Buchtipp: Christoph Ransmayr, „Egal wohin, Baby“ Paradiese des Schreckens

Seine Bar-Bekanntschaften kann man sich nicht aussuchen wie hier in Costa Rica. Foto: Christoph Ransmayr/S. Fischer

Christoph Ransmayr ist einer der großen Reisenden der Gegenwartsliteratur. Sein neues Buch „Egal wohin, Baby“ führt in brillanten erzählerischen Schnappschüssen bis ans Ende der Welt und wieder zurück.

Kultur: Stefan Kister (kir)

Reisende lassen sich nur allzu gerne von den erhabenen Schönheiten der Ferne betören und verlieren dabei leicht das Hinterland geschichtlichen Schreckens aus den Augen, das der touristische Schauwert ihrer Sehnsucht verstellt. Bei dem österreichischen Schriftsteller und Reisenden Christoph Ransmayr ist das nicht so: Er verbindet auf seinen Wegen das träumende Staunen über die Wunder der Welt mit dem Moment des Erwachens, ausgelöst durch die Spuren von Massakern, kolonialen Verbrechen oder gewaltigen Naturkatastrophen, die sich in Landschaften eingegraben haben und vom Vergessen überwuchert werden.

 
Christoph Ransmayr

So wie das Grauen der englischen Herrschaft unter der wuchernden Wildnis des Paradiesgartens verschwindet, den sich einst ein britischer Major in Irland angelegt hat, unweit der Massengräber der Hungerkatastrophen, die die Bevölkerung der grünen Insel unter britischem Joch erleiden musste. Ein Foto davon ist in Christoph Ransmayrs neuem Buch „Egal wohin, Baby“ zu sehen. Während dieser große Weltenbummler der Gegenwartsliteratur seine Lebensreisen schon einmal in dem „Atlas eines ängstlichen Mannes“ kartografiert hat, könnte man bei der neuesten der von ihm neben großen preisgekrönten Romanen immer wieder erprobten „Spielformen des Erzählens“ an ein Album denken.

Wo sich Mythos und Geschichte begegnen

Jedes der siebzig kurzen Prosastücke nimmt seinen Ausgangspunkt von einem Bild, einem beiläufigen Schnappschuss, der der Erläuterung bedarf. Zum Beispiel das Graffiti in einer unwirtlichen Bahnhofshalle in Ingolstadt, das dem Band zum Titel verhilft: „Egal wohin, Baby“. Die Schrift an der Wand lässt den Reisenden nicht los: Eine Liebeserklärung oder ein Programm größter Gleichgültigkeit? Natürlich ersteres: „Einen Menschen egal wohin begleiten zu wollen, an einen tropischen Küstenstrich ebenso wie in den Staub industrieller Kohlehalden, in die Eisregion oder auf ein Schlachtfeld bis in den Tod, war mehr als jeder andere Schwur versprechen konnte.“

Dieser geografische Einzugsbereich deckt sich ungefähr mit dem, den die hier versammelten Stücke abdecken. Und vielleicht sollte man an dieser Stelle endlich den Reisenden selbst kurz vorstellen, denn er teilt zwar soweit bekannt alles mit dem Schriftsteller Christoph Ransmayr – bis auf den Namen. Lorcan nennt er sich, was man für eine Marotte halten könnte, wenn für das Gebiet, das hier durchmessen wird, eine fiktionale Referenz nicht von Vorteil wäre. Denn die Reise führt immer wieder aus der fotografisch festgehaltenen Gegenwart hinaus an imaginäre Orte im Ozean der Zeit, an denen sich Mythos und Geschichte begegnen.

Und so werden hier eben nicht einfach nur Albumseiten aufgeblättert, sondern veritable Mikroromane. Einer handelt von der Fahrt zum Nordpol auf einem russischen Atomeisbrecher, dessen Maschinist die Sprache der Seemöwen versteht. In einer anderen kommuniziert Lorcan mit dem mächtigen silberhaarigen König eines Berggorilla-Clans im Regenwald, sich räuspernd und begütigend grunzend, Laute, die unter Gorillas als Zeichen des Vertrauens und freundlichen Interesses gelten.

