Während ihres täglichen anderthalbstündigen Spaziergangs sammeln die Appels tütenweise Müll rund um Stuttgart-Sillenbuch. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski
Zwischen Tretbecken und Schlucht: Familie Appel sammelt täglich achtlos weggeworfenen Unrat in Sillenbuch. Ein Protokoll über Fundstücke, Motivation und die Sorge um die Natur.
Alina Braun
04.03.2026 - 11:30 Uhr
Um Punkt 10 Uhr treten Jens und Eva Appel aus seiner Haustür in Stuttgart-Sillenbuch. Seit mehreren Jahren dreht das Ehepaar täglich seine Runden im Umkreis und sammelt dabei wie selbstverständlich achtlos weggeworfenen Müll ein. Etwa anderthalb Stunden sind sie täglich unterwegs, ausgerüstet mit wetterfesten Jacken, festen Schuhen, Walkingstöcken und einer Mülltüte. Die heutige Strecke führt durch ein Waldstück in Sillenbuch, vorbei am Tretbecken durch eine Schlucht.
Die Wege wirken auf den ersten Blick sauber, doch der erste Eindruck täuscht. Es dauert nur wenige Minuten, bis Frau Appel den ersten Müll entdeckt. Eine leere Taschentuchverpackung liegt am Wegesrand. Sie hebt sie auf und steckt sie in ihre mitgebrachte Mülltüte. Manchmal vergessen sie die Tüte zuhause, dann holen sie das Aufsammeln am Folgetag nach. „Der Müll bleibt meistens bis zum nächsten Tag liegen“, sagen sie. Außer ihnen räumt hier niemand fremden Müll auf.
Woher kommt die Motivation?
Die Motivation des Ehepaars ist klar: Die Umwelt soll erhalten bleiben, die Tiere geschützt werden. „Wir wollen auf das Problem aufmerksam machen, auch hier in der Region“, sagen sie.
Besonders schlimm sei die Verschmutzung nach Silvester gewesen. Überall lagen Verpackungen, Flaschen und Reste von Feuerwerkskörpern in der Natur. Über das Jahr betrachtet bliebe die Menge an Müll, den sie aufsammeln, konstant. Im Vergleich zu früher, ja, da habe er deutlich zugenommen. Direkte Hotspots gibt es nicht. Vielmehr verteilt sich der Müll über die gesamte Route. „Der Abfall ist überall.“
Von Bierflaschen über Kleidung bis hin zu einem Handy
Was bei Herrn und Frau Appel im Laufe des Spaziergangs alles zusammenkommt, überrascht. Leere Bierflaschen oder ganze Kästen, Hundekotbeutel im Gebüsch statt im Mülleimer, kaputte Plastikbecher, Kleidung und eine Sporttasche. Auch Luftballons von Feiern hängen immer wieder in Bäumen. Zu den eher außergewöhnlichen Funden gehören Geldbeutel mit Ausweisen, Bankkarten und Fahrkarten und auch Handys. Solche Gegenstände bringen sie zur Polizei oder ins Fundbüro, wenn sich der Besitzer nicht direkt finden lässt. „Dass man mal etwas verliert, kann passieren“, sagen sie. „Aber bewusst Müll wegzuwerfen, das geht nicht.“
Natürlich erleben sie bei ihren Spaziergängen ab und zu auch schöne Momente. Zum Beispiel als sie einer Spaziergängerin ihr verlorenes Handy wiedergeben konnten.
Reaktionen auf ihr Engagement
Die tägliche Konfrontation mit achtlos entsorgtem Müll hat ihren Blick auf die Welt verändert. „Man denkt schon anders über die Gesellschaft nach“, sagt Frau Appel. Gleichzeitig betonen beide, dass sie auch positive Rückmeldungen erhalten und andere mit ihrem Tun anstecken.
Das meiste, was die Appels in der freien Natur finden, gehört in den Mülleimer. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski/Leif Piechowski
Immer wieder werden sie unterwegs angesprochen. Spaziergänger bedanken sich, loben das Engagement oder suchen das Gespräch. Einmal seien sie sogar auf einen Kaffee eingeladen worden. „Das war eine schöne Geste“, erinnert sich Frau Appel. Doch im Mittelpunkt steht für die beiden Stuttgarter nicht die Anerkennung, sondern die Sache selbst.
Vorbildfunktion
Mit positivem Beispiel voranzugehen, ein gutes Vorbild abzugeben, ist ein wichtiger Beweggrund für beide. „Unsere Kinder und Enkel sollen sehen, dass man Verantwortung übernehmen muss“, sagt Frau Appel. Es gehe darum, den eigenen Müll mitzunehmen und vielleicht auch mal etwas aufzuheben, dass jemand anderes liegen gelassen hat.
Selbst im Urlaub können sie nicht anders. „Wenn wir etwas sehen, nehmen wir es mit“, sagt Herr Appel.
Zusätzlicher Einsatz für Tiere
Das Engagement der Appels beschränkt sich nicht nur auf das Sammeln von Müll. Am Tretbecken entlang des Weges bleiben sie stehen. „Hier schauen wir immer nach, ob sich Salamander oder Kröten ins Wasser verirrt haben und nicht mehr rauskommen“, sagt Frau Appel. Mit einem Stock oder vorsichtig mit der Hand setzen sie die Tiere zurück ins feuchte Laub. „Wenn man schon da ist, kann man auch helfen”, findet sie. Falls sie bei ihren Spaziergängen Regenwürmer auf dem Weg finden, legen sie diese ins Grüne, dabei helfen ihnen auch die Enkel ganz begeistert.