Buchtipp: Kurzgeschichten von Giulia Becker Skurriler Alltag

Giulia Becker liebt das Schrullige. Foto: Frederike Wetzels

Giulia Beckers Kurzgeschichtensammlung „Wenn ich nicht Urlaub mache, macht es jemand anderes“ besteht aus vielen kleinen Alltagsbeobachtungen, die harmlos beginnen und absurde Wendungen nehmen.

Was für eine Zumutung so ein gewöhnliches Leben ist. Zumindest für die Ich-Erzählerin in Giulia Beckers neuem Buch „Wenn ich nicht Urlaub mache, macht es jemand anderes“. Der Aufenthalt in einem Thermenhotel endet in einem Giftunfall, ein gemütliches Picknick fast mit dem Tod. Wieder andere Freizeitaktivitäten wie Joggen oder Wandern werden lieber gleich ganz gemieden. Es gibt aber auch Dinge, die die Protagonistin mag. Ein reichhaltiges Frühstücksbuffet im Hotel etwa: „Schon meine Oma pflegte zu sagen: Ein guter Urlaub beginnt mit Sodbrennen.“

 

Giulia Beckers Kurzgeschichten bestehen aus kleinen Alltagsbeobachtungen, die harmlos beginnen und häufig überraschende Wendungen nehmen. Dazwischen gibt es Pro-Contra-Listen etwa zum Einradfahren, abschließende Meinungen über Katzen oder Gitarren, Typologien von Schlafanzügen, Psychotests („Bin ich ein potenzieller Serienmörder?“) oder ein ganzes Drehbuch für eine Realityshow. Stringenz darf nicht erwartet werden: Das Buch wirkt eher wie ein Sammelsurium all dessen, was der Autorin in letzter Zeit so auf- und eingefallen ist. Und das ist zum Glück ziemlich witzig und pointiert aufgeschrieben.

Eine Ich-Erzählerin stolpert durchs Leben

Ihre Gags waren zuerst auf Twitter unter ihrem Namen „Schwester Ewald“ zu lesen, bis sie der TV-Satiriker Jan Böhmermann nach einem Praktikum in sein Autorenteam holte. Für dessen Show stand die Comedy-Autorin regelmäßig vor der Kamera. Mit ihrem feministisch-ironischen Song „Verdammte Scheide“ landete sie einen viralen Hit. Inzwischen ist sie im Cast der „Carolin Kebekus Show“ in der ARD, wo sie ebenfalls auf der Bühne steht. Ihr erster Roman „Das Leben ist eins der Härtesten“, der 2019 erschienen ist, wurde mit dem Debütpreis der Lit.Cologne ausgezeichnet.

Giulia Becker Foto: Frederike Wetzels

Bestand ihr Erstlingswerk aus einem Haufen schrullig-sympathischer Charaktere, die sich gemeinsam auf einen Roadtrip begeben, ist es nun vor allem die Ich-Erzählerin, die wahnwitzig durchs Leben stolpert. Wie viel die mit der 1991 geborenen Autorin gemeinsam hat, darf gemutmaßt werden.

Vor allem, wer ihren schon mehrfach ausgezeichneten Podcast kennt, wird ein paar Themen im Buch wiedererkennen. Den Comedy-Podcast „Drinnies“ hat Giulia Becker im Jahr 2020 gemeinsam mit ihrem Partner Chris Sommer, vor und hinter der Kamera bei Böhmermanns „ZDF Magazin Royale“, gestartet. Darin erzählen sie von ihrem Leben als Introvertierte, die lieber drin als draußen sind, gerne mal die Türglocke ausstellen und allerhand Tricks anwenden, um nicht zu häufig in Smalltalk-Situationen zu stolpern. Manche Geschichten in Beckers neuem Buch haben trotz aller Überdrehtheit einen ernsten Kern. Im Kapitel „Therapie“ etwa geht es um die schwierige Suche nach Hilfe im deutschen Gesundheitssystem: „Um überhaupt in die Nähe einer Therapiemöglichkeit zu kommen, braucht man drei Dinge, die bekanntlich charakteristisch sind für Menschen mit einer mittelschweren Depression: Eigeninitiative, Tatendrang und Beharrlichkeit“. Am Ende landet die Protagonistin in einer Praxis, die nach Räucherstäbchen riecht und mit Skulpturen aus dem Themenbereich Afrika geschmückt ist.

Beckers Buch ist eine kurzweilige Lektüre, die sich nicht davor scheut, zwischendurch einfach nur auf plakative Situationskomik zu setzen und den Leser mal lachend und auch mal ratlos zurückzulassen.

Giulia Becker: Wenn ich nicht Urlaube mache, macht es jemand anderes. Rowohlt Verlag, 224 Seiten, 22 Euro.

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