah, die existenziell sei und „von der Böblingen als Ganzes in seiner Funktion und Stellung als Einkaufsstadt betroffen ist“.

Dieter Burger, Sindelfingens OB zu dieser Zeit, betrachtet die große Konkurrenz hingegen – mit Blick auf das Böblinger Einkaufszentrum – nicht als etwas Neues für die Läden in seiner Stadt. Am 9. Oktober 1980 strömen die Kunden dann zur Eröffnung in das mehr als 20 000 Quadratmeter große Shopping-Center. Breuninger-Chef Willem van Agtmael sieht einen Vorteil in der Verzögerung: Seine Firma konnte mit dem Pendant in Ludwigsburg schon sieben Jahre lang Erfahrung sammeln. Damit richtet er sich an die Kläger: „Diesen hohen Grad der Reife, zu dem sie uns verholfen haben, werden insbesondere die Mitbewerber, die uns behindert haben und verhindern wollten, noch spüren“, zitiert ihn die KRZ.

Heinz Breuninger, Enkel des Gründers, war wenige Wochen vor der Eröffnung am 9. Oktober 1980 überraschend verstorben. Willem van Agtmael folgte auf ihn als Unternehmenschef.

Im selben Jahr beginnt in Böblingen die Zeit des City-Centers – allerdings nicht am Stadtrand, sondern im Zentrum.

Etwa drei Jahrzehnte später befindet sich das City-Center dann auf dem absteigenden Ast, vor wenigen Jahren wurde es abgerissen. Neuerdings steht dort der „Pulse“-Komplex mit mehreren neuen Geschäften.

Umbau und Modernisierung

Das Breuningerland hält sich indes bis heute. Auf dem Gelände im Sindelfinger Osten ändert sich rund zwei Jahrzehnte nach der Eröffnung einiges. Im Juni 1998 berichtet die KRZ über Umbau- und Modernisierungspläne. Unter anderem soll eine dritte Verkaufsebene erstellt werden, die Ladenstraßen sollen künftig begradigt sein, Glasflächen das Gebäude lichtdurchfluteter machen, ein 25 Meter langer Anbau die Mall nach Osten verlängern.

Kurz vor Weihnachten 2001: Zahlreiche Kunden strömen durch das Sindelfinger Kaufhaus, das zu der Zeit schon mehr als zwei Jahrzehnte existiert. Foto: KRZ/Simone Ruchay

Anfang 2000 beginnen die Arbeiten, der Betrieb läuft weiter. Im Bebauungsplan hat die Stadt die Verkaufsfläche auf 32 600 Quadratmeter festgelegt, wie die KRZ schreibt. Diese Begrenzungen, die zum Schutz der Läden in der Innenstadt getroffen werden, sind noch heute Thema – wenn auch in anderen Dimensionen.

Anfang der 2000er

Die Umbau- und Modernisierungsarbeiten sind 2002 beendet. Und schon drei Jahre später ist die Freude im Sindelfinger Osten wieder groß: Das Breuningerland mit dem damaligen Center-Manager Thomas Haeser wird 25 Jahre alt und feiert vom 13. bis zum 23. Oktober 2005 Geburtstag.

Gegenwart

Verkaufen die Eigentümerfamilien ihr Unternehmen? Falls ja: An wen? Offenbar gibt es 31 Interessenten. Und wie geht es weiter mit den 13 Warenhäusern und den 6500 Beschäftigten? Die Unklarheiten halten auch Wochen nach dem großen Medienecho an. Zumal es in Sindelfingen nicht nur um die Zukunft der Shopping-Mall geht, sondern auch um die Breuninger-Pläne, das Areal zum Goldbachquartier auszubauen.

Daten zur Warenhauskette

Breuninger
Das Unternehmen, 1881 in Stuttgart von Eduard Breuninger gegründet, betreibt Warenhäuser – darunter die in Sindelfingen und Ludwigsburg – und einen Online-Shop. Zwölf der 13 Einkaufszentren liegen in Deutschland, ein Haus ist in Luxemburg angesiedelt.

Lokales
In Sindelfingen befinden sich laut dem Einkaufszentrum auf mehr als 52 000 Quadratmetern 120 Shops. Auch gastronomische Angebote und Veranstaltungen bietet das Breuningerland. Etwa 3000 Parkplätze sind verfügbar.

Ungewissheit
Die „Wirtschaftswoche“ berichtete Ende August, dass die Eigentümerfamilien der Breuninger-Gruppe das Handelsgeschäft und die Immobilien verkaufen wollen.

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