Buchtipp: Ulrich Rüdenauer, „Abseits“ Das Wunder von Bad Mergentheim

Kurpark von Bad Mergentheim 1954, im selben Jahr könnte es hier zu einer sehr besonderen Begegnung gekommen sein. Foto: IMAGO/piemags/IMAGO

Ulrich Rüdenauer erzählt in seinem Debüt „Abseits“ von einer harten Nachkriegskindheit auf dem Dorf. Zeitgeschichte und Fantasie verbünden sich darin auf beglückende Weise.

Kultur: Stefan Kister (kir)

Was in der Literatur an Bedeutsamkeit gewinnt, gehorcht anderen Gesetzen als die Welt, die sie zur Darstellung bringt. In ihr rückt in den Mittelpunkt, was das Leben von sich stößt. Und aus dem Nicht-Dazugehören, Am-Rand-Stehen kann eine große Geschichte werden, wenn sich jemand findet, sie mitzuteilen. In dem Debüt des in Bad Mergentheim geborenen Autors Ulrich Rüdenauer ist das ein sich im Hintergrund haltender Ich-Erzähler, der aufgeschrieben hat, was ihm ein alter Mann über seine Kindheit in einem Dorf im Hohenlohischen zu Beginn der Fünfzigerjahre anvertraute.

 
Ulrich Rüdenauer Foto: Agnes Meermann

Der damals Neunjährige wächst in einem emotionalen „Abseits“ auf, das dem Roman den Titel gibt. Er ist Teil einer Familie, ohne ihr wirklich zuzugehören. Sein Onkel und dessen Frau haben ihn aufgenommen, doch in ihrem Hof fühlt er sich nur geduldet, wenn überhaupt. Was aus seinen Eltern wurde, weiß er nicht. Arbeit, trostlose Bigotterie und Kälte prägen eine Nachkriegswelt auf dem Land – die sich für den nur Geduldeten noch um einige Grade frostiger ausnimmt.

Spaziergänge im Kopf

Nun könnte man sich in den schwarzen Idyllen des Antiheimatromans schon beinahe wieder wie zuhause fühlen. Doch hier werden nicht die vertrauten Chargen über die Bühne getrieben, sondern Gestalten, deren eingefrorene Menschlichkeit immer wieder zu tauen beginnt und Widersprüche, Schwächen, Verletzbarkeiten preisgibt. Bis zur nächsten Erstarrung. Umso schmerzhafter wird fühlbar, was es heißt, nicht zuhause zu sein. Mit feiner Präzision zeichnet der Erzähler seinem Sittenbild die unsichtbaren Details, die Schuld, das Schweigen, den Schrecken des ein neunjähriges Kinderleben zuvor zu Ende gegangenen Krieges ein.

Der Statik des Bildes steht das dynamische Element der Suche entgegen. Immer dringlicher wird die Frage nach der Herkunft ohne Heimat. Für den einsamen Bub führt der Weg nach innen. Eine Strecke, auf der ihm als einziger Begleiter der Großvater wenigstens ein stückweit folgt. Er öffnet dem Enkel die Augen für eine Gegenwelt, die zuerst von der Natur und ihren Hervorbringungen eingenommen wird, dann von Namen, Worten, Buchstaben, Statthaltern des Abwesenden. Er lernt immer flüssiger Lesen, das Entbehrte in der Vorstellung gegenwärtig werden zu lassen. „Ich kann in meinem Kopf spazieren gehen“, wird er einmal antworten, als er nach seinen Fähigkeiten gefragt wird.

So erzählt dieser schmerzlich-zarte Roman eigentlich zwei Geschichten. Die eines Jungen, der herausfinden möchte, wer er ist, und dabei auf ein dunkles, ins Abseits verbanntes Geheimnis stößt. Und die des Mediums, das ihm dazu verhilft: Die Vorstellungskraft, die Sprache, die Gemeinschaft guter Geister, die im Roman als Remedium für das Erlittene zusammenfinden. Der Neunjährige ist darin zugleich Protagonist und Genius jenes Ich-Erzählers, der die Leerstellen seines Lebens ausfüllt und dafür eine eigene Sprache findet, feingliedrig und rau zugleich.

Fußball gegen die Einsamkeit

Die entscheidenden Dinge passieren am Rand. Im Gasthof-Fernseher wird ein Fußballspiel übertragen, dessen Ausgang so etwas wie eine gesellschaftliche Wärmeperiode einleiten wird. Der Junge ist zu klein, um sich gegen die Schaulustigen zu behaupten, auch hier muss ein Spaziergang im Kopf einspringen. Doch dann folgt auf das große Wunder von Bern das kleine Wunder von Bad Mergentheim.

Irgendwann sitzt der Vaterlose im dortigen Schlosspark einem Mann gegenüber, der ihm erzählt, wie er gelernt hat, gegen die Einsamkeit Fußball zu spielen – und wie er es damit weit gebracht hat, sehr weit. Im November 1954 weilten Spieler der deutschen Weltmeisterelf zu einem Kuraufenthalt in der Stadt. Auch wenn der Roman keinen Hehl daraus macht, dass sich die Wirklichkeit ohne Erfindungskraft nicht ertragen lässt, gibt es an manchen historischen Tatsachen wenig auszusetzen.

Ulrich Rüdenauer: Abseits. Roman. Berenberg Verlag. 192 Seiten, 22 Euro.

Info

Autor
Ulrich Rüdenauer, geboren 1971 in Bad Mergentheim, studierte Germanistik und Politikwissenschaften in Würzburg, Heidelberg und Frankfurt. Er arbeitet als Journalist für Zeitungen und Zeitschriften, als Autor und Regisseur für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk, ist als Kulturveranstalter tätig und lebt in Berlin sowie in Süddeutschland.

Termin
Bei den Stuttgarter Buchwochen ist Ulrich Rüdenauer am 28. November mit seinem Roman Teil der Lesereihe „Landgang“, in der fünf Autorinnen und Autoren aus Baden-Württemberg ihre neuen Bücher vorstellen. Neben Claire Beyer, Joachim Zelter und Doris Vogel liest dort auch der Redakteur unserer Zeitung Daniel Gräfe aus seinem Roman „Wir waren Kometen“. Literaturhaus Stuttgart, Beginn 16 Uhr.

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