Buchtipp: Samantha Harvey, „Umlaufbahnen“ Alltag im Sternendickicht

Nächtliche Lichtspur menschlichen Treibens: Aussicht auf Europa von der Internationalen Raumstation ISS Foto: IMAGO/CHROMORANGE/IMAGO/Ales Utouka

Man muss hoch hinaus, um das Ganze in den Blick zu bekommen. Samantha Harvey erzählt in ihrem mit dem Booker-Preis ausgezeichneten Roman „Umlaufbahnen“ aus einer interstellaren Perspektive von den Dingen des Lebens.

Kultur: Stefan Kister (kir)

Manche Bilder erschließen sich erst, wenn man einige Schritte zurücktritt. Dann setzt sich, was auf den ersten Blick nur als ein Gewimmel von Punkten erscheint, zu größeren Einheiten zusammen, die aus dem bezugslosen Chaos hervortreten. Dass Abstand Sinn stiften kann, bewährt sich auch dort, wo die Probleme in den Himmel wachsen. Wobei er in diesem Fall entsprechend größer ausfallen muss, zum Beispiel vierhundert Kilometer. Das ist die Höhe, in der die sechsköpfige Besatzung einer internationalen Raumstation in Samantha Harveys eben mit dem Bookerpreis ausgezeichneten Roman „Umlaufbahnen“ die Erde umkreist. Und so vielbefahren der Weltraum von realen Kerosin- oder imaginären Science-fiction-getriebenen Vorstößen inzwischen auch sein mag, so einzigartig ist die Aussicht, die die britische Autorin von hier oben aus gewährt.

 
Samantha Harvey Foto: Rick Hewes

Samantha Harvey beschreibt einen gewöhnlichen Tag im schwerelosen Leben der vier Astronauten und Astronautinnen sowie zwei Kosmonauten, die ihrer Arbeit nachgehen, sofern sich auf diesen exzentrischen Bahnen überhaupt von Gewöhnlichkeit sprechen lässt. Sechzehnmal werden sie in 24 Stunden ihren Heimatplaneten mit einer Geschwindigkeit von 27 000 Kilometern in der Stunde umrundet haben, alle 90 Minuten bricht ein neuer Tag an, sechzehn Sonnenauf- und sechzehn Sonnenuntergänge werden sie erleben, während unter ihnen Kontinente und Jahreszeiten vorbeifliegen.

Schwindelerregendes Verwirrspiel

Die Autorin folgt der Crew, wie sie sich ihren Lebensrhythmus gegen die zeitschreddernde Kraft des Weltraums zu behaupten versucht, gegen das muskuläre Schwinden ihre Körper anarbeitet, wie ihre schwerelosen Verhältnisse sich in den irdischen Dingen brechen, die von der Welt, wie wir sie kennen, hereindringen. Aber um die Sphäre zu ermessen, in die dieser Roman vorstößt, sollte man zuerst einen Blick auf die Postkarte werfen, die der Amerikaner Shaun von unten als Souvenir von seiner Frau mitgebracht hat.

Sie zeigt das berühmte Rätselbild „Las Meninas“ des spanischen Barockmalers Diego Velázquez. Der Künstler ist darauf vor seiner Staffelei zu sehen, neben ihm die kleine Infantin mit ihrem Hofstaat. Sie bildet den Mittelpunkt. Doch der Maler scheint eine andere Szene zu fixieren. Ist er gerade dabei, das Königspaar zu porträtieren, das im Hintergrund klein auf einem Spiegel zu sehen ist? Oder gilt sein Augenmerk in Wirklichkeit dem Betrachter? Das schwindelerregende Verwirrspiel der Repräsentation öffnet sich auf den erzählerischen Orbit des Romans, in dem alle Hierarchien schwebend außer Kraft gesetzt werden. Wie in dem Gemälde offen bleibt, was das eigentliche Sujet ist, wird diese Frage auch hier mit jeder weiteren Umlaufbahn aufgeschoben.

