Bucherscheinung Dialog mit dem toten Vater
Im Nachlass ihrer Mutter stößt die Autorin Roswitha Quadflieg auf Schriften ihres bekannten Vaters – und entspinnt damit ein fesselndes Gespräch.
Im Nachlass ihrer Mutter stößt die Autorin Roswitha Quadflieg auf Schriften ihres bekannten Vaters – und entspinnt damit ein fesselndes Gespräch.
Die Frage hat 1968 eine ganze Generation bewegt: „Papa, was hast du eigentlich im Krieg gemacht?“ Viele Väter zogen es allerdings vor zu schweigen, und natürlich haben nicht alle Söhne und Töchter dieses Gespräch gesucht; manchmal will man die Wahrheit lieber nicht wissen. Theoretisch wäre Roswitha Quadflieg (Jahrgang 1949) eine „68erin“, aber in jungen Jahren war sie eher unpolitisch, und später hatte sie nur noch sporadisch Kontakt zum Vater: Will Quadflieg, einer der größten deutschen Schauspieler, hat die Familie verlassen, als sie noch ein Teenager war. Wegen seiner Tourneen glänzte er wohl auch vorher schon größtenteils durch Abwesenheit; 2003 ist er gestorben.
Dass die Tochter über zwanzig Jahre nach seinem Tod endlich Antworten auf jene Fragen bekommt, die sie früher nie gestellt hat, ist einem Zufallsfund zu verdanken: Der Nachlass ihrer Mutter enthielt eine Kiste mit der Aufschrift „Briefe und Kurioses“. Zur Sichtung des Inhalts ist Roswitha Quadflieg jedoch erst während der Corona-Pandemie gekommen: Die Kiste enthielt neben 500 Briefen des Vaters auch ein Tagebuch über jene eineinhalb Jahre, in denen die Eltern während des Kriegs getrennt waren, weil die Mutter, eine gebürtige Schwedin, mit den Kindern in ihre alte Heimat geflüchtet war.
Mit Hilfe der väterlichen Notizen entspinnt sich nun ein Dialog, der überraschend fesselnd ist. Die Tagebucheinträge machen dabei den weitaus kleineren Teil aus. Auf der Grundlage eigener Archivrecherchen und vieler Gespräche versucht Roswitha rauszufinden, wie Will zur Politik der Nationalsozialisten stand. Er gehörte zwar nicht zu jenen von Joseph Goebbels als „gottbegnadet“ eingestuften Künstlern, die von jeglichem Dienst am Vaterland befreit waren, aber er war wohl mehr als ein schlichter „Mitläufer“, wie er in späteren Interviews versichert hat. Sich selbst sah er allerdings eher als „Vorbeiläufer“, was die Tochter nicht gelten lässt: „Du hast dem Führer auf deine Weise gedient“, indem er als Rezitator der Werke Goethes und Schillers dabei half, die Truppen „moralisch aufzurüsten“.
Quadflieg mag sich dabei vor allem als „Missionar der deutschen Sprache“ betrachtet haben, doch mit einem Furor, wie ihn auch die „68er“ einst auszeichnete, hält ihm die Tochter vor, auch er sei „ein Rädchen in der gewaltigen Unrechts- und Vernichtungsmaschine“ der Nationalsozialisten gewesen. Spätestens jetzt zeigt sich die Aktualität des Buches. Gut möglich, dass sich auch heutige Generationen irgendwann fragen lassen müssen, ob sie das Unheil kommen sahen und was sie dagegen unternommen haben.
Will und Roswitha Quadflieg: „Ich will lieber schweigen“. Kanon Verlag, Berlin. 296 Seiten, 26 Euro.