Von russischen Soldaten in Brand gesetzte Weizenfelder in der Region Saporischschja. Foto: IMAGO/NurPhoto/IMAGO/Dmytro Smolyenko
Um die Gegenwart zu verstehen, kann ein Blick in die Vergangenheit helfen – im Zweifel auch der Brief an einen Toten. Wer im Ukraine-Krieg Position bezieht, kommt um das neue Buch der italienischen Autorin Francesca Melandri nicht herum: „Kalte Füße“.
Alles hat seine Zeit, es gibt eine Zeit, Zeugnis abzulegen, und eine Zeit, Geschichten zu erfinden. Das schreibt die italienische Schriftstellerin Francesca Melandri in ihrem neuen Buch „Kalte Füße“. Es ist keine erfundene Geschichte, sondern eher die kritische Überprüfung im Umlauf befindlicher Geschichten, solche, die sich auch grob unter dem durchaus literaturfähigen Begriff Lebenslügen fassen ließen. Was für gute Romane daraus entstehen können, hat sie in „Keiner, außer mir“ unter Beweis gestellt. Darin stilisiert sich ein ehemaliger Parteigänger Mussolinis, der an dessen abessinischem Eroberungsfeldzug mit allen menschenverachtenden Konsequenzen teilgenommen hat, nach dem Krieg zum Partisanen, getreu der italienischen Logik, wonach die zwei Jahre deutscher Besatzung das Land entweder in wehrlose Opfer oder Helden des Widerstands aufgeteilt hätten.
Einer ganz ähnlichen Konstellation begegnet man nun wieder. Doch die Zeit gibt dem neuen Buch eine andere Form, die eines Briefes an den Vater. Was die Zeit beherrscht, ist der russische Eroberungskrieg gegen die Ukraine, mit allen menschenverachtenden Konsequenzen. Kurz nach Beginn des Angriffs entdeckt Francesca Melandri, dass das Land, dessen Existenz von Putins Soldateska ausgelöscht werden soll, das Gleiche ist, in das 80 Jahre zuvor ihr Vater als junger Parteigänger Mussolinis und Verbündeter Hitlers schon einmal eingefallen ist. Und dass, was in dem Familiengedächtnis als Rückzug aus Russland im Winter mit kalten Füßen unter einer Schicht aus Anekdoten abgespeichert wurde, in Wirklichkeit ein Rückzug aus der Ukraine war.
Vom Frieden verwöhnt
Im imaginären Zwiegespräch mit dem bereits einige Jahre zuvor gestorbenen Vater, lässt sie dessen Erzählungen im Licht der laufenden Ereignisse Revue passieren, um hinter den Geschichten das eigentliche Geschehen zu rekonstruieren. Wie die Figur des Romans, hat sich auch der junge faschistische Leutnant nach dem rasch zur Befreiung von Nazi-Deutschland umdekorierten Waffenstillstand hinter einem Halstuch der Partisanen in Sicherheit gebracht. Italien habe manche der schlimmsten Ausgeburten des 20. Jahrhunderts hervorgebracht, aber „wie durch ein Wunder sind wir Italiener fast alle Kinder und Enkel von Partisanen. Zumindest wenn man unseren Erzählungen Glauben schenkt“, schreibt Melandri mit beißender Ironie.
Eine nach der anderen solcher Erzählungen knöpft sich die Briefschreiberin vor, um herauszufinden was Krieg bedeutet. Und je weiter sie auf den Spuren des Vaters in das ehemalige und heutige Kriegsgebiet vordringt, desto unhaltbarer werden viele der Überzeugungen, in die sie als Europäerin des Westens in den letzten 80 vom Frieden verwöhnten Jahren hineingewachsen ist. Jahre, in denen immer klar war, wogegen man sich als kritischer Geist zu wenden hatte. Russland als bewunderter Kulturmacht, die im großen vaterländischen Krieg den Nationalsozialismus unter ungeheuren Opfern bezwungen hat, stand der westliche Imperialismus mit seiner kolonialistischen Vergangenheit gegenüber.
