Großes Interesse: Voll besetzt war der große Saal der Sindelfinger Stadthalle bei der Kandidatenvorstellung. Foto: Stefanie Schlecht
Sie alle wollen der Stadt Bestes, die neun Kandidaten für den Sindelfinger Chefsessel , die sich am Montag in der Stadthalle vorstellten. Am 11. Mai zeigt sich, wer vorne liegt.
Der Andrang in der Sindelfinger Stadthalle war so groß, dass die Veranstaltung in den kleinen Saal übertragen werden musste. Etwa 1400 Leute waren gekommen, um eine der wichtigsten Veranstaltungen während des OB-Wahlkampfs zu besuchen: Die Vorstellung der Kandidaten. Auf die Bühne trat zuerst Andreas Ankele, legendärer Punk-Wirt in Sindelfingen. Ganz in Schwarz mit weinroter Krawatte, fuhr er sich durchs graumelierte Haar und begann: „Scheiße für Euch – ich bin Böblinger.“ Er habe versucht, „seit 20 Jahren Sindelfingen der Kultur näher zu bringen.“ Aus seiner Sicht hat er es geschafft: „Sindelfingen, das ist Punk. Jetzt ist mir langweilig, also werde ich halt Oberbürgermeister.“
Lukas Rosengrün, Ehninger Bürgermeister und gebürtiger Sindelfinger, konstatierte, es habe sich viel in der Welt verändert, „aber nicht viel in Sindelfingen.“ Die Stadt solle sich zügig weiter entwickeln, die Kultur des Zögerns und Zauderns müsse vorbei sein, und zwar mit ihm als „Umsetzungsbürgermeister“.
Lukas Rosengrün führte seine Verdienste als Bürgermeister in Ehningen ins Feld. Foto: Stefanie Schlecht
Sindelfingen sei ein wirtschaftliches Kraftzentrum, deswegen wolle er ein Wirtschaftsforum einrichten, um das unternehmerische Knowhow für die Stadt zu nutzen, leer stehende Büros will er in Wohnraum umbauen und Sanierung von Schulen und Kitas soll in den nächsten zehn Jahren abgeschlossen sein. Seit dem Jahr 2020 ist er Bürgermeister der Gemeinde Ehningen, dort habe er Krisen gemanagt und Projekte erfolgreich umgesetzt, nicht nur den Hochwasserdamm im Maurener Tal. „Alle Stellen bei den Kitas sind besetzt, jedes Kind hat einen Kitaplatz in Ehningen.“ Denn die Verwaltung habe es geschafft, Fachkräfte zu halten durch spezielle Förderung, durch flexiblen Urlaub und mehr.
Max Reinhardt will Sindelfingen als innovativen Wirtschaftsstandort sichern. Foto: Stefanie Schlecht
Der Sindelfinger Max Reinhardt, 25, arbeitet als Wirtschaftsjurist in Stuttgart und führt im Sindelfinger Gemeinderat die FDP-Fraktion an. „Ich bin einer von Ihnen“, sagte er, „ich weiß, wie sich Stahlkappenschuhe anfühlen, ich weiß wie Gyros auf dem Straßenfest schmeckt.“ Für ihn gehe es in Sindelfingen viel zu langsam voran. „Weg mit lähmender Bürokratie.“ An erster Stelle will er Sindelfingen als innovativen Wirtschaftsstandort sichern, damit auch die Finanzen der Stadt sicher bleiben. Er will eine Sindelfinger Fachkräfte-Allianz schaffen, ein neues Vereinshaus und ein Ärztehaus bauen, Wohnraum bereitstellen durch modulares und serielles Bauen. Er möchte Leben auf dem Marktplatz und einen Bürgerpark auf dem Grünen Platz, sowie eine Belebung von Domo und Sterncenter. Chefsache werde es, den Sanierungsstau abzubauen und sichere Schulwege herzustellen.
