Buch von Virologe Hendrik Streeck Wie fällt die Corona-Bilanz aus?

In der Pandemie staatlich verboten – jetzt wieder Normalität: Menschen auf dem Weihnachtsmarkt, hier in Stuttgart im vergangenen Jahr Foto: Imago/Achim Zweygarth

Während der Corona-Pandemie griffen viele politische Entscheidungen tief in das Leben und die Freiheit der Menschen ein. Jetzt hat der Virologe Hendrik Streeck die Covid-Maßnahmen auf der Basis von Fakten aufgearbeitet. Zu welchem Ergebnis kommt er?

Wenn dieser Tage Menschen ins Theater und die Oper gehen, sich in Gaststätten verabreden, zu Fußballspielen zusammenströmen oder sich demnächst auf dem Weihnachtsmarkt einen Glühwein gönnen, haben viele von ihnen fast schon vergessen: Das alles war einmal staatlich verboten. Oder hat noch jemand in Erinnerung, dass vor nicht einmal drei Jahren nahezu alle Kulturveranstaltungen untersagt waren? Dass in manchen Ländern Tag und Nacht ein Ausgehverbot herrschte, welches nur dadurch gemildert wurde, dass sich die Behörden außerstande sahen, es tagsüber durchzusetzen?

 

Wer hingegen in Baden-Württemberg nach 20 Uhr auf der Straße erwischt wurde und nicht gerade seinen Hund ausführte oder zu einem Noteinsatz unterwegs war, musste mit saftigen Strafen rechnen.

Teile der Kulturszene und viele Kulturschaffende haben sich bis heute nicht von den Folgen der Lockdowns erholt. Die gesellschaftlichen Verwerfungen, die durch die Pandemiemaßnahmen aufgetreten sind, werden Deutschland und die Welt noch lange begleiten. Umso wichtiger wäre es daher, nüchtern aufzuarbeiten, was an den damaligen Maßnahmen sinnvoll war und was sich als unsinnig oder zumindest als übertrieben herausstellt.

Fehler aufarbeiten? Fehlanzeige

„Nüchtern aufarbeiten“ bedeutet, den Blick auf Fakten, Zahlen und nachweisbare Effekte zu werfen. Offenbar ist das für einige Akteure der Politik ein zu schmerzhafter Prozess. So verweigerte sich die SPD in der Ampelkoalition einer wissenschaftlich begleiteten Enquetekommission. Stattdessen favorisierte man ein Forum, in dem alle möglichen Betroffenen über ihre damaligen Befindlichkeiten hätten plaudern sollen. Das klang eher nach einem Achtsamkeitsworkshop als nach einer Aufarbeitung von Fehlern und Versäumnissen. Am Ende konnte sich die Ampelkoalition auf gar keine Lösung einigen. Ein Großteil der Medien – während der Pandemie nicht nur Beobachter, sondern allzu oft auch Akteur – machte in dieser Hinsicht nicht sonderlich viel Druck.

Immerhin sind inzwischen einige Bücher auf dem Markt, die versuchen, eine Bilanz zu ziehen. Neben schwurbelhaften Querdenker-Werken haben sich zwei der damals als Kontrahenten dargestellten Wissenschaftler in die Diskussion eingemischt.

Ein Gesprächsbuch des Virologen Christian Drosten mit dem Journalisten Georg Mascolo („Alles überstanden?: Ein überfälliges Gespräch zu einer Pandemie, die nicht die letzte gewesen sein wird“) enthält einige bedenkenswerte Aspekte. Allerdings redet Drosten seine eigene Rolle bei den politischen Entscheidungen klein und klagt ausgiebig darüber, dass auch andere Wissenschaftler ein öffentliches Forum bekamen, die nicht seiner Meinung waren.

Hendrik Streeck Foto: Imago/Christoph Hardt

Zu diesen anderen Wissenschaftlern gehört der Bonner Virologe Hendrik Streeck, der in seinem Buch „Nachbeben“ ebenfalls eine Bilanz der Maßnahmen in der Corona-Pandemie zieht. Im Gegensatz zu Drosten befasst sich Streeck intensiv mit der Datenlage. Denn wie anders sollte eine wissenschaftliche Aufarbeitung der Corona-Maßnahmen erfolgen als durch die Prüfung der Fragen: Was hat gewirkt? Und was war Aktionismus? Die Antwort ist nicht immer ganz einfach, denn belastbare Daten für Deutschland sind sehr dünn gesät, da die Politik es versäumt hatte, ihre Maßnahmen wissenschaftlich begleiten zu lassen. Daher bleibt der Wissenschaft oft nichts anderes übrig, als auf Daten aus anderen Ländern zurückzugreifen oder auf sehr begrenzte Untersuchungen. Dennoch: Streecks Buch enthält wertvolle Hinweise für den Umgang mit künftigen Pandemien.

