Bücherei in Echterdingen Wie hilft der Lesehund Nele Kindern beim Lesen?
Seit März dieses Jahres gibt es in der Stadtbücherei in Echterdingen an ausgewählten Tagen Hunde, die Kindern beim Lesen zuhören.
Seit März dieses Jahres gibt es in der Stadtbücherei in Echterdingen an ausgewählten Tagen Hunde, die Kindern beim Lesen zuhören.
Emma liest gerne, und Hunde mag sie auch – sehr sogar. Kommt beides zusammen, ist die Neunjährige überglücklich, weshalb sie nicht zum ersten Mal in der Stadtbücherei Echterdingen zu Besuch ist, wenn ihr „Lesehündin“ Nele beim Vorlesen zuhören darf. Nele, eine sechsjährige Golden-Retriever-Dame mit flauschig weißem Fell, ist nicht aus der Ruhe zu bringen. Gemächlich trottet sie durch die Regalreihen, freut sich, wenn man sie streichelt, gähnt zwischendurch und legt sich dann entspannt auf ihre Decke, die ihr Heidi Nowak mit in die Echterdinger Stadtbücherei gebracht hat.
An manchen Montagen in den Schulferien, wenn die Bücherei eigentlich geschlossen hat, ist Lesehundetag in der Stadtbücherei in der Zehntscheuer. Angemeldete Kinder dürfen an solchen Tagen Nele oder ihrem „Lesehund-Kollegen“ Kojak aus ihrem Lieblingsbuch vorlesen.
Der gemütlich dreinblickende Golden Retriever ist ein ausgebildeter Besuchshund aus dem Besuchshundeteam des Vereins BRH Rettungs- und Therapiehunde Fildern und Umgebung. Solche speziell trainierten Hunde kommen üblicherweise in ganz verschiedenen Einrichtungen ehrenamtlich zum Einsatz: in Schulen, Kindergärten, Krankenhäusern, Pflegeeinrichtungen oder eben als sogenannter Lesehund in einer öffentlichen Stadtbibliothek.
Was Nele perfekt beherrscht, ist: nichts zu tun. „Der Hund schafft dadurch eine entspannte Atmosphäre“, sagt Besitzerin Heidi Nowak. Vor allem Kinder, die noch nicht richtig lesen können oder leseschwach sind, fällt das Lesen häufig leichter, wenn nicht ein Mensch, sondern ein Hund ihnen „zuhört“. Ob das Tier das dann wirklich tut, wenn er, wie Nele, halb dösend auf seiner Decke liegt, spielt dabei eine untergeordnete Rolle.
„Der Hund urteilt nicht“, beschreibt die Rentnerin das Konzept. Sie stellt einen der zwei Besuchshunde, die seit März dieses Jahres in der Echterdinger Stadtbücherei zum Einsatz kommen. „Wenn die Kinder in die Bibliothek kommen, freuen sie sich schon auf den Hund und sind allein schon deshalb entspannt“, so Heidi Nowak. Manche, die sich in der Schule kaum trauen, laut zu lesen, kann der Hund mit seiner ruhigen Ausstrahlung eine Tür öffnen, die ihnen sonst verschlossen bleibt.
Zu den Lesehund-Tagen dürfen aber nicht nur Anfänger oder leseschwache Kinder kommen, sondern auch solche, die schon gut lesen oder, wie Emma, sogar Spaß daran haben. Wenn es dann heißt, „willst du weiterlesen oder lieber noch ein bisschen Nele streicheln?“, wird das Buch dann trotzdem meist ganz schnell zur Seite gelegt.
Mit ihrem ruhigen Grundcharakter sei Nele von vornherein gut geeignet gewesen, als Besuchshund ausgebildet zu werden, sagt Heidi Nowak. „Sie ist ein bisschen faul und verfressen“, ergänzt sie und lacht herzlich. Ein halbes Jahr habe die Ausbildung zum Besuchshund gedauert. „Sie lernte dabei, angefasst zu werden oder durch eine große Menschenmenge zu gehen.“
Inzwischen besucht Nele neben Kindern in der Stadtbücherei zum Beispiel auch an Demenz erkrankte Senioren in einem Pflegeheim in Esslingen. Zudem arbeitet der Golden Retriever aktuell in einem Pilotprojekt für Zeugenbegleitung. Dabei begleiten Hunde Kinder oder auch Menschen mit Behinderung bei Gerichtsverhandlungen. „Das gibt den Kindern Halt und Sicherheit“, erläutert Heidi Nowak.
Jan Gehrer von der Stadtbibliothek in Echterdingen hatte bereits bei seiner früheren Tätigkeit in der Bücherei in Heimsheim Erfahrung damit gesammelt, wie Hunde bei der Leseförderung eingesetzt werden können. „Die Frage war, wo bekommen wir in Leinfelden-Echterdingen solche Begleithunde her?“, erzählt Gehrer. Fündig wurde die Stadtbücherei schließlich beim Verein BRH Rettungs- und Therapiehunde Fildern und Umgebung im benachbarten Filderstadt. In Echterdingen richtet sich das kostenlose Angebot an Mädchen und Jungen im Grundschulalter.
Um zu verhindern, dass der Hund in der Bibliothek auf Kinder trifft, die Angst vor den Tieren haben, findet der Lesehund-Tag immer in den Schulferien an einem Montag statt, wenn die Einrichtung eigentlich geschlossen ist. Einen Vormittag lang kann dann jeweils ein Kind 20 Minuten lang dem Hund vorlesen. Da die Anzahl an Plätzen begrenzt ist, müssen Eltern ihre Kinder über die Homepage der Stadtbücherei dazu vorab anmelden. Der nächste Lesehundetag in der Stadtbücherei in Echterdingen ist allerdings erst im kommenden Jahr in den Faschingsferien.
Die neunjährige Emma, die Nele dieses Mal sogar ein bisschen füttern durfte, hatte neben ihrem Lieblingsbuch auch ihr Poesiealbum mit in die Bibliothek gebracht. Mit Hilfe von Heidi Nowak ist darin jetzt auch Nele, der flauschige Golden Retriever, verewigt.