Bürgermeister im Kreis Böblingen Wahlen ohne Wahlmöglichkeit
Immer mehr Bürgermeisterwahlen laufen ohne Konkurrenz ab – schade. Warum der Bürgermeister-Job immer mehr an Ansehen verliert, schreibt Jan-Philipp Schlecht.
Immer mehr Bürgermeisterwahlen laufen ohne Konkurrenz ab – schade. Warum der Bürgermeister-Job immer mehr an Ansehen verliert, schreibt Jan-Philipp Schlecht.
Bevor am 8. März in Baden-Württemberg eine neue Landesregierung gewählt wird, sind die Bürgerinnen und Bürger in vier Orten an die Urne gerufen. Während sich auf Landesebene nach 15 Jahren Winfried Kretschmann ein Duell zwischen Cem Özdemir (Grüne) und Manuel Hagel (CDU) abzeichnet, sind die drei Schultes-Wahlen in Holzgerlingen, Nufringen und Magstadt am 30. November für die Bewerber vor allem eines: Ein g’mähts Wiesle.
Nirgends hat sich bisher mehr als ein ernst zu nehmender Bewerber gefunden. Der fest im Sattel sitzende Holzgerlinger Schultes Ioannis Delakos (parteilos) kann ebenso gelassen in Richtung zweite Amtszeit traben wie sein Magstadter Amtskollege Florian Glock (FDP). Indes: Populäre Amtsinhaber schrecken potenzielle Konkurrenten ab. Die Ein-Bewerber-Wahlen können daher auch als Symptom einer erfolgreichen Arbeit im Rathaus gewertet werden. Und bei der ist es ja kein Fehler, wenn sie Kontinuität durch eine weitere Amtszeit erfährt.
Wundern muss einen allerdings die Konkurrenzlosigkeit von Kandidat Simon Speiser (Freie Liste) in Nufringen. Er geht als einziger Bewerber um die Nachfolge von Ingolf Welte ins Rennen, der sich nach einer Amtszeit beruflich neu orientiert. Dabei ist Nufringen beileibe kein Problemfall: Die Gemeinde am Schönbuchrand gilt als attraktives Pflaster. Eine sanierte Ortsmitte, eine gut aufgestellte Kinderbetreuung sowie die vorangetriebene Planung zum B-14-Ausbau sind Pluspunkte.
Für Speiser und die anderen Bewerber sind die Einzelwahlen eine kommode Situation. Ein Wahlkampf ohne echte Konkurrenz bedeutet weniger emotionalen Stress, kaum Debatten und einen nahezu garantierten Wahlsieg. Doch was für die Aspiranten ein Segen sein mag, ist keine gute Nachricht für die lokale Demokratie. Eine Wahl lebt von der Wahlmöglichkeit. Sie lebt vom Wettstreit der Ideen, von unterschiedlichen Visionen für die Zukunft einer Stadt oder Gemeinde. Wenn aber die Würfel im Grunde schon gefallen sind, fällt der Wettstreit aus.
Dieses Bewerber-Vakuum wirft eine noch größere, unbequeme Frage auf: Hat der Job des Bürgermeisters, einst ein Ehrenamt mit hohem Prestige und breiter gesellschaftlicher Anerkennung, an Attraktivität verloren? Ein klares Ja. Die Anforderungen an ein Stadtoberhaupt sind immens gewachsen. Ein Schultes steht zwischen steigendem Druck von allen Seiten, zunehmender Komplexität der Aufgaben, ständiger öffentlicher Beobachtung und der Notwendigkeit, Kompromisse zu schmieden, wo kaum noch jemand dazu bereit ist. Die Arbeitswoche eines Bürgermeisters endet quasi nie – er ist öffentliche Person, schon wenn er das Haus verlässt. Dabei ist das Gehaltsniveau der Stadtoberhäupter zwar auskömmlich, liegt aber deutlich unter dem, was bei gleicher Arbeitsbelastung in der freien Wirtschaft zu erzielen ist.
In Böblingen gilt die Wiederwahl von Amtsinhaber Stefan Belz (Grüne) am 25. Januar 2026 als sehr wahrscheinlich. Seine bisherigen Gegenkandidaten scheinen die OB-Wahl eher für andere Zwecke zu nutzen. Die Dauerbewerberin Friedhild Miller hat ihren bunten Hut in den Ring geworfen und dürfte die Wahl erneut als Bühne für ihre neurotischen Auftritte missbrauchen. Am Freitag gab als dritter Bewerber der Böblinger Finanzberater Stefan Thien seine Kandidatur bekannt. Als Mitglied der rechtskonservativen Werteunion poltert er schon im ersten Satz gegen Windräder und zu viele Baustellen in der Stadt – Populismus in Reinform. Das passt zu seiner Hauptbeschäftigung: Thien organisiert den Landtagswahlkampf seiner Partei mit Ex-AfD-Politiker Jörg Meuthen an der Spitze.