Nelio Biedermann: „Lázár“ Ist das der neue Thomas Mann?
Was im Menschen pulst, gärt und spukt: Der Roman „Lázár“ des jungen Schweizer Autors Nelio Biedermann ist das Ereignis dieses Literaturherbsts.
Was im Menschen pulst, gärt und spukt: Der Roman „Lázár“ des jungen Schweizer Autors Nelio Biedermann ist das Ereignis dieses Literaturherbsts.
Vielleicht muss man jung sein, um sich an ein Unternehmen wie dieses zu wagen: Das große Ganze der europäischen Unheilsgeschichte des letzten Jahrhunderts ins Bild einer Familie zu bannen und statt an großen Vorbildern zu verzweifeln, dieselben sich keck ins Boot zu holen. Der 22-jährige Schweizer Nelio Biedermann, dessen Vorfahren Draculas, ungarische Baronessen und Barone, Selbstmörderinnen, Kollaborateure, Enteignete und schließlich in die Schweiz Geflüchtete waren, hat sich von der Größe dieser Aufgabe nicht beirren lassen. Und wenn sich gerade literarische Debatten und Erregungen nicht am Pony Caroline Wahls entzünden, drehen sie sich um den Schnauzbart des jungen Fährtengängers auf scheinbar altmeisterlichem Terrain, dessen Roman „Lázár“ als eine der Entdeckungen dieses Herbstes gelten kann.
Im einen wie dem anderen Fall liegt man richtig, von Äußerlichkeiten abzusehen und die Dinge für sich sprechen zu lassen. Und dies tun sie bei Biedermann auf bemerkenswert eigene Weise, auch wenn die Spur der Ahnen, die ins Dickicht der Geschichten führt, nicht nur die eigenen Vorfahren gebahnt haben, sondern ebenso die literarische Überlieferung.
Und hier wird viel gelesen: E.T.A. Hoffmann, Marcel Proust, Carl Zuckmayer, Sándor Márai, Virginia Woolf, Simone de Beauvoir. Würde man ein Inventar der Texte aufstellen, die offen oder verdeckt mitgeführt werden, es fiele mindestens so umfangreich aus wie das der historischen Ereignisse, die über drei Generationen hinweg das Leben der Personen prägen: Untergang des Habsburger Vielvölkerstaats, erster Weltkrieg, Aufstieg des Faschismus, zweiter Weltkrieg, Shoah, Sowjetifizierung, Ungarnaufstand und dessen brutale Niederschlagung – um nur Eckpunkte zu nennen.
Als Lajos von Lázár am Rande eines dunklen Waldes, an dessen Rand noch der Schnee eines verendenden Jahrhunderts lag, geboren wurde, war seine Haut so dünn, dass man darunter die kleinen Organe sehen konnte. In der gläsernen Eigenart des Geschöpfes ist angelegt, was dieses Erzählen so betörend wie unheimlich macht: Das Innere von außen zu zeigen. Es ist ein der Einfühlung entgegengesetzter Weg. Er führt in eine Seelenwildnis, so undurchdringlich wie der Wald um den Stammsitz, in dem schon viele verloren gingen.
Man erkennt, was in den Figuren pulst, gärt, spukt – und steht ihnen zugleich in uneinholbarer Distanz gegenüber: Wenn der Vater des kleinen Lajos überlegt, ob der Tod des hässlichen Neugeborenen nicht die bessere Lösung wäre; wenn die Schwester aus verschmähter Liebe den Hauslehrer über die Klinge springen lässt; wenn sich auf der Brust anstelle eines Herzen ein Stück Rindfleisch zeigt; wenn sich die Leute verzweifelt lieben wie die Tiere; oder wenn man an den letzten Gedanken Stalins teilhat, bevor es den Unsterblichen, der unzählige Menschenleben auf dem Gewissen hat, umschlägt, einen dunklen Fleck auf der Hose, weil er sich eingenässt hat.
Es sind keine einfachen Wesen, mit denen man es hier zu tun bekommt. Sie lügen wie gedruckt, verfallen dem Suff, leben in der Vergangenheit oder im Wahn. Und von den wenigen erfüllten Momenten des Glücks, wenn Gefühle wie „ein Herbststurm durch den Körper rauschen“, weiß der Schriftsteller: „Das Glück aber meidet die Sprache, entzieht sich den Wörtern, versteckt sich in der Vergänglichkeit und zerfällt, wenn man es zu erklären versucht.“ Beinahe könnte Gleiches für die Weisheit von Sentenzen wie dieser gelten.
Und doch ist der Glücksfall dieses Romans den Wörtern aufs engste verbunden. Was nicht nur an dem reichen Ornat überraschender Bildfindungen liegt, sondern an der scharfgeschnittenen Lakonie der Szenenfolge, die sie begleiten. Sie folgt dem Gang der Erinnerung aus der waldig versponnenen Ferne, in der Lajos’ Onkel nach der Lektüre von E.T.A. Hoffmanns Nachtstücken den Verstand verliert, bis ins nüchterne Licht der nahen Gegenwart, wenn Lajos’ Kinder, Pista und Eva, nach dramatischer Flucht das Ufer des Vierwaldstätter Sees erreichen. Dazwischen liegt die Konkretion unaussprechlicher Schuldverhältnisse, in einer Zeit, in der der Glaube an eine der Geschichte innewohnende Vernunft unwiderruflich zerbrochen ist.
Gegen alles Fiktionale und Schöne hatte Lajos eine Abneigung, „die auf der Ansicht gründete, dass es falsch sei, über etwas anderes als den Krieg zu schreiben, und noch schlimmer, sich mit erfundenen Figuren, Handlungen und Leben, mit wohlgebauten Sätzen und theoretischen Gedankenspielen davon abzulenken“. Wie fiktiv oder real der Verwandtschaftsgrad zwischen dem Autor und seinen Figuren auch sein mag, Nelio Biedermann widerlegt mit „Lázár“ die Skepsis des Vorfahren. Um noch einmal das Bild von dessen Geburt aufzunehmen: Mit diesem Roman tritt ein Schriftsteller in Erscheinung, unter dessen Erfindungen man in unheimlicher Weise den Puls der Wirklichkeit schlagen sieht. Zweifelhaft, ob man dem Schweizer einen Gefallen tut, ihn mit Thomas Mann zu vergleichen, der in ähnlich jungen Jahren an seiner Verfallsgeschichte der „Buddenbrooks“ geschrieben hat. Was Nelio Biedermann aus dem Vorgegebenen von Familien-, Welt- und Literaturgeschichte macht, steht für sich alleine.
Nelio Biedermann: „Lázár“. Rowohlt Berlin. 336 Seiten, 24 Euro.
Autor
Nelio Biedermann, geboren 2003, ist am Zürichsee aufgewachsen. Seine Familie stammt väterlicherseits aus ungarischem Adel, seine Großeltern flohen in den 1950er Jahren in die Schweiz. Biedermann studiert Germanistik und Filmwissenschaft an der Universität Zürich. Sein Roman «Lázár» wird in mehr als zwanzig Ländern erscheinen.
Termin
Am 24. September, 19.30 Uhr, stellt Nelio Biedermann seinen Roman im Literaturhaus Stuttgart vor.