Buchtipp: Moritz Heger, „Zeit der Zikaden“ Herzflimmern im Tiny House

Grenzenlose Freiheit auf wenig Raum – das erhofft sich die Protagonistin des Romans. Foto: imago images/JOKER/Hartwig Lohmeyer via www.imago-images.de

In seinem Roman „Zeit der Zikaden“ erzählt der Stuttgarter Autor Moritz Heger von der Reise zweier nicht mehr ganz junger Leute ins Offene eines neuen Lebensabschnitts. Doch wer aufbricht, sollte nicht zuviel mitnehmen.

Kultur: Stefan Kister (kir)

Der Begriff Coming of Age ist in der Literatur normalerweise für jüngere Leute reserviert, die den Aufbruch und Übergang von einem Lebensalter ins nächste zu bewältigen haben. Aber so lange man lebt, steht der Prozess des Alterns nicht still. Während die adoleszenten Übergangsabenteuer ein eigenes Genre begründen, spricht man eher selten von Midlifekrisenliteratur. Aber was treibt einen um, wen man ein fortgeschritteneres Alter erreicht hat, wie die beiden Figuren, von denen der Stuttgarter Autor Moritz Heger in seinem Roman „Zeit der Zikaden“ erzählt?

 

Moritz Heger Foto: Maurice Haas /Diogenes Verlag

Die langjährige Lehrerin Alex hat den Schuldienst quittiert, etwas früher als notwendig. Hinter ihr liegen einige Beziehungen, teils am Üblichen, teils am Schicksalhaften gescheitert. Mit dem Einzug in ein Tiny House stellt sie ihr Leben auf eine neue mobile Grundlage. Über eine ehemalige Schülerin, die ihr viel zu verdanken hat, lernt sie deren einige Jahre jüngeren Schwiegervater Johann kennen. Auch er ist gerade dabei, eine Schwelle zu überschreiten: Den Familienbetrieb hat er an seinen Sohn übergeben, und der dabei frei gewordene Raum wird von seiner Ehe nicht mehr ausgefüllt. Die Raummetapher darf man durchaus wörtlich nehmen. Sein Ausfallschritt aus dem Bisherigen führt in ein Rustico in Ligurien.

Aktzeichen und Nacktbaden

Beiden schwebt vor, etwas hinter sich zu lassen, ihre Leidenschaften zu pflegen, und die sind zunächst rein künstlerischer Natur: Alex, hat wie der Autor Moritz Heger eine Theatergruppe geleitet, Johann malt. Sie hat als Lehrerin in der Sphäre des Lebenseintritt gewirkt, er als Bestatter am anderen Ende. Irgendwann kreuzen sich ihre Wege. Und so kommt das Tiny House aus dem Norden zum Rustico im Süden, um die Angst vor Veränderung mit der Angst vor Stillstand auszubalancieren.

So könnte alles seinen Lauf nehmen: mit dem kreativen Bemalen der Türen verlassener pittoresker ligurischer Dörfer, Aktzeichnen und Nacktbaden. Und über allem zirpen die Zikaden. Doch es ist nicht das geringste Problem dieses Romans, dass es genauso kommt.

Denn mit dem Loslassen, Ballastabwerfen und Neuanfangen ist es so eine Sache. Das Tiny House der Erzählung ist bis oben hin vollgepackt mit Lebensweisheit und Räsonnement. Durch das große Panoramafenster blickt der Zeitgeist herein, als entfaltete sich das Geschehen gar nicht in Ligurien, sondern irgendwo zwischen Lehrerzimmer und Selbsterfahrungsstuhlkreis. Dem, was die beiden im Offenen suchen, ist immer schon die Deutung auf den Fersen, hinter jedem Abenteuer winkt ein Gleichnis.

Songzitate wie Bibelverse

Dabei würden viele der hier aufgebotenen Maximen und Reflexionen bestens taugen, zu beschreiben, an was es gebricht. „Auch Realismus hat mit Fremdheit zu tun. Klar hinsehen und den Dingen ihr Geheimnis lassen“, lautet eine Erkenntnis Maler Johanns, zu der ihm ein befreundeter Mönch verholfen hat. Aber wenn über den zu sich finden wollenden Figuren eine Erzählinstanz thront, deren Blick pfeilgerade in ihre Innenwelt dringt und sie bis in den letzten Winkel ausleuchtet, ist es um jedes Geheimnis schnell geschehen.

Von Alex verstorbenem Geliebten, dem Direktor ihres Gymnasiums, heißt es: „Es hat ihm Spaß gemacht, sich von den schulmeisterlichen Altphilologen abzusetzen, um sie dann unvermutet an Schulmeisterlichkeit noch zu übertreffen.“ Besser könnte man das Irrlichtern des Textes zwischen Didaktik und Befreiung kaum fassen. Alles ist davon befallen, die vielen eingestreuten Songzitate klingen wie Bibelverse. Selbst in den Sexszenen droht der Wunsch nach Entgrenzung von dem nach ernüchternder Beschreibung übertroffen zu werden: „Es soll kein Ende haben. Er hat sie umschlungen, er reibt mit den Händen an ihrem Hinterkopf und Körper hinauf und hinunter.“

So erstaunt es nicht, dass die selbstfindungserschütterte familiale Ordnung am Ende zu aller Zufriedenheit neu sortiert wird. Auch Johanns in Pubertätswirren verloren gegangene Tochter ist plötzlich wieder da – ähnlich übergangskrisenpatent wie Alex, nur eben in adoleszenter Form. Bei allem ausführlich artikulierten Kunstwollen läuft es aber dann doch auf Sätze heraus wie: „Als ich dich gebraucht hätte, warst du nicht da.“ Coming of age in allen Altersklassen, hinauf und hinunter.

Selbst das Jenseits ist vor seiner diskursiven Kolonialisierung nicht sicher: „Manchmal stelle ich mir vor, da gibt es so einen Saal, wo wir hinkommen, wenn unser Leben vorbei ist. Da machen wir so eine Art Nachbesprechung. Manöverkritik.“

Man tritt gerade diesem Roman vielleicht nicht zu nahe, wenn man die literarische Manöverkritik auf eine Lehre zulaufen lässt: Wer nicht bereit ist hinter sich zu lassen, was er zu wissen glaubt, landet schnell wieder dort, wo er aufgebrochen ist. Oder kürzer: Weniger ist mehr. Eigentlich erstaunlich, dass ausgerechnet ein Buch über ein Tiny House diesen Grundsatz so wenig berücksichtigt.

Moritz Heger: Zeit der Zikaden. Roman. Diogenes Verlag. 302 Seiten, 24 Euro.

Info

Autor
Moritz Heger, geboren 1971 in Stuttgart, studierte Germanistik, evangelische Theologie und Theaterwissenschaft in Mainz, erhielt 2007 den MDR-Literaturpreis und den zugehörigen Publikumspreis. Neben dem Schreiben arbeitet er als Lehrer am Stuttgarter Heidehof-Gymnasium. 2021 erschien sein Debüt beim Diogenes Verlag, „Aus der Mitte des Sees“. Moritz Heger ist Vorsitzender des Stuttgarter Schriftstellerhauses und leitet dort seit 2019 das Junge Schriftstellerhaus.

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