Buchtipp: Rachel Kushner, „See der Schöpfung“ Der Neandertaler und wir

Gewisse Ähnlichkeiten sind nicht von der Hand zu weisen: ein künstlich reanimierter Neandertaler. Foto: IMAGO/Depositphotos

Glänzende Oberflächen und abgründige Tiefen: In Rachel Kushners „See der Schöpfung“ vereinigen sich Agententhriller und philosophischer Roman zu einer atemberaubenden Gegengeschichte der Menschheit.

Kultur: Stefan Kister (kir)

Man erlebt gerade, wie Politiker mit ungünstiger Sozialprognose durchstarten, als säße der Todestrieb persönlich am Steuer. Aber vielleicht fing das ganze Schlamassel ja schon viel früher an. Klimawandel, Artensterben, Kriege, Superreichtum für die einen, bittere Armut für den Rest – vielleicht wurden die Weichen dafür nicht erst im sogenannten Anthropozän gestellt, seit der Mensch begann, Treibhausgase in die Luft zu blasen, der Natur seinen Stempel aufzudrücken und den Himmel mit Satelliten zu bestirnen. Nein, noch viel früher: In einer Zeit vor aller Zeitrechnung, in der es dem windigen, schlauen Homo sapiens gelang, seinen Verwandten, den Neandertaler, langfristig mit Errungenschaften wie Landwirtschaft, Geldwesen und Industrie über den Tisch zu ziehen.

 
Rachel Kushner Foto: imago images/TT

So ließe sich kurz zusammenfassen, wie der ideologische Guru einer französischen, linksradikalen Kommune in Rachel Kushners Roman „See der Schöpfung“ auf zigtausend Jahre Kampf ums Dasein blickt. Angesichts dessen, was das Überleben der Fittesten angerichtet hat, sieht er schwarz. Und dies gleich im doppelten Sinn: im metaphorischen, siehe oben, und im buchstäblichen, denn es treibt ihn, in die Höhlen zurückzukehren, um herauszufinden, was das Leben derer, die vor uns da waren, für unsere Zukunft bedeuten könnte.

Gastauftritt eines zerzausten französischen Starautors

Bruno Lacombe, so sein Name, ist davon überzeugt, dass uns mehr mit dem Neandertaler verbindet, als wir wahrhaben wollen, und dass diese Erkenntnis nicht etwa eine Kränkung bedeutet, sondern im Gegenteil die Chance zu einer alternativen Entwicklung als der, die mit dem Homo sapiens gerade auf ihr Ende zuläuft. Eigentlich wäre schon das ein Roman für sich, wie der Vorfahr mit den schweren Knochen, dem großen Gehirn und dem enormen Gesicht in genetischen und mythologischen Spuren im Verborgenen fortlebt.

Doch in das evolutionäre Großpanorama ist eine Geschichte der Widerstandsbewegungen eingezeichnet, deren Erbe jene Kommunarden irgendwo im Südwesten Frankreichs angetreten haben. Mit Sabotageaktionen wehren sie sich gegen den agrarindustriellen Ausverkauf traditioneller Formen der Landwirtschaft: Wasser für alle und nicht nur für die Monokulturen mächtiger Konzerne. Auch das wäre ein Roman für sich, in Teilen hat ihn Michel Houellebecq in „Serotonin“ erzählt, worin es zum Protest wütender Bauern kommt, weil ausländische Investoren das Land aufkaufen. Tatsächlich hat ein lebensecht zerzauster, dauerquarzender französischer Starautor einen Gastauftritt, mit dem Talent dafür, im Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit zu bleiben, indem er mit umstrittenen Leuten verkehrt: „Sein zerfranstes Haar sah aus, als hätte es unter einem ultraheißen elektrischen Bügeleisen geklemmt.“

Aber damit ist es endlich an der Zeit, die kennenzulernen, die den „See der Schöpfung“ zu einem Roman von Rachel Kushner macht, was so viel heißt wie glänzende Oberflächen mit abgründigen Tiefen zu verbinden. Es ist die Ich-Erzählerin, deren wirklichen Namen wir nicht erfahren. Denn Sadie Smith ist die falsche Identität von jemand, der es zum Beruf gemacht hat, keine Identität zu haben. Ihr Name ist so echt wie die großen Brüste, mit denen sie einen jungen Filmemacher bezirzt, um sich Zutritt zu dem unsichtbaren Komitee von Aussteigern, Zivilisationskritikern und Schwadroneuren eines kommenden Aufstands zu verschaffen.

