Buchtipp: Karl Ove Knausgard, „Die Schule der Nacht“ Pakt mit dem Teufel

Zwischen Himmel und Hölle: Karl Ove Knausgard Foto: www.imago-images.de/IMAGO/Thomas Karlsson/DN/TT

Ein Künstler, der über Leichen geht: Karl Ove Knausgard setzt seinen „Morgenstern“-Zyklus mit dem faustischen Roman „Die Schule der Nacht“ fort.

Kultur: Stefan Kister (kir)

Man kann Karl Ove Knausgard nicht vorwerfen, er gäbe vor großen Herausforderungen klein bei. Das verbindet ihn mit Kristian Hadeland, dem Protagonisten seines neuen Romans „Die Schule der Nacht“, in dem schon mit 19 Jahren die Überzeugung wächst, dass seine Zukunft im Monumentalen liegt. Monumental sind nicht nur die Buchgebirge, die der norwegische Autor in vielbändigen Zyklen aufeinandertürmt, in die Höhe schießt auch ihr Anspruch, den man mit Blick auf sein jüngstes Werk durchaus faustisch nennen darf. Denn es schreibt nicht nur die mittlerweile auf sechs voluminöse Teile angelegte „Morgenstern“-Serie weiter, sondern einen Stoff, der eine einschüchternde Ahnenreihe mit Namen wie Christopher Marlowe, Johann Wolfgang Goethe oder Thomas Mann auf den Plan ruft. Aber ohne Hybris kein Faust. Und genau das ist jener Kristian Hadeland, ein zeitgenössischer Doktor Faustus, der einen Pakt mit dem Teufel eingeht, um sich in künstlerischen Größenfantasien von der dürftigen Durchschnittlichkeit spätmoderner Lebensverhältnisse abzusetzen.

 

Doch jede Zeit bekommt den Faust, den sie verdient. Hadeland ist Fotograf, und wie es scheint, kein besonders begabter, auch wenn er es an eine Londoner Kunstakademie geschafft hat. „Deine Bilder sind total unspektakulär“, sagt seine Schwester, die auf ihre Weise mit Drogen die Leere des Daseins zu füllen versucht. Ähnliches bekommt er immer wieder zu hören. Das ändert sich erst, als er in London den Holländer Hans kennenlernt, der mit künstlicher Intelligenz tote Apparate beseelt und ihm die Augen öffnet für die obskuren Geheimnisse der Kamera.

Der Teufel steckt im Detail ihres den Augenblick verweilen lassenden Lichtzaubers, der sich hier als Schwarzkunst entfaltet. Die Konservation und Verdopplung des Lebens berührt einen zentralen Nerv der Zeit: „Wir leben heute in einer Welt aus Spiegeln“, doziert der mephistophelische Bekannte. Die Logik des Kapitalismus und die Logik des Spiegel verbinden sich zu einem Loop, einem In-sich-selbst-Kreisen, dessen mythische Referenz die Figur des Narziss ist. Um es klar zu sagen: Kristian Hadeland ist eine der unsympathischsten Figuren, mit denen man je die Ich-Perspektive geteilt hat. Empfindlich und gefühllos zugleich, mittelmäßig, nachtragend, aber erfüllt von einem nihilistischen Größenwahn: „Ich bin nämlich allein auf der Welt, es gibt niemanden, der über mich bestimmt, ich kann tun und lassen, was ich will.“

Es ist charakteristisch für das Schreiben Knausgards, dass ein Bekenntnis dieses bedrückenden Formats formuliert wird, um das Bestellen eines zweiten Glases Bier zu rechtfertigen. Das Banale und das Maßlose gehen Hand in Hand, das ist, was die Welt hier im Innersten zusammenhält. Die sinnsucherischen Grenzgänge erfolgen aus Szenerien einer nur allzu vertrauten Alltäglichkeit. Und vielleicht ist diese geradezu sozialdemokratische Verankerung des großen einsamen Kunstwollens mit ein Grund dafür, dass man immer wieder aufs Neue sofort bereit ist, seine Lebenszeit gegen Lesezeit einzutauschen, um sich in finsterste Abgründe zu verlieren.

