Einst wurde in dem fruchtbaren Marschland zwischen Euphrat und Tigris das Paradies vermutet. Heute herrscht wie hier im Irak trostlose Dürre. Foto: IMAGO/Zoonar/IMAGO/Zoonar.com/John Wreford
Die türkisch-britische Autorin Elif Shafak reist in ihrem Roman „Am Himmel die Flüsse“ dorthin, wo die Quellen der Zivilisation entsprungen sind. Und es ist überwältigend, welche Fülle an Themen auf dem Strom ihres Erzählens verschifft werden.
Die Folgen der Zivilisation, die einmal im Zweistromland von Euphrat und Tigris entsprungen ist, erreichen die Menschen heute im Wechsel von Dürrekatastrophen und Hochwasserereignissen. Sowohl da, wo es fehlt, als auch dort, wo es in vernichtenden Wolkenbrüchen alles mit sich reißt, lässt sich sagen: das Wasser ist unser Schicksal. Insofern ist es keine schlechte Idee, wenn die türkisch-britische Autorin Elif Shafak eine Hydrologin zur Protagonistin ihres neuen Romans „Am Himmel die Flüsse“ macht.
Die junge Wissenschaftlerin Zhaleekah, deren Familie mütterlicherseits aus der Region stammt, die in Vorzeiten einmal Mesopotamien hieß, beschäftigt sich mit aquatischen Ökosystemen, globalen Wasserzyklen im Klimawandel und Flüssen, die vom Fortschritt verdreckt, vergiftet und schließlich versenkt wurden. Sie zieht gerade, es ist das Jahr 2018, in ein Hausboot auf der Themse, weil ihre Ehe den Bach hinunter ging. Nach dem frühen Tod ihrer Eltern wuchs sie im Haus ihres reichen Onkels auf, der sich als Migrant in die höchsten Kreise der Gesellschaft emporgearbeitet hat: „Unsereins kann kann es sich nicht leisten zu versagen, vergiss das nie“, gibt er seiner Nichte mit auf den Weg. Und vielleicht spiegelt sich dieser familiäre Hintergrund in Zhaleekahs Faible für das flüssige Element: „Wasser ist durch und durch Immigrant, es ist gefangen im Übergang und kann sich nirgends für immer niederlassen.“
Elif Shafak Foto: Ferhat Elik
Auch in metaphorischer Hinsicht ist das Land zwischen den zwei Flüssen der Ursprung jener Kulturleistungen, an deren Ende die Kunstform steht, mit der Elif Shafak zu einer wichtigen Stimme der Gegenwartsliteratur geworden ist. Hier, in einer heute von Versteppung bedrohten Gegend, in der einmal wegen ihrer Fruchtbarkeit der geografische Ort des Paradieses vermutet wurde, entstand das älteste Epos der Welt. In der Geschichte des durchaus mit sehr gemischten, um nicht zu sagen allzumenschlichen Eigenschaften ausgestatteten Königs Gilgamesch findet sich zum ersten Mal die Darstellung einer Sintflut. Über die Bibel ergießt sich diese Quelle im Lauf der Jahrtausende in einen immer breiteren Strom des Erzählens.
Daher spricht auch manches dafür, sich einen Assyriologen zur Seite zu holen, der sich um die Entzifferung der Schrift verdient gemacht hat, in deren keilförmigen Zeichen der Fluss der Überlieferung weitergeleitet wurde. Es ist der an einem kalten Wintertag 1840 am Ufer der Themse in ärmste Verhältnisse hineingeborene Arthur Smyth. Als Kind wird er Zeuge wie ein riesiger assyrischer Schutzdämon aus Stein, ein sogenannter Lamassu, ins Britische Museum verladen wird. Die Leidenschaft ist geweckt. Seine Inselbegabung wird den in sich gekehrten Jungen auf autodidaktischen Wegen aus dem sozialen Chaos seiner Herkunft heraus in das Land seiner Sehnsucht führen.