Im Rückblick wird klar, dass viele Maßnahmen fragwürdig erscheinen. Selbst Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach gestand inzwischen ein, dass vor allem die Schulschließungen nicht gerechtfertigt waren. Vieles deutet darauf hin, dass Kinder eben nicht als Treiber der Pandemie gelten konnten und die Folgen der Schulschließungen die Bildungskarrieren der betroffenen Kinder vermutlich ein Leben lang belasten werden. Fragwürdig waren auch Teile des Lockdown, wie etwa das Verbot von Veranstaltungen im Freien. Man erinnert sich an den Dezember 2021, als in dem einen Bundesland Weihnachtsmärkte strikt verboten, im nächsten Bundesland aber erlaubt waren.

Mehr Schaden als Nutzen

Nicht minder unklar, so zeigen Untersuchungen, ist die Wirkung der Maskenpflicht. Während es weitgehend unbestritten ist, dass FFP2-Masken, wenn sie korrekt getragen werden, eine Übertragung des SARS-CoV-2-Virus verhindern können, deutet vieles darauf hin, dass die generelle Maskenpflicht in ihrer Wirksamkeit weit überschätzt wurde. Das gilt ebenso für die Testpflicht, also die 3G-, 2G- oder 2G+-Regelungen für den Zugang zum öffentlichen Leben. Nachdem sich die Omikron-Variante des Virus durchgesetzt hatte, richteten diese Maßnahmen vermutlich mehr Schaden als Nutzen an – vor allem gesellschaftlich. Der größte gesellschaftliche Schaden jedoch entstand durch die Diskussion um die Impfpflicht, auch in vielen Medien. „Es gehört zur Wahrheit dazu, dass jede Impfung neben der gewünschten Wirkung auch unerwünschte Wirkungen haben kann“, schreibt Streeck – eine Binsenweisheit, die von vielen Politikern und einigen Wissenschaftlern schlichtweg ignoriert wurde.

Risikoabwägung

Impfen ist immer eine Risikoabwägung. Für die allermeisten Menschen war das Risiko eines schweren Verlaufs einer Corona-Infektion größer als das Risiko eines Impfschadens. Doch sollte der Staat Menschen, die eine Impfung verweigern – ob aus vernünftigen oder unvernünftigen Gründen – zu ihrem Glück zwingen? Vor allem nachdem klar wurde, dass eine Impfung eine Infektion nicht verhindern kann.

Das neue Buch von Hendrik Streeck Foto: Verlag

Wie Christian Drosten von Seiten der Querdenker, so war auch Hendrik Streeck von Seiten rigider Maßnahmenbefürworter heftigen Anfeindungen ausgesetzt. Man erinnere sich nur an den Hashtag „#SterbenmitStreeck“. Insofern ist sein Buch ein Versuch, seine damaligen Positionen zu verteidigen – allerdings mit Hilfe wissenschaftlicher Fakten und in der Erkenntnis, dass ein fakten- und datenbasierter Lernprozess notwendig ist. Solange die Politik nicht bereit ist, ihre Corona-Maßnahmen kritisch aufzuarbeiten, sind wir auf eine öffentliche Debatte in solchen Büchern und um solche Bücher angewiesen.

Rückblick auf die Pandemie

Experte
Hendrik Streeck, geboren 1977, ist Mediziner und Virologe. Er leitet das Institut für Virologie an der Universität Bonn. Eines seiner Forschungsschwerpunkte ist HIV. Während der Corona-Pandemie war er unter anderem Mitglied eines Beratergremiums der nordrhein-westfälischen Landesregierung. Er führte mit seinem Team eine der ersten empirischen Untersuchung zu Covid in Heinsberg durch, wo es zu einem ersten Ausbruch gekommen war. Er bewirbt sich im Wahlkreis Bonn für die CDU um ein Bundestagsmandat bei der nächsten Wahl.

Kritik
Während der Covid-Pandemie gehörte Streeck zu jenen Wissenschaftlern, die einen pragmatischen Kurs vertraten. So wandte er sich im April 2022 gegen das anlasslose massenhafte Testen. Vor allem im Internet wurde für seine Haltung heftig angefeindet.

Bücher
Hendrik Streeck: „Nachbeben. Die Pandemie, ihre Folgen und was wir daraus lernen können. Piper“, 320 Seiten, 22 Euro. Christian Drosten/Georg Mascolo „Alles überstanden? Ein überfälliges Gespräch zu einer Pandemie, die nicht die letzte gewesen sein wird“, Ullstein, 272 Seiten, 24,99 Euro.

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