Die Kriege nehmen kein Ende: Bevor Pierre Brice zu Winnetou wurde, kämpfte er als Fallschirmspringer in Indochina. Lex Barker alias Old Shatterhand wurde als Soldat der US-Armee in Sizilien verletzt und trug seitdem eine Silberplatte im Schädel. Foto: IMAGO/Prod.DB/IMAGO/Central Cinema Company Film / Ja
Jahrhundertwerk oder Jahrhundertbluff? Clemens Meyer überblendet im Kopfkino seines für den Deutschen Buchpreis nominierten Monumentalromans „Die Projektoren“ Karl-May-Szenerien mit den realen Abgründen der Geschichte.
Uff. Wer leugnet, dass dieser Roman mit enormen Anstrengungen verbunden ist, hat entweder schon als Kleinkind einen „Moby Dick“ zum Frühstück verputzt oder schlicht Schleichwege benutzt. Auch wenn „Die Projektoren“ von Clemens Meyer vor allem Karl-May-Verfilmungen einspielen, mag es mit Blick auf den Deutschen Buchpreis, für den das gewaltige 1000-Seiten-Labyrinth nominiert ist, legitim sein, ein anderes Bildgedächtnis anzuzapfen: Die Szene aus dem Film „Matrix“, in der der Protagonist sich zwischen einer blauen oder roten Kapsel entscheiden kann. Jene verspricht die Rückkehr in die heile Welt des Gewohnten, diese, den Dingen auf den Grund zu gehen. Clemens Meyer ist rot. Wenn man aus der Dunkelkammer dieses Romans irgendwann wieder ausgespuckt wird, ist man fürs Erste blind für all die überschaubaren Formen und Sinngefüge, die draußen im friedlichen Licht der zeitgenössischen Literaturlandschaft die Szene beherrschen.
Imposantes Textmassiv
Clemens Meyer Foto: Gaby Gerster
Düster überragt der Gebirgszug des Velebit im Südosten Europas das Geschehen, heute Kroatien, vormals Jugoslawien und in den 60er Jahren Teil des Wilden Westens, als dort die deutschen Winnetou-Filme gedreht wurden. Türken und Christen, Faschisten und Kommunisten, Indianer und Cowboys, Serben, Bosnier und Kroaten haben sich in der Gegend blutige Kämpfe geliefert. In unendlich verzweigten Karsthöhlen sammeln sich die Toten, verkeilen sich in den Flüssen, als würden sie sich aneinander festklammern. Und der Angstschrei vergangener Stimmen klingt in den Fallwinden der Bora wider, die manchmal den Stuhl des deutschen „Winnetou“-Regisseurs Harald Reinl so in die Höhe tragen, dass ihm dabei die Idee für bestimmte Weitwinkeleinstellungen kommen.
Zerklüftet wie die Felsformationen, vor denen sich ein französischer Apachenhäuptling und sein amerikanischer blonder Blutsbruder ins „Reich der Edelmenschen“ des hier nur Dr. May genannten Abenteuerschriftstellers erheben lassen, zeigt sich auch die Anlage dieses Textmassivs. Und so ist es eigentlich ein absurdes Unterfangen, was die Konvention einer Rezension erfordern würde, Dinge zu ordnen, womöglich in eine Handlungsfolge zu bringen. Die Kräfte, die hier entbunden werden, widersetzen sich der Zähmung. Eine von Kriegen, entfesselter Gewalt, Massakern, gezeichnete Welt, zerrissen von Ideologien und Mythen, hat jeden Anspruch auf Zusammenhang und Geschlossenheit preisgegeben. Deshalb wird hier weniger erzählt, es ist vielmehr, als hätte jemand die Filmspulen in den Projektoren vertauscht, Sequenzen sich überlagernder Träume und Traumata rauschen durcheinander, um noch das letzte Ordnungsprinzip der Zeit im Chaos der Geschichte aufzulösen.
Alles beginnt in der „Irren-Hilfs-Heil- und Pflegeanstalt des Dr. Güntz“ in Leipzig. Einer der Patienten, der immer „der Indianer“ genannt werden wollte, könnte einem anderen Patienten, einem gewissen Dr. May, die Idee zu der Figur eingeben haben, mit der er später zu Weltruhm gelangte. Der Indianer reist in verschiedenen Konfigurationen durch die Zeit. In einem Abschnitt aus 293 Sätzen besucht der französische Schauspieler Pierre Brice Wounded Knee, um an die zweihundertdreiundneunzig indigenen Opfer des dort verübten Massakers im Jahr 1890 zu erinnern. An seiner Seite sein jugoslawischer Kollege Mavid Popović, als Winnetous Vater Intschu tschuna so berühmt wie für seine Liebeskünste – angelegentlich der Reise hat er sich vorgenommen, in Amerika „den Klassenfeind zu ficken“.
