Buchtipp: Ronya Othmann, „Vierundsiebzig“ Wie schreibt man über Völkermord?

Soldat im zerstörten Stadtzentrum der nordirakischen Staat Shingal. Foto: IMAGO/photothek/IMAGO/Kira Hofmann

Ronya Othmann zeigt in ihrem Recherche-Roman „Vierundsiebzig“ über den Genozid an den Jesiden, wie Ereignisse, die sich jeder Darstellung entziehen, zum Gegenstand der Sprache werden können.

Kultur: Stefan Kister (kir)

Man kann mit Literatur Dinge anschaulich machen, den Blick auf Lebenssphären, Probleme und Missstände lenken, in dem man sie in eine Handlung hüllt oder auf andere Weise für das Mitempfinden tauglich macht.

 

Was aber, wenn sich Ereignisse der Darstellung entziehen, weil der mit ihnen verbundene Schrecken alles übersteigt?

Im August 2014 verfolgt die Schriftstellerin Ronya Othmann vor dem Fernseher in Deutschland, wie die Terroristen des Islamischen Staats in die traditionell von der religiösen Minderheit der Jesiden bewohnte Region Shingal im Norden des Iraks einfallen. Tausende Männer werden getötet, Frauen verschleppt, vergewaltigt und als Sklavinnen verkauft. Vom Sofa im Wohnzimmer eines Münchner Vororts aus sieht Othmann Frauen in den Kleidern ihrer Großmutter, ihrer Cousinen, sieht Männer wie ihren Großvater, ihren Vater, die um ihr Leben rennen.

Ronya Othmann Foto: Paula Winkler

„Angesichts dessen, was 2014 in Shingal geschah und was die Vereinten Nationen und das Europäische Parlament später Völkermord nannten, versagt die Sprache“, schreibt die Tochter eines jesidischen Vaters und einer deutschen Mutter.

Und genau davon handelt ihr Roman „Vierundsiebzig“: von dem 74. Genozid am Volk der Jesiden, der sich an jenen Augusttagen vor zehn Jahren ereignet hat – und davon, wie das Versagen der Sprache möglicherweise die einzige Form sein kann, etwas zu zeigen, das die Möglichkeiten der Sprache überfordert.

Und so hat diese literarische Recherche einen doppelten Fokus. Er liegt einmal auf all dem, was man dokumentarisch nennen könnte: den Reisen an die Orte des Geschehens, die Othmann mit ihrem Vater unternimmt, Berichten von Zeitzeugen, historischen Darstellungen jesidischen Lebens und Mitschriften der Ereignisse. Darunter ist jener Prozess vor dem Frankfurter Landgericht gegen eine IS-Rückkehrerin, die zusammen mit ihrem Mann ein in der Sonne angekettetes jesidisches Mädchen verdursten ließ und dessen darüber verzweifelnde Mutter mit dem Tod bedrohte.

Zerstörte Kindheitswelt

Welche Adjektive, Begriffe und Sätze sind solchen Taten angemessen, den Exekutionen, Folterungen, Grausamkeiten? Darauf liegt der zweite Fokus: auf der genauen Beobachtung dessen, was mit den Ereignissen geschieht, wenn sie in Sprache eintauchen, fiktional werden. Fakten sind Platzhalter für etwas, wofür es keine Worte gibt: „Die Sprachlosigkeit ist das Unbeschreibliche, und sie ist selbst Teil des Textes. Die Sprachlosigkeit strukturiert den geschriebenen Text, legt seine Grammatik fest, seine Form, seine Worte.“ In Reflexionen wie diesen oder wiederkehrenden Wendungen wie „ich schreibe“, „ich lese“, „ich streiche es wieder aus“ wird der Schreibakt transparent.

Bereits in ihrem Debüt „Die Sommer“ hat Ronya Othmann von einer jungen Frau erzählt, die zwischen einem Münchner Vorort und dem kurdisch-jesidischen Heimatdorf ihres Vaters aufwächst. Hier deutscher Pubertätsalltag, dort die sich anbahnende Katastrophe des IS-Terrors.