Ausgekochte Katzenkadaver

Im dritten Band des Zyklus, „Das dritte Königreich“, waren es die satanischen Riten der norwegischen Death-Metal-Szene, in die sich das Unbedingtheitsstreben um künstlerischen Nonkonformismus verirrt hat. Auch Kristian Hadeland ist bereit, über Leichen zu gehen. Ein ästhetisch ausgekochter Katzenkadaver, ein Obdachloser und das ein oder andere brutal abgefertigte Gretchen pflastern den Weg zu einem der angesehensten Künstler, der es auf dem Höhepunkt zu einer Retrospektive im New Yorker MoMa bringt. Doch dem Teufel macht man nichts vor, auch wenn er Hans heißt. Er weiß, wem das mittelmäßige Genie den Erfolg schuldet und fordert seinen Tribut.

Die bisherigen „Morgenstern“-Romane, von denen jeder auch für sich lesbar ist, standen im endzeitlichen Zwielicht eines neuen Gestirns, das die Grenzen zwischen Tod und Leben verschwimmen lässt. Sie bestanden jeweils aus einer Folge unterschiedlich langer, aus der Ich-Perspektive wechselnder Akteure erzählter Abschnitte. Insofern ist die Geschichte Kristian Hadelands ein Solitär. Er schreibt sie im Rückblick zu einem Zeitpunkt auf, an dem er alles verloren hat. Ein Gescheiterter und der Einzige, in dessen Dunkelheit noch nicht das Licht jener seltsamen Himmelserscheinung fällt. Oder doch? Ist man ihm nicht bereits im ersten Band begegnet, von den Toten wiederauferstanden?

Seine großen Werke sind den Eingebungen des diabolischen Spiritus Rector abgekupfert. Die „Schule der Nacht“ ist ein Künstlerroman, dessen Handlungsführung in groben Zügen, aber doch eng genug an „Doktor Faustus“ angelehnt ist, sodass man bisweilen an eine Hommage zum Thomas-Mann-Jahr denken könnte. Doch das ist kein Einwand. Denn die Verspiegelungen dieses monumentalen Werks sind komplex. Wie man in den ästhetischen Reflexionen des Gefallenen eine okkulte Poetik von Knausgards Wirklichkeitsliteratur erblicken könnte, meint man mit Schrecken im Zerrspiegel der Psychopathologie des Protagonisten ein Bild der eigenen Zeitgenossenschaft zu erkennen, ein Narziss wie du und ich.

In der Galerie von Repräsentanten der letzten Tage der Menschheit, die der Zyklus Revue passieren lässt, ist dieser Fotograf einer der Befremdlichsten. Anders als in dessen kalkulierten Tabubrüchen mit dem Tod, pulst aber im farbigen Abglanz des Romans beunruhigendes Leben. Man kann nicht anders, als den Pakt mit diesem Autor immer wieder zu erneuern.

Karl Ove Knausgard: Die Schule der Nacht.Roman. Aus dem Norwegischen von Paul Berf. Luchterhand Literaturverlag. 672 Seiten, 28 Euro.

Info

Autor
Karl Ove Knausgard wurde 1968 in Oslo geboren und gilt als wichtigster norwegischer Autor der Gegenwart. Die Romane seines sechsbändigen, autobiografischen Projekts „Min Kamp“ wurden weltweit zur Sensation. Sie sind in über 30 Sprachen übersetzt und vielfach preisgekrönt. Er lebt in London.

Zyklus
Nach „Die Wölfe aus dem Wald der Ewigkeit“ und „Das dritte Königreich“ ist „Die Schule der Nacht“ der vierte Teil einer Hexalogie, die mit dem Roman „Der Morgenstern“ begonnen hat.

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