Zumindest wenn man immer noch gern gepflegten Erzählungen Glauben schenkt. Doch in den Erkundungen Melandris kommt auch eine andere, weniger präsente Geschichte ans Licht: die einer Kolonialmacht, die mit den indigenen Völkern, die auf dem Gebiet des imperialen Großreich der Russkij Mir gelebt haben, nicht minder zimperlich umgesprungen ist, wie die Eroberer Amerikas mit den Native Americans. In dieser – von der postkolonialen Theoriebildung ausgesparten – historischen Konsequenz ist der Ukraine-Krieg nichts als ein weiteres Kapitel in dem Versuch, eine Nation, ein Volk, eine Kultur auszulöschen, die schon bevor die italienischen Schwarzhemden im Gefolge der Deutschen Wehrmacht sich die einstige Kornkammer in einem „Brotkrieg“ unter Nagel reißen wollten, von Stalin ausgehungert, deportiert, ermordet worden war.
Die Skrupellosigkeiten, Gewaltexzesse, Verrohungen, Verwüstungen, die Kriegsverbrechen und Propagandalügen, deren sich das Regime eines mit internationalem Haftbefehl gesuchten Autokraten schuldig macht, ist nur die eine Seite. Die andere Seite ist das Wir, in dessen Namen sich Melandri an den Vater wendet. Und dieses Wir hat seine eigenen Lebenslügen. So wie viele Intellektuelle in Europa einst nicht wahrhaben wollten, welches ungeheuerliche Leid die Kollektivierung über Millionen erbärmlich verhungernder Menschen in der Ukraine gebracht hat, weil ihnen nur die edlen Ziele der glorreichen sowjetischen Revolution vor Augen standen, so stellt Melandri heute erschüttert fest, wie die Opfer des russischen Angriffskriegs in ihrem Leid, ihrer Angst, ihrem elementaren Gefühl für Gerechtigkeit auf bloße Figuren im erhabenen Spiel der Ideologien reduziert werden.
Warum verfängt, was Putin absurderweise als Entnazifizierung verkauft, gerade bei denen, die sich im Westen ihre linke Lebensleistung zugutehalten, im Glauben, immer auf der richtigen Seite zu stehen? Melandri erkennt darin einen Mechanismus, sich der Realität zu verweigern, weil sie nicht mehr mit den ideologischen Grundüberzeugungen zu vereinen ist, auf denen das eigene Selbstbild beruht: pazifistisch, antiimperialistisch und allen voran antiamerikanisch. Man will keiner Realität sekundieren, „in der die Toten in der Ukraine keine Opfer der Hegemonialmacht USA sind, sondern Russlands“. So kommt es zu dieser seltsamen Allianz zwischen Nostalgikern des real existierenden Sozialismus und den Nostalgikern des Nazifaschismus. Und hinter mancher Friedenspräambel verbirgt sich in Wirklichkeit eine verkappte Kampfansage an die westliche Demokratie. Melandri schreibt aus italienischer Perspektive, aber nur zu deutlich rückt dabei in den Blick, was sich gerade in diesen Tagen auch in Deutschland zeigt.
Dieser Brief hält nicht Gericht, sowenig wie er eine Abrechnung mit dem Vater ist, sondern unternimmt den nuancierten Versuch einer Verständigung über viele Widersprüche hinweg. Wichtiger als eine Zelebration vergangener Schuld ist Melandri die Erkenntnis der daraus für die Lebenden resultierenden Verantwortung. Wem es nicht nur darum geht, recht zu behalten, seine Positionen, sein Selbstbild um jeden Preis zu verteidigen, sollte sie an diesem Totengespräch überprüfen.
Francesca Melandri: Kalte Füße. Aus dem Italienischen von Esther Hansen. Wagenbach Verlag. 288 Seiten, 24 Euro.
Info
Autorin Francesca Melandri wurde 1964 in Rom geboren. Sie gehört zu den wichtigsten italienischen Autorinnen der Gegenwart. Sie ist Gründungsmitglied des PEN Berlin und lebt in Südtirol, Rom und Berlin. Schon mit 19 Jahren trat sie als Drehbuchautorin für Kino- und Fernsehfilme in Erscheinung. Mit ihrem ersten Roman „Eva schläft“ wurde sie auch einem deutschsprachigen Lesepublikum bekannt. Ihr letzter Roman „Alle, außer mir“ wurde 2018 zum Lieblingsbuch des unabhängigen Buchhandels gewählt und stand auf der „Spiegel“-Bestsellerliste.
Termin Am 7. November, 19.30 Uhr, stellt Francesca Melandri „Kalte Füße“ im Literaturhaus Stuttgart vor.