Auf die Sprache kommt es an. Manchmal stolziert sie in altmeisterlichem Pomp in alter Rechtschreibung durch den Wortschatz nautischer Spezialgebiete, dann wieder ist sie körnig wie der Rapport im Logbuch eines Entdeckers, wenn Lorcan über die kontraproduktiven Auswirkungen allzu intensiver Ahnenverehrung auf den Osterinseln berichtet.

Massenmörder und Kriegsverbrecher

Ihre entscheidende Qualität aber ist die Beweglichkeit, mit der sie die scheinbar weit entfernte Zeit- und Bedeutungsebenen durchdringt: Dann gibt mit einem Mal das Spiegelbild einer spanischen Barockkathedrale auf der gleißenden Fassade eines Hochhauses in Santiago de Chile nicht nur die Zerstörung jener Kultur preis, auf deren Trümmern das Gotteshaus einst errichtet wurde, sondern auch die Massenmorde des Pinochet-Regimes, zu denen in den Heiligen Hallen das Te Deum zelebriert worden ist, als Hochamt zum Sieg über die sozialistischen „Mächte des Teufels“.

Im Raumbild der portugiesischen Abtei von Alcobaça ist die traurige Liebesgeschichte aus dem 14. Jahrhundert zwischen Inés de Castro und König Dom Pedro eingeschlossen. In den Klüften des heimatlichen Salzkammerguts wiederum die des Raketenpionier Wernher von Braun, der von dreißigtausend Zwangsarbeitern einen Stollen zur Produktion von Massenvernichtungswaffen in den Fels treiben ließ, für den Tod tausender Menschen verantwortlich war, und „nach seinem Dienst für Adolf Hitler in Amerika als Held der Raketenforschung gefeiert werden sollte, anstatt die Treppe zu einem Galgen in Nürnberg hochzusteigen“.

Manches ist tieftraurig, wie die Erinnerung an das Glück einer gemeinsamen Bergtour mit dem Bruder im Toten Gebirge, bevor dieser später im Höllengebirge zu Tode stürzte. Anderes gerät herzzerreissend komisch. Das Bild eines Wasserglases beschwört die Erzählung einer Zugbekanntschaft herauf, deren Großmutter im Altenheim nächtens die Gebisse aus den Wassergläsern ihrer Mitbewohner entwendet hat, um sie von den Qualen der Prothetik zu erlösen: „Die Gesichter von mehr und mehr Heimbewohnern nahmen den Ausdruck trauriger Schildkröten an und statt klarer, verständlicher Worte wurde mehr gefaucht oder gezischt.“ Auch dieses Bild prägt sich ein.

Die erzählerische Mehrfachbelichtung von Fotografien überblendet Geschichten und Geschichte. In jedem Anlass von scheinbar größter Gleichgültigkeit kann ein kleiner Roman stecken. Deshalb folgt man diesem Reisenden gerne – egal wohin es geht.

Christoph Ransmayr: Egal wohin, Baby. S. Fischer. 256 Seiten, 28 Euro.

Info

Autor
Christoph Ransmayr wurde 1954 in Wels/Oberösterreich geboren und lebt nach Jahren in Irland und auf Reisen wieder in Wien. Neben seinen Romanen „Die Schrecken des Eises und der Finsternis“, „Die letzte Welt“, „Morbus Kitahara“, “Cox oder Der Lauf der Zeit“, „Der Fallmeister“ veröffentlichte er Spielformen des Erzählens, darunter „Damen & Herren unter Wasser“, „Geständnisse eines Touristen“ und zuletzt „Arznei gegen die Sterblichkeit“. Sein Werk wurde mit vielen bedeutenden Literaturpreisen ausgezeichnet.

Termin
Am 27. Januar liest Christoph Ransmayr im Literaturhaus Stuttgart aus seinem neuen Buch.

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