Und doch ist die Identitätslose keine Kunstfigur, sondern diejenige, mit der sich die Lesenden identifizieren, ob sie wollen oder nicht. Sie infiltriert für wechselnde Auftraggeber widerständige Gruppen, um sie zu Straftaten zu verleiten. Ihre moralisch indifferente Skrupellosigkeit erschreckt und ist doch nur ein anderer Ausdruck für die gleiche Heimatlosigkeit in einer spätkapitalistisch entzauberten Gegenwart, die Bruno Lacombe in die Vorzeit getrieben hat.

Antagonistische Komplizenschaft

Nicht nur zwischen dem Leser und der Erzählerin entwickelt sich eine antagonistische Komplizenschaft, sondern auch zwischen der Undercover-Frau und dem Höhlenmann, ohne dass sie sich tatsächlich begegnen würden. Als einziger seiner jüdischen Familie entkam Bruno Lacombe dem KZ Buchenwald. Seine Eltern waren in der Résistance aktiv, nach dem Krieg fand der Waise in Frankreich Anschluss an anarchistische Kreise.

Über E-Mails vom Computer seiner Tochter versorgt er die Aktivisten der Kommune mit den weltanschaulichen Hintergründen seiner Weltabkehr. Doch während seine eigentlichen Adressaten vor allem damit beschäftigt sind, über Fragen der politischen Positionierung ihre eigene Identitätsbildung zu kultivieren, stoßen Lacombes Reflexionen bei der heimlich mitlesenden Agentin auf ein ihren Auftrag weit überschießendes Interesse.

Das nihilistische Vakuum der jungen Frau findet in den Höhlenerleuchtungen ihres Gegenspielers einen gemeinsamen Fixpunkt. In einer Art Doppelhelix verwinden sich Agententhriller und philosophischer Roman zu einer Erzählung, in deren genetischem Code paläontologische Spekulationen, reale Ereignisse, Personen, Manifeste über den Abgrund der Zeit weitergereicht werden. Sie ist das Gegenteil einer Erkenntnisgeschichte, wie sie Platons Höhlengleichnis entwirft. Zu ihrer dunklen Weisheit gehört das Bekenntnis des Scheiterns. In ihm lösen sich die Distanzen auf, zwischen Agentin und Guru, Vorzeit und Endzeit, Homo sapiens und Neandertaler.

Letzterer soll nicht nur zur Nikotinsucht geneigt haben, sondern auch zur Depression. Suchtanwandlungen ist man als Leser dieses Romans durchaus ausgesetzt, aber die Leichtigkeit, mit der Rachel Kushner das steinzeitliche Gewicht ihres Stoffs in die Gegenwart spielt, ist das beste Mittel gegen Depressionen aller Art.

Rachel Kushner: See der Schöpfung. Aus dem Englischen von Bettina Abarbanell. Rowohlt Verlag. 480 Seiten, 26 Euro.

Autorin
Rachel Kushners Romane „Flammenwerfer“, „Telex aus Kuba“ und „Ich bin ein Schicksal“ waren New-York-Times-Bestseller. Für ihr Werk wurde sie mit dem Prix Médicis ausgezeichnet und war für den Booker Prize, den National Book Award, den National Book Critics Circle Award und den Folio Prize nominiert. Rachel Kushner lebt in Los Angeles. Zuletzt erschien von ihr der Essayband „Harte Leute“.

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