Buchtipp: Liz Moore, „Der Gott des Waldes“ Der spannendste Roman des Frühjahrs

Im Wald kann man leicht der Welt abhanden kommen. Foto: www.imago-images.de/IMAGO/imageBROKER/Helge Schulz

Eine Spurensuche im Dickicht der Beziehungen. Man sollte mit dem Superlativ sparsam umgehen. Doch für Liz Moores Roman „ Der Gott des Waldes“ kann man ihn riskieren.

Kultur: Stefan Kister (kir)

Es gibt in diesen Tagen Gründe genug, nicht mit Verachtung auf eine Literatur zu blicken, die es ermöglicht, sich in ihr zu vergraben, um dem rauen Wind einer von Krisen geschüttelten unlustigen Wirklichkeit für eine von Leselust erfüllte Weile zu entgehen. Überall ist gerade die Rede von den eskapistischen Verlockungen eines Genres, das unter Etiketten wie New Adult oder Romantasy den Zufluchtsort verloren geglaubter Leserschichten bildet. Und auch wenn Weltflucht die Lage insgesamt vielleicht nicht besser macht, so rettet sie wenigstens den Buchmarkt – damit ist schon einiges gewonnen.

 
Liz Moore Foto: www.imago-images.de/IMAGO/Lev Radin

Doch es gibt auch Romane, deren enormen Lustfaktor man gar nicht erst versucht ist, mit lesepädagogischen oder kommerziellen Hoffnungen zu rechtfertigen, denen man sich bedingungslos anvertraut, auch wenn die Reise in ein Dickicht unguter Beziehungen führt und in ein Waldgebiet, in dem gespenstische Frauen und ein entlaufener Sexualstraftäter ihr Unwesen treiben, und in dem schon einmal ein achtjähriger Junge verschollen ist.

Wildnis dysfunktionaler Familien

So ein Roman ist „Der Gott des Waldes“ der US-amerikanischen Autorin Liz Moore. Ein Thriller? Ja, aber eben nicht nur. Ein Gesellschaftsroman über zerrüttete Ehen in den besten Kreisen der amerikanischen Gesellschaft? Eine Coming-of-Age Geschichte nonkonformistischer Teenager? Eine feministisch grundierte Sozialstudie im Einzugsbereich von Deindustrialisierung und einer in Nationalparks domestizierten Natur? Die Reihe ließe sich noch eine Weile fortsetzen, immer könnte die Antwort lauten: ja, aber eben nicht nur. Denn der Spannungsaufbau resultiert nicht aus der Erfüllung von Gattungsgesetzen oder Zuordnungen, sondern gerade aus ihrem beständigen Aufschub.

Der Ort ist ein Naturreservat im Nordosten des Bundesstaates New Yorks. Bevor die Bankiersfamilie der Van Laars sich hier eingekauft hat, gehörte das Land Holzfällern. Aus Furcht, die fortschreitende Abholzung könnte die Wasserversorgung gefährden, wurde die Gegend in ein Schutzgebiet umgewandelt. Zur Zeit der Handlung, im August 1975, dient das Naturreservat als Feriencamp für Kinder wohlhabender Eltern, die hier für einen Sommer lang die Wildnis ihrer dysfunktionalen Familien mit dem Überlebenstraining in freier Natur vertauschen können.

Die Kunst des Spurenlesens

Eine der Teilnehmerinnen war auch Barbara Van Laar – die Tochter der steinreichen Besitzer des Ganzen, die in die traumatische Lücke springen musste, die ihr zu Beginn der Sechzigerjahre spurlos verschwundener Bruder hinterlassen hat. Keine guten Voraussetzungen, für eine Jugend im toten Winkel einer kummerbetäubten Mutter und einem gefühlsvergletscherten Patriarchen. Nach einer etwas aus dem Ruder gelaufenen Abschiedsparty fehlt plötzlich auch von ihr jede Spur.

Aber genau das, Spurenlesen, lernt man im Sommercamp bei dessen androgyner und geheimnisumflorter Leiterin, die man trotz ihres Geschlechts versucht sein könnte Naturbursche zu nennen. Die einen Spuren führen in die Tiefe der Zeit, in der eine junge Frau an den Bankierssprössling Van Laar verkuppelt wird, um fortan als Gesellschaftsdame und Mutter untergebuttert zu werden – bis zu jenem verhängnisvollen Tag, an dem ihr Sohn verschwand.

Von sich selbst besoffene Jeunesse dorée

Andere Fährten führen in die Hintergründe prekärer Hillbilly-Verhältnisse, in denen noch niemand auf die Idee gekommen wäre, Parteigänger jener Oligarchen vom Schlage der Van Laars zu werden, die ihnen das Fell über die Ohren ziehen. Wieder andere führen geradewegs in die Seele verunsicherter Teenager oder in die charakterlichen Sumpfgebiete einer von sich selbst besoffenen Jeunesse dorée. Die schönsten aber führen in die Wildnis, auf Wegen, die das amerikanische Nature Writing gebahnt hat.

Der Gott des Waldes ist ein Erzähler, der sieht, was in und außerhalb seines Reviers vorgeht, der genau weiß, wem er folgen muss, und was besser im Schatten der Andeutung zu bleiben hat. Im Zwielicht zeigt sich seine Kraft mehr als in der vollen Beleuchtung, in der manches genregemäßer erscheint, als es ist. Seine Sympathien liegen wie es sich für ein Freiluftstück gehört bei denen, die außen stehen, den Unangepassten.

Die Landschaft ist gespickt mit Cliffhangern, dass über die Strecke von 600 Seiten niemand verloren geht. Sie halten die Spannung hoch und schaffen zugleich Zäsuren, für all das, was in der geplotteten Welt eines Krimis auf der Strecke bleiben würde. Passagen wie diese, in der eine sich gegen die männlich zugerichtete Umwelt behauptende Protagonistin dem Säulenheiligen neuzeitlicher Naturfrömmigkeit eine Abfuhr erteilt: Nach der gelangweilten Lektüre der Aussteigerbibel „Walden“ stellt sie fest, „dass ihr Thoreau mächtig auf die Nerven ging, seine Selbstgefälligkeit, sein überheblicher Tonfall und die Ratschläge, die er gab, von denen manche so naheliegend waren, dass es an Beleidigung grenzte“.

Langweilig wird es in Liz Moores Waldstück keine Sekunde. Um noch einmal auf den Eskapismus zurückzukommen: Gute Bücher führen nicht aus der Welt hinaus, sondern immer tiefer in sie hinein. Höchstens könnte es sein, dass die Lesenden für eine Weile unbrauchbar für alles werden, was sie von diesem Weg ablenken könnte. Aber was will man mehr.

Liz Moore: Der Gott des Waldes. Aus dem Englischen von Cornelius Hartz. C.H. Beck. 590 Seiten, 26 Euro.

Info

Autorin
Liz Moore geboren 1983, hat zunächst als Musikerin in New York gearbeitet und anschließend begonnen, Romane zu schreiben. In Deutschland erschien 2020 ihr Roman „Long Bright River“. „Der Gott des Waldes“ ist in den USA seit Erscheinen auf der New York Times-Bestsellerliste und wurde von Barack Obama empfohlen. Liz Moore lebt mit ihrer Familie in Philadelphia.

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