Markus Kleemann sah einen Sanierungsstau in der Digitalisierung und der Infrastruktur. Foto: Stefanie Schlecht
Markus Kleemann, Bürgermeister in Oberstenfeld, konstatierte einen Sanierungsstau in Digitalisierung und Infrastruktur. Viele gute Ideen geben es in der Stadt und viele engagierte Bürger; aber jetzt gelte es, die PS auf die Straße zu bringen. Er möchte eine Überholspur einrichten in der Verwaltung für die dringenden kommunalen Projekte. Sindelfingen könnte zusammen mit Daimler-Benz eine bundesweite Modellstadt werden für Mobilität, damit die Pendler nicht ihre Zeit auf der Straße verbringen müssten. Mit einem Einkaufsbus ließe sich die Innenstadt stärken. Die Ärzteversorgung sei schlecht in Sindelfingen, sie müsse ähnlich gut werden wie in seiner Gemeinde Oberstenfeld, die das beste Verhältnis von Einwohnern und Arztpraxen habe in der Region Stuttgart. Er möchte eine klimaresilente Stadt hinterlassen und den kommunalen Ordnungsdienst vergrößern und damit das Sicherheitsgefühl erhöhen durch eine bessere Beleuchtung und eine Videoüberwachung.
Rascher Wohnungsbau
Aleksander Skutnik, 55, selbstständiger Projektentwickler, zeigte sich bestürzt über die „Nicht-Entwicklung“ seiner Stadt. Es sei eine Schande, in welchem Zustand die Kindergärten, Spielplätze und Sportstätten seien. Er votierte für den raschen Wohnungsbau: Man müsse schnell handeln, bevor das Bauen unbezahlbar werde.
Norbert Weiss, 61, der als Couch und Mediator arbeitet, legte das Augenmerk auf soziale Themen: Es gebe zu wenig Pflegeplätze, es brauche ein Geburtshaus in der Stadt.
Fridi Miller, Sindelfinger Urgestein, sagte auf der Bühne, dass die Vormundschaft, die über sie verfügt worden war, rechtswidrig gewesen sei: „alles Lügen“. Als sie vorschlug, Sindelfingen mit Böblingen zu einer Kommune zu vereinigen, erntete sie Buhrufe.
Miteinander, nicht nebeneinander leben
Für Cengiz Karakas, technischer Angestellter bei Mercedes, war es eine „Ehre zu den Menschen zu sprechen, die diese Stadt ausmachen“. Keine Leerstände dürfe es im Domo und im Sterncenter geben, eine lebendige Innenstadt müsse barrierefrei sein. Angsträume müssten verschwinden, denn Sicherheit sei mehr als Polizeipräsenz, „das ist ein Gefühl“. Er forderte im Blick auf die vielen Nationen in Sindelfingen mehr Räume für Begegnungen, „damit wir miteinander leben und nicht nebeneinander“.
Klaus Frank, Jurist aus Sindelfingen, schloss die Vorstellungsrunde ab. Er setzt sich für billigen Wohnraum und eine schlanke Verwaltung ein. Er sieht sich in seinem Alter von 60 Jahren als der richtige Kandidat an, um seiner Geburtsstadt „etwas zurückzugeben und danach fröhlich in Rente zu gehen.“
Beim ersten Wahlgang entscheidet die absolute Mehrheit
Wahl Der neue Sindelfinger Oberbürgermeister wird am 11. Mai gewählt. Bekommt keiner der Bewerber die absolute Mehrheit von 50 Prozent, dann wird es 14 Tage später am 25. Mai einen zweiten Wahlgang geben. Dann entscheidet die einfache Mehrheit.
Amtsübergabe Der neue Amtsinhaber wird die Nachfolge von Bernd Vöhringer antreten, der 24 Jahre lang der Verwaltung vorstand. Seine Amtszeit wird im Juli enden. Danach kann die Amtsübergabe stattfinden.