Ist da vielleicht auch ein Menschenzerlegungsgerät dabei? Blick in den Maschinenpark des Schweizer Künstlers Jean Tinguely. Foto: IMAGO/Funke Foto Services
Jonas Lüschers Roman „Verzauberte Vorbestimmung“ handelt von dem ambivalenten Zusammenwirken von Mensch und Maschine zwischen Lebensermöglichung und -zerstörung. Im Mai stellt der Autor ihn im Stuttgarter Literaturhaus vor.
Vielleicht kann man diesen Roman am besten mit einer Art Jenseitsreise vergleichen. Es gibt da ja Vorbilder, eines davon wird explizit genannt, Dante, in dessen Schattenreich sich der Erzähler einmal wähnt. Aber so wie in Jonas Lüschers „Verzauberter Vorbestimmung“ hat man noch nicht die Grenzen der Zeit überschritten. Was einmal daran liegen mag, dass man nicht genau sagen kann, welche Rolle ein bewusstseinserweiterndes Drogencocktail, hochdosierte Opioide, Anästhetika und manches mehr, für die Überwindung aller trennenden Distanzen spielt. Zum anderen, weil als Fortbewegungsmittel ein exakt ineinander verschraubter syntaktischer Apparat dient, der noch so auseinanderliegende Glieder unter dem gemeinsamen Dach eines bewundernswerten Satzbaus zusammenführt.
Jonas Lüscher Foto: Peter-Andreas Hassiepen
Die medikamentöse Befeuerung der Assoziationskraft könnte ihre Ursache darin haben, dass der Erzähler infolge des schweren Verlaufs einer Corona-Erkrankung wochenlang im Koma lag, manchmal mehr jenseits als diesseits der Schwelle zum Tod. Die sprachliche Komplexitätskunst wiederum erklärt sich aus dem Umstand, dass es sich bei ihm um einen der präzisesten Feinmechaniker der Gegenwartsliteratur handelt, den Schweizer Autor Jonas Lüscher. Welcher Vergleich vielleicht etwas abgedroschen wäre, führte er nicht ins Zentrum, das die in Vergangenheit und Zukunft auseinanderstrebenden Teile dieser Geschichte zusammenhält: das höchst ambivalente Verhältnis von Mensch und Maschine zwischen Lebensermöglichung und -zerstörung.
Utopische Zuckerbäckerei
Es beginnt mit einem algerischen Soldaten, der im Ersten Weltkrieg aufseiten Frankreichs kämpft und in einem Blitz der Erleuchtung beschließt, nicht länger Teil der Militärmaschinerie sein zu wollen: „Nicht mehr rennen, nicht mehr feuern, nicht mehr töten, nicht mehr kämpfen.“ Er steht auf, reglos den Blick auf die Gewehre der Feinde gerichtet: „Als sähen sie etwas ganz und gar Überraschendes, ließen sie die Waffen fallen.“
Und so verschwindet der Soldat in einem utopischen Tagtraum, der in die Geschichte des Briefträgers Ferdinand Chevals mündet. Dieser hat in jahrelanger Arbeit in dem kleinen Städtchen Hauterives aus gefundenen Steinen sein Palais Idéal errichtet, eine fantastische Zuckerbäckerei, mit der er zu einem der Säulenheiligen der Surrealisten wurde. Aber auch eine Menschenzerlegungsmaschine des Schweizer Künstlers Jean Tinguely hat ihren Auftritt.
Wie Dante vertraut sich der Erzähler in seinen Streifzügen Dichtergestalten – oder profaner: Kollegen – an, zunächst dem Schriftsteller Peter Weiss, der auch Maler war. Eines seiner Bilder „Die Maschinen greifen die Menschen an“ führt in das tschechische Varnsdorf. Eingeschachtelt in Erzählungen von Erzählungen über den legendären englischen Maschinenstürmer Ned Ludd, wird nicht nur der Kampf von Textilarbeitern gegen die sie ersetzende Automatisierung veranschaulicht, sondern zugleich, wie über Literatur komplexe ökonomische und soziale Prozesse dargestellt werden können.
Wo die Automation mit Eigenschaften wie Wiederholung und Austauschbarkeit die Produktivität steigert, aber damit auch Menschen ihrer Existenzgrundlage beraubt, hält auf der anderen Seite eine Herz-Lungen-Maschine den schwer erkrankten Autor auf der Intensivstation am Leben.
Scheußlichste Sinnlosigkeiten
Die letzte Station liegt im Ägypten der Zukunft. Totenkult und die Unsterblichkeitsverheißungen des Transhumanismus als letzter Konsequenz einer Verschmelzung von Mensch und digitalen Maschinen treffen in einer neuen Stadtgründung zusammen. Was hier unter dem Namen Pharao City aus dem Boden gestampft wurde, entspringt leider nicht reiner Fantasie. Und auch wenn die „Ansammlung von scheußlichster Sinnlosigkeit“, die „Blödheit und Gemeinheit ausstrahlende Zusammenballung von Baumaterialien“ dem Erzähler den letzten Lebensmut aus den Knochen saugt, läuft er in der Bekundung seines Abscheus zu großer Form auf.
Dieser triste Auswuchs von Geschmacklosigkeit, Korruption und spätkapitalistischem Monumentalismus bildet die Kulisse für ein Update des alten Mythos von Amor und Psyche. Die Liebe zwischen einer Sterblichen und einer „Angeschlossenen“, der zu ewigem Leben verdammten Digitalkopie ihrer selbst, mündet in einen Maschinensturm aus Liebe: die Zerstörung des Datenspeichers. Denn für ihre Liebe gibt es keine Zukunft, solange sie nicht das Faktum der Sterblichkeit teilen.
Das medikamentös bedingte Außersichsein ermöglicht dem Erzähler wie auf den Flügeln des ägyptischen Seelenvogels Ba über allem zu schweben. In visionärem Taumel gleiten Reflexionen, Anschauungen, Geschichtliches und Geschichten in- und auseinander. Die Nahtoderfahrung, aus der dieser Roman hervorgegangen ist, lässt weniger das eigene Leben Revue passieren, sondern die ideellen, historischen, technologischen Grundlagen, in die es eingebettet ist.
Jonas Lüscher durchquert den Kosmos des Prothesengotts – des durch Wissenschaft und Technik ermächtigten Menschen. Die Assoziationskraft des Autors führt bisweilen an die Grenzen dessen, was ein noch so kunstvoller Satzbau tragen kann. Doch er hält stand und eröffnet eine somnambule Infrastruktur, über die Entlegenes miteinander kommuniziert. Die existenzielle Erfahrung dieser Jenseitsreise stellt an die Mitreisenden gewisse Ansprüche. Aber es wäre ein Fehler, einem Autor wie diesem nicht zu folgen.
Autor Jonas Lüscher wurde 1976 in der Schweiz geboren, er lebt in München. Seine Novelle „Frühling der Barbaren“ war ein Bestseller, stand auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis. Lüschers Roman „Kraft“ gewann den Schweizer Buchpreis.
Termin Am 6. Mai stellt Jonas Lüscher seinen Roman im Literaturhaus Stuttgart vor.