Zyklen der Vernichtung
Der Quellgrund der Menschheit liegt heute in einem Krisengebiet. Und die Religionsgemeinschaft der Jesiden, deren Traditionen vielleicht am Weitesten in die Zeit zurückreichen, in der sich der assyrische Herrscher Assurbanipal eine Bibliothek voller beschrifteter Tontafeln zugelegt hat, ist von wiederkehrenden Zyklen der Vernichtung bedroht. Zuletzt 2014, als die Terroristen des Islamischen Staats in einem Massaker Tausende jesidische Männer getötet, Frauen verschleppt, vergewaltigt und als Sklavinnen verkauft haben. Das eine, lässt sich nicht ohne das andere erzählen.
Deshalb ist die Dritte im Bund der Hauptfiguren das neunjährige jesidische Mädchen Narin. Es lebt in der uralten, auf türkischem Gebiet liegenden Stadt Hasankeyf, deren Tage wegen des gigantomanischen Projekts des Illiesu-Staudamms gezählt sind. Bald werden die Zeugnisse einer bis ins 10. Jahrtausend vor Christus zurückreichenden Besiedelung in den Fluten des Tigris versunken sein, darunter auch das Grab eines englischen Forschungsreisenden, der von der Suche nach den fehlenden Teilen einer alten Dichtung nicht mehr zurückgekehrt ist. In dem Unglücksjahr 2014 reist Narin zusammen mit ihrer Großmutter in den Irak, um dort im heiligen Lalisch-Tal der Jesiden getauft zu werden.
Unaufhaltsamer Sog
All dies fließt in Elif Shafaks fluidem Roman über die Grenzen von Zeit und Raum hinweg zusammen. Und was wollte man der mächtigen Fülle an Themen entgegensetzen, die der Strom dieses Erzählens mit sich führt? Er mäandert um Wissenschaft und Poesie, Kolonialgeschichte, Kunstraub, Völkermord, autochthone Mythen, Armuts- und Migrationsschicksale bis hin zum Organhandel. Man passiert Zonen sauerstoffarmer Didaktik, hin und wieder wird die Reise getrübt von Zuflüssen gehörigen Kitsches, doch der unaufhaltsame Sog des Ganzen trägt über seichtere Passagen hinweg. Ein Abenteuer bleibt es allemal.
Auch wenn Wasser in ewiger Zyklizität aufsteigt, verdunstet, seine Gestalt wandelt, folgt alles, was fließt, einer absteigenden Richtung. Shafaks Figuren sind Leidende, von Katastrophen Gezeichnete, Beschädigte, wie schon der Held jenes fünftausend Jahre alten Epos, wobei damals wenigstens noch die Flüsse sauber waren.
In der beschworenen Urkraft des Flüssigen spiegelt sich eine unvollkommene Welt. Doch auf dem Grund schimmert ein ethisches Prinzip, das Besserung verspräche zumindest in einer von Antagonismen und Polarisierungen zerklüfteten Welt: Wasser kennt kein Entweder-Oder, alles mischt sich, Übergänge verschwimmen. Als Element der Erzählung stiftet es Trost für all das, was die Figuren auf dem Weg von der Quelle zur Mündung zu dulden haben. Und es hält im Gedächtnis, was dabei auf der Strecke blieb.
Elif Shafak: Am Himmel die Flüsse. Roman. Aus dem Englischen von Michaela Grabinger. Hanser Verlag. 592 Seiten, 28 Euro.
Info
Autorin Elif Shafak, geboren 1971 in Straßburg als Tochter türkischer Eltern, verbrachte weite Teile ihrer Kinder- und Jugendjahre in Spanien, bevor sie in die Türkei zurückkehrte und an der Universität von Ankara studierte und in Politikwissenschaft promovierte. Sie lehrte in der Türkei, den USA und in Großbritannien, darunter als Honorary Fellow am St. Anne’s College der Universität Oxford. Die BBC wählte sie zu einer der „100 inspirierendsten und einflussreichsten Frauen“. Shafak lebt in London.
Werk Ihre 14 Romane, darunter „Die vierzig Geheimnisse der Liebe“, „Ehre“ , „Der Geruch des Paradieses“ oder „Das Flüstern der Feigenbäume“ wurden in 57 Sprachen übersetzt und mit internationalen Literaturpreisen ausgezeichnet. Sie schreibt auf Türkisch und Englisch. Mit „Unerhörte Stimmen“ (2019) stand sie auf der Shortlist des Booker Prize.
Termin Am 16. Oktober stellt Elif Shafak „Am Himmel die Flüsse“ im Hospitalhof Stuttgart vor.