Doch auch die Einwohner der DDR, in deren Kinos die von Dr. May inspirierten Filme erst spät gelangten, konnten sich in die Lebensweisen der indigenen Völker Amerikas einfühlen. Offen, in welchem Verhältnis dazu die ost-westdeutsche Neonazi-Zelle steht, die in den neunziger Jahren zu blutig ernsten Kriegsspielen aufseiten kroatischer Nationalisten in den Velebit zieht, um bei der Zerstörung der Bundesrepublik Jugoslawien mitzuwirken.
Verloren im Chaos der Stimmen
Dem Indianer steht ein Mann gegenüber, der sich „der Cowboy“ nennt. Katastrophen pflastern seinen Weg. Als Jugendlicher war er Meldegänger für die Partisanen Titos, nach dem Krieg wurde er auf die berüchtigte Gefängnisinsel Goli Otok verbannt. Er wirkte bei den Dreharbeiten der Karl-May-Filme mit, schlug sich in Deutschland als Groschenromanschreiber durch, durchlebte die Gräuel des jugoslawischen Bruderkriegs, um schließlich mit einem Wanderkino wie Kara Ben Nemsi durch den Nahen Osten zu ziehen, auf der Suche nach seiner verlorenen Nichte.
In dem Film, den das Kopfkino der „Projektoren“ zeigt, spielt er die Hauptrolle. Außerdem wirken mit: Negosava, die Geliebte des Cowboys, antagonistische Brüderpaare, Völkerkundler, Dottores, Tito, Dr. May und seine Geschöpfe, viele, viele andere teils in undurchsichtigen Doppelrollen. Und natürlich Lex Barker und Pierre Brice. Die Spezialeffekte verdanken sich der postmodernen Romantheorie, und für die Regie des Leipziger Autors Clemens Meyer gilt, was der Leiter der „Irren-Hilfs-Heil- und Pflegeanstalt“ auf die Frage antwortet, wie er versuche, Ordnung in das Chaos zu bringen: „Ach, wissen Sie, wir folgen hier so vielen Stimmen, dass wir uns häufig selbst verlieren.“
Aber vielleicht ist das eigentliche Mastermind der Geschichte ja der seltsame Fragmentarist, der in der Einrichtung des Dr. Güntz die Wände vollschreibt. Krieg und Flucht haben seine Seele zerrüttetet, sodass er die Welt nur noch in Fragmenten wahrnimmt. „Traum und Film sollen ineinander übergehen, Bilder, aus den Worten fallen, Worte, die in die Bilder regnen wie schwarzer Hagel“, heißt es über den Umgang mit seinen Schöpfungen.
Die Laterna magica dieses Romans macht die Schrift an der Wand lesbar. Trash und Trümmer, Fragmente niemals endender Kriege und Gräuel stauen sich zu etwas auf, das zwischen Jahrhundertwerk und Jahrhundertbluff schillert. Die tragische Intensität des Lebens zeigt sich als Folge außer Rand geratener Satyrspiele.
Wer könnte ausschließen, dass nicht genau das der Wirklichkeit entspricht.
Clemens Meyer: Die Projektoren. Fischer Verlag. 1056 Seiten, 36 Euro.
Info
Autor Clemens Meyer, geboren 1977 in Halle / Saale, ist der Beweis, dass die deutsche Gegenwartsliteratur nicht nur das Produkt schreibender Arzt- und Lehrerkinder ist. Der Leipziger aus Überzeugung hat sich hochgearbeitet und sein erstes Geld auf dem Bau verdient. Aber nicht wegen dieser Herkunftsfolklore zählt er zu den interessantesten Erscheinungen des Literaturbetriebs, sondern wegen Romanen wie „Als wir träumten“ oder „Im Stein“ (2013). Für sein Werk erhielt er zahlreiche Preise, darunter den Preis der Leipziger Buchmesse. Sein neuer Roman „Die Projektoren“, an dem er acht Jahre geschrieben hat, steht auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis 2024.
Termin Am 7. Oktober stellt Clemens Meyer „Die Projektoren“ im Literaturhaus Stuttgart vor.