Waltraud Heinzelmann fährt seit 30 Jahren in den Stuttgarter Bücherbussen mit. Foto: Stadtbibliothek Stuttgart
Seit 55 Jahren rollt der Bücherbus durch Stuttgart. Die fahrende Bibliothek ist ein Ort der Begegnung – und ein Arbeitsplatz, an dem es selten langweilig wird.
Oft würden sie schon erwartet, wenn sie in die Haltestelle einbiegen, sagt Ralf Breger. Die elf Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Stuttgarter Fahrbibliothek sind gefragte Leute. Denn sie bringen Bücher, Spiele, CDs und andere Medien in die Bezirke, die keine Stadtteilbibliothek haben – und machen an Kitas und Schulen Halt. Von Dienstag bis Samstag fahren die beiden Bibliotheksbusse Max und Moritz über 50 Haltestellen im Stadtgebiet an – und das seit 55 Jahren. Das Team der Fahrbibliothek ist aber auch mit einem Lastenrad und zwei Trolleys voller Bücher unterwegs.
Viele Menschen steigen jede Woche an ihrer Stammhaltestelle zu: „Wir wissen, wie es den Kindern geht, ob der Klinikbesuch gut überstanden wurde und ob der Kuchen aus dem Backbuch, das das letzte Mal ausgeliehen wurde, auch gut geschmeckt hat“, sagt Waltraud Heinzelmann, die seit fast 30 Jahren in den Bibiliotheksbussen arbeitet. Im Juni 1996 ging sie an Bord. Ein richtiges „Familiengefühl“ entstehe in den Bussen, die kleiner und damit auch überschaubarer sind als eine Stadtteilbibliothek. Wenn ein Stammgast fehlt, erzählt Heinzelmann, falle das dem Team der Fahrbibliothek natürlich auch auf: „Dann fragen wir auch mal, ob denn alles in Ordnung ist.“
Die Bücherbusse sind stets einsatzbereit
Mit den Bussen Max und Moritz sei man sehr flexibel, sagt Stephanie Zeiner, die seit bald zwei Jahren im Team der Fahrbibliothek ist. „Wenn sich neue Stadtteile in Stuttgart auftun, wie jetzt zum Beispiel das große Gebiet am Neckarpark, können wir von Beginn an vor Ort sein und eine Literaturversorgung anbieten.“ Eine Niederlassung neu zu bauen dauert, „wir sind sofort einsatzbereit.“
Insgesamt verzeichnet die Fahrbibliothek über 170.000 Medienbuchungen im Jahresschnitt. Wer zum ersten Mal zusteigt, sei oft überrascht, wie groß die Bibliotheksbusse innen doch sind. 4000 Medien stehen in den Regalen, was nicht dabei ist, kann aus dem Bestand der Stadtbibliothek bestellt werden. Nicht selten stöbern 15 Besucher und Besucherinnen gleichzeitig in den Regalen. Die Ältesten sind „weit über 90“, die Jüngsten ein paar Wochen alt.
Der Bücherbus von innen. Foto: Stadtbibliothek Stuttgart
Wertschätzung bekommt das Team jeden Tag: Die Fahrerinnnen und Fahrer der silbernen Busse kriegen oft ein Lächeln geschenkt, wenn sie durch Stuttgarts Straßen fahren. Schulkinder winken, Autofahrer geben Max und Moritz Vorfahrt. Erst kürzlich habe eine Leserin den Bus mit den Worten verlassen: „Wie schön ist das denn bei Ihnen? Vielen Dank, dass Sie für mich da sind!“
Langweilig werde es nie an ihrem fahrenden Arbeitsplatz, sagt Jana Gromotka: „Ob man plötzlich mitten in einem St.-Martins-Umzug steckt oder man den Bus an einer stark befahrenen Kreuzung rückwärts setzen muss – es ist jeden Tag aufs Neue ein Abenteuer.“