Kaum zu glauben, was sich hier oben alles tummelt: Dieses chinesische Sternbild zeigt einen weißen Tiger, sein Gebrüll soll die Winde auslösen. Foto: Hanser Verlag
Es muss nicht immer nur der Große Wagen sein: Der umtriebige Universalschriftsteller Raoul Schrott erzählt in einem titanischen Buchprojekt, was am nächtlichen Firmament zu lesen ist: „Atlas der Sternenhimmel und Schöpfungsmythen der Menschheit“.
Wer heute in der Dunkelheit nach oben blickt, erkennt womöglich nicht nur ewige Sternenformationen, sondern verglühenden Weltraumschrott und die Lichterketten von Elon Musks Starlink-Satelliten. Möglicherweise ließen sich auch daran die großen Erzählungen unserer Zeit ablesen, der bedingungslose Glaube an den Fortschritt oder je nachdem das Ausmaß einer himmelsstürmenden Hybris.
Raoul Schrott Foto: Peter-Andreas Hassiepen
Der Nachthimmel ist ein Vexierbild der Ewigkeit, in das jede Kultur ihre eigenen Vorstellungen der bestimmenden Mächte über das große Ganze in Form von Sternbildern eingezeichnet hat. Und damit ist das bestirnte Firmament eben nicht nur ein Fall für Astrophysiker, sondern auch für ingeniös begabte Geisteswissenschaftler, zumal solche, die sich schon mit der Entzifferung anderer erhabener und entlegener Menschheitsdokumente hervorgetan haben. Vielleicht bedarf es an dieser Stelle gar keines Plurals. Es genügt, den Namen Raoul Schrott zu nennen und seine neueste Großtat: den 1300 Seiten starken, prächtig nachtblauen „Atlas der Sternenhimmel und Schöpfungsmythen der Menschheit“.
Wundermann aus Tirol
Der österreichische Dichter und universalgelehrte Ursprachler ist auf seinem Gebiet so etwas wie die lichte Gegenfigur zu Elon Musk. Wie dieser inzwischen im Weltraum nach neuen Herausforderungen sucht, wendet Raoul Schrott die philologische Kunst auf die Zeichenschrift der Sterne an, um zu übersetzen, was dort geschrieben steht. Doch während Musks Himmelfahrt mit massiven Bewusstseinseintrübungen und kulturellen Abbrucharbeiten einhergeht, schultert Schrott wie der Titan Atlas die gesamte Welt der Bildung, um sie über den Abgrund der Zeit hinweg den Lesern als kolossale Buchwürfe zuzuspielen.
In einem Bogen über vier Jahrtausende hat er die „Erfindung der Poesie“ erfahrbar gemacht, aus Keilschrift-Geröll das uranfängliche Gilgamesch-Epos zusammengebaut, die „Odyssee“ neu übersetzt und sich an eine der ältesten Quellen der griechischen Literatur gewagt, Hesiods „Theogonie“, in der sich alles über Atlas nachlesen lässt. Zuletzt ist der Wundermann aus Tirol bis ans Ende der Welt gereist, um in „Epos Erde“ auf der Basis fortgeschrittenster wissenschaftlicher Erkenntnisse die Entstehung der Welt neu zu erzählen.
Bleibt noch der Himmel. Wobei hier wiederum der Plural am Platz ist. Denn es wäre ein Riesenirrtum, zu glauben, es gäbe nur einen. Insgesamt 17 von ihnen hat Schrott durchmessen: darunter die der Araber, Ägypter, der Maya, aber auch die Sternenhimmel solcher Kulturen, die man nicht unbedingt als erstes auf dem Schirm hat, der Buschleute, der Tuareg oder der China vorgelagerten Insel Palawan. „In den Sternbildern kommt derart viel poetische Kraft und Phantasie zum Vorschein, dass einem dies fast wieder den Glauben an das Schöne und Gute des Menschen zurückgibt“, schreibt Raoul Schrott im Vorwort.