In dem daran anknüpfenden Band „Die Verbrechen“ nähert sich die am Leipziger Literaturinstitut ausgebildete Autorin ihrem Lebensthema vom Gebiet der Lyrik aus. „Vierundsiebzig“ nun hebt das Geschehen auf eine weitere Ebene der sprachlichen Objektivierung: „Ich will mich aus dem Text streichen. Nur noch Auge und Ohr sein. Ein Tonband, ein Filmband.“ Dem entspricht eine serielle Technik, die Sammlung von Einzelheiten, Namen, kulturellen Praktiken. Bewusst verzichtet Othmann darauf Spannungsbögen aufzubauen: „keine Entwicklung bis zur Katharsis, keine Erkenntnis, keine Figuren, keinen Plot.“

Ohnmacht des Überlebens

„Vierundsiebzig“ ist die Bestandsaufnahme einer vom Untergang bedrohten Kultur: Der Weg führt von Deutschland, wohin viele Jesiden geflohen sind, durch Ewigkeitslandschaften, zerstörte Dörfer und Museen, die die Überreste einer Jahrtausende alten Gemeinschaft bewahren: „Vielleicht ist das jetzt so, notierte ich nach dem Museumsbesuch, dass wir das Leben unserer Familie nur noch in Museen besichtigen können.“

Welche Macht hat die Literatur die Ohnmacht des Überlebens mit Sinn zu füllen. Diese Frage stellt sich nicht nur für die Angehörigen einer verfolgten Ethnie, die das Schicksal ihnen nahe stehender Menschen aus der Ferne erleben, sie stellt sich allen, die im geschützten Winkel erreicht werden vom unerträglichen Leid der Welt.

Ronya Othmanns sprachkritische literarische Analyse sollte allerdings auch daran erinnern, den Begriff Genozid nicht als inflationären Kampfbegriff zu entwerten. Bei allen mutmaßlichen Kriegsverbrechen auf allen Seiten, die gerade in Gaza begangen werden, bei den mehr als berechtigten Zweifeln an der Verhältnismäßigkeit der israelischen Kriegsführung, bei den nicht hinzunehmenden Opfern unter der Zivilbevölkerung – was die genozidale Systematik des Vorgehens angeht, kommt der Terrorangriff der Hamas vom 7. Oktober dem am nächsten, was ihre Gesinnungsgenossen im Shingal angerichtet haben.

„Am farbigen Abglanz haben wir das Leben“, heißt es in Goethes „Faust“. Das gilt auch für das Gegenteil: auch die Zerstörung des Lebens entzieht sich dem direkten Zugriff. Statt farbigem Abglanz liefert „Vierundsiebzig“ eine Poetik des Unaussprechlichen. Im Fluchtpunkt der unendlichen Annäherung der beiden Perspektiven dieses beeindruckenden Sprachkunstwerks gewinnt Gestalt, was der Wahrnehmung zu entgleiten droht.

Ronya Othmann: Vierundsiebzig. Roman. Rowohlt Verlag. 512 Seiten, 26 Euro.

Info

Autorin
Ronya Othmann wurde als Tochter einer deutschen Mutter und eines kurdisch-jesidischen Vaters 1993 in München geboren. Sie schreibt Lyrik, Prosa und Essays und arbeitet als Journalistin. Ihr Romandebüt „Die Sommer“ wurde 2020 mit dem Mara-Cassens-Preis ausgezeichnet. Für ihren Lyrikband „Die Verbrechen“ erhielt sie den Orphil-Debütpreis, den Förderpreis des Horst-Bienek-Preises sowie den Horst Bingel-Preis. Einem Auszug aus „Vierundsiebzig“, ihrem zweiten Roman, wurde 2019 mit dem Publikumspreis des Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs zugesprochen.

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