Verrückte Spezies in phallischen Raumschiffen

Wo ist oben, wo unten? Fliegen oder fallen sie? Vom All aus betrachtet werden die Grenzen hinfällig, zwischen denen auf Erden Kriege toben, unteilbar eins rollt der schöne Planet wie ein Juwel aus Licht und Äther dahin. Und in der poetischen Kontemplation dieses Schauspiels entfaltet der Text Qualitäten eines Lehrgedichts. Angesichts des kosmologischen Kreislaufs drängt sich der Britin Nell die Frage an ihren Kollegen auf, wie er Astronaut sein und gleichzeitig an Gott glauben könne. Was er wohl mit einer Gegenfrage beantworten würde: „Wie soll das alles da hingekommen sein, wenn nicht durch einen wundervollen Willen?“

Die Pole zwischen denen die Figuren schweben sind die unermessliche Hybris, mit denen eine vor Selbstverliebtheit verrückt gewordene Spezies in phallischen Raumschiffen ins All vorstößt, und das demütige Staunen über die tiefe Schönheit der Dinge, die sich im Dickicht der Sterne offenbart. Unermesslich klein erscheint Menschliches von dem Panoramafenster der Raumstation aus, eine nächtliche Lichtspur, die sich Tags im kontinentalen Farbenspiel verliert.

Auswirkungen menschlicher Zerstörungskraft

Zwar gibt es auch auf hier oben ein Schild: „Bitte benutzen Sie aufgrund der andauernden politischen Auseinandersetzungen ihre eigene nationale Toilette.“ Unter den Raumfahrern dient dies allenfalls zur Befriedigung ironischer Bedürfnisse, wenn Roman, einer der Kosmonauten, sich entschuldigt: „Leute, ich bin mal eben weg und leg ein Ei für Mütterchen Russland.“

Und doch ist von dem göttlichen Ausblick aus die menschliche Zerstörungskraft unübersehbar. Über den Philippinen braut sich ein gewaltiger Taifun zusammen, der mit jeder Umrundung bedrohlichere Ausmaße annimmt. Die Küstenlinien verschieben sich, das Eisschild schrumpft, ganze Landstriche stehen in Flammen, Flüsse trocknen aus: „Der Planet ist von der schier unglaublichen Kraft des menschlichen Verlangens geformt, die alles verändert hat.“

Was sehen wir also aus der Distanz der interstellaren Erzählperspektive? Laborratten, deren Daten die künftige Eroberung der Leere durch eine von der Erde entkoppelte Menschheit vorbereiten sollen? Sechs Leute im All, die über irdische Schicksalsschläge, Krankheit, Trennungen, Todesfälle der Welt der Schwerkraft verbunden bleiben? Die fürchterliche Zerstörung einer kostbaren Lebenssphäre oder die unermessliche Schönheit eines kleinen Planeten in einer von unzählbaren Galaxien, die irgendwann kollabieren wird?

Aufs Ganze gesehen ist ein Tag im All weniger als ein Blitz. Doch in seiner imaginären Dauer bleibt als Nachbild dieser Standortbestimmung im Wirbel der Gestirne – der Betrachter selbst.

Samantha Harvey: Umlaufbahnen. Roman. Aus dem Englischen von Julia Wolf. DTV. 224 Seiten, 22 Euro.

Info

Autorin
Samantha Harvey, 1975 geboren, wuchs in Ditton, Kent, auf und studierte Philosophie an der University of York. An der Bath University lehrt sie kreatives Schreiben. lhre Romane, darunter der Mittelalterkrimi „Westwind“, oder das Memoir einer Nichtschläferin „Das Jahr ohne Schlaf“ wurden für viele renommierte Preise nominiert, u.a. den Man Booker Prize und den Women’s Prize for Fiction. „Umlaufbahnen“ ist ihr fünfter Roman und wurde mit dem Booker Prize 2024 ausgezeichnet.

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