Jede Kultur erzählt die Geschichte der Schöpfung auf ihre Weise: In Nordindien entsteht die Welt aus einer Schildkröte, ihre gewölbte Schale ist der Himmel, die knöcherne Bodenplatte die Erde. Bei den Aborigines besorgt das ganze Geschäft ein Regenbogen mit der Froschdame Dungdung und einem alten Kerl namens Nardi. Die Buschleute sehen im Mond einen Schuh, den ein Wirbelwind an den Himmel getragen hat. Wie die Sterne an denselben kommen, erklären sich die brasilianischen Bororo mit hungrigen Kindern, die wegen des Egoismus ihrer Eltern an einem Seil nach oben steigen. Und so gelangt man vom Großen ins Kleine, um nicht zu sagen Allzumenschliche, die Maori kennen einen eigenen Mythos für die Entstehung der Latrine.
Am Sternenhimmel der Anden findet sich dieser ungute Geselle: Der seine Mutter frisst. Foto: Hanser Verlag
So steht es zumindest in den Sternen. In jahrelanger Arbeit hat Raoul Schrott den Astralkorpus der jeweiligen Kultur aus allen möglichen Quellen, Berichten von Missionaren, Reisenden, Entdeckern rekonstruiert. Mit wissenschaftlicher Akribie verzeichnet der Atlas das himmlische Inventar, aus denen die Mythen gemacht sind. Die Umrisszeichnungen der Grafikerin Heidi Sorg helfen der Vorstellungskraft auf die Sprünge, so dass man im Gewimmel statt des ewigen Großen Bären auch die Große Grundel oder den vorderen Funkler klar erkennen kann, an dem die Hängematte befestigt ist, mit der der neuseeländische Gott Maui nach der Erde fischt.
Entstanden ist eine Sammlung himmlischer Märchen, die, das soll hier nicht verschwiegen werden, bisweilen natürlich etwas eigenartig ausfallen. Bei Geschichten mit Titeln wie „Der Schwarzkopfpython, der oberste Geist und sein Hund, die Krähenwürgerin und das Fasanspornkuckucksweibchen“ ist ein gewisses ethnologisches Grundinteresse vorausgesetzt.
Das Malen nach Zahlen am nächtlichen Firmament verbindet nicht nur Lichtpunkte zu Figuren, sondern zeigt auch Kulturkontakte und Filiationen, über die verschiedene Mythenkreise miteinander korrespondieren. Denn wenn auch kein einziger Sternenhimmel in denselben Sternen dieselben Bilder sieht, erweisen sich bestimmte Übereinstimmungen umso auffälliger, schreibt Raoul Schrott. Zum Beispiel die Vorstellung irgendwann selbst in den Sternenhimmel einzugehen.
Nach dem was, alles schon dahin versetzt wurde, alle Arten von Tieren, Ungeheuer, Locken, Schiffe, sogar eine Schwitzhütte ist dabei, könnte man sich durchaus vorstellen, einmal beim Blick in das nächtliche Gestirngewusel einen Gelehrten zu erkennen, in dessen Erscheinung Hesiod, Karl May und Reinhold Messner charakteristisch zusammenfinden: das Sternbild eines großen Märchenerzählers.
Raoul Schrott: Atlas der Sternenhimmel und Schöpfungsmythen der Menschheit. Hanser Verlag. 1280 Seiten, 148 Euro.
Info
Autor Raoul Schrott wurde 1964 in Landeck (Tirol) geboren, auch wenn er augenzwinkernd gerne behauptet, auf einem Schiff zwischen Europa und Brasilien auf die Welt gekommen zu sein. Er wuchs in Tunis und Zürich auf, ist habilitierter Komparatist und lebt als freier Schriftsteller in Tirol und der Provence. Sein vielfältiges literarisches Werk umfasst Romane ebenso wie Lyrik, poetologische Arbeiten, Hörspiele, Filme und Übersetzungen und wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Zu seinen jüngsten Veröffentlichungen gehören der Gedichtband „Die Kunst an nichts zu glauben“ (2015), „Erste Erde. Epos“ (2016) und der Roman „Eine Geschichte des Windes oder von dem deutschen Kanonier der erstmals die Welt umrundete und dann ein zweites und ein drittes Mal“.
Termin Am 11. Dezember stellt Raoul Schrott seinen „Atlas der Sternenhimmel“ im Literaturhaus Stuttgart vor.