Zu aufreizend, zu schlampig, einem öffentlichen Ort des Lernens nicht angemessen: Über die Kleiderfrage in Schulen wird in Deutschland seit Jahrzehnten diskutiert. Nun hat der Bundeselternrat die Debatte neu angeheizt mit dem Vorschlag, Schulen sollten Kleiderordnungen für die Schüler erstellen. Die könnten eine Handlungshilfe nicht nur für Lehrer sein, sondern auch eine Entlastung für Eltern im andauernden Klamottenstreit mit ihren Kindern.
Sebastian Kölsch kann den Vorstoß der Bundesorganisation nicht ernst nehmen. Er fragt: „Ich dachte, das Sommerloch wäre schon vorbei?“ Der Vorsitzende des Landeselternbeirats Baden-Württemberg hat sich „amüsiert“ über die Formulierung der Bundesvorsitzenden, eine solche Verordnung biete eine Handhabe nicht nur gegen unangemessene und sehr freizügige, sondern auch gegen „lottrige und zerrissene“ Kleidung im Klassenzimmer. Was darunter zu verstehen sei, lasse doch einen recht großen „Interpretationsspielraum“.
Kölsch findet, die Schulkleidung sei Sache „des eigenen Stils und der persönlichen Freiheit“. Unterbinden könne eine Schule das Tragen solcher Kleidungsstücke ohnehin nicht einfach. Für solche Eingriffe gebe es rechtliche Hürden. Untersagen könne man solche Looks nur dann, wenn diese „einen geregelten Unterrichtsablauf stören“. Daher könne eine Schule zwar die Nutzung von Handys in der Unterrichtszeit verbieten, das Mitbringen der Geräte aber nicht. „Die Grenzen sind eng und sie sind auch nicht neu“, sagt der Vorsitzende des Landeselternbeirats.
Die Bildungspolitik hat drängendere Probleme
Auch zum Thema Schuluniformen, die es in manchen Ländern gibt und die in Frankreich in einem Versuch erprobt werden sollen, hat Kölsch eine klare Meinung: „In Deutschland ist man gegenüber dem übermäßigen Tragen von Uniformen sehr sensibel – das ist hier kein Thema.“ Angesichts der „großen Baustellen“, die man im Politikfeld Bildung habe, gehöre die Kleidung ohnehin „nicht einmal unter die Top-20-Themen“.
Überdies findet der Beiratsvorsitzende, werde die Debatte, die seit etlichen Jahren immer wieder aufflammt, seit die körperbetonte Kleidung und bauchfrei aufkamen, aus „recht patriarchalischer Sicht“ geführt. Wenn knappe Kleidung von Mädchen bei den Jungs zu Aufwallungen führten, sollte man sich eher um deren Erziehung kümmern, findet Kölsch. Und grundsätzlich fragt er: „Was sollen wir eigentlich noch alles regulieren?“ Sicherlich wäre es für Eltern „bequem“, findet er, wenn sie im Kleiderstreit mit ihren Kindern „auf Vorschriften verweisen könnten“. Nur ist der Vorsitzende des Landeselternbeirats der Auffassung, dass das oft konfliktreiche und anstrengende Aushandeln, was Kinder in die Schule anziehen, eben „Bestandteil der Erziehungsarbeit“ sei und zu den „elterlichen Aufgaben“ zähle.
Die Frage nach der passenden Kleidung ist Aufgabe der Eltern
Dieser Auffassung ist auch Manfred Birk, der Leiter des Stuttgarter Dillmann-Gymnasiums. Auch er reagiert auf die neuerliche Debatte eher belustigt. An den Schulen sieht er das ohnehin nicht mehr als großes Thema, allenfalls gehe es um „Einzelfälle“. Dem Bundeselternrat komme aber in jedem Fall das Verdienst zu, dass er „das schwäbische Wort ‚lottrig’ in die Hochsprache überführt hat“, witzelt Birk. Auch der kommissarische geschäftsführende Leiter für die Stuttgarter Gymnasien sieht das Thema Schulkleidung „im Bereich von Freiheit und Selbstbestimmung“. Im Rahmen der „elterlichen Erziehungsaufgaben“ sollten diese „ihre Maßstäbe an die Kinder weitergeben“.
Auch hier sei die Schule nur „ein Spiegel der Gesellschaft“, der aber oft die Aufgabe zugewiesen werde, zu „reparieren“, was dort schiefläuft. „Das kann die Schule aber nicht leisten“, betont der Schulleiter.
Was das Thema Schuluniformen angeht, stellt Birk knapp fest: Selbst „im strengen Singapur“, das man durch den Schüleraustausch kenne, gebe es Schuluniformen in der Oberstufe nicht mehr. Und allen, die sich über die gegenwärtige Sommermode und ihre Folgen für die Schule aufregen, rät Birk zu Gelassenheit. Zumal er Zeichen der Hoffnung entdeckt haben will: Der Höhepunkt der derzeitigen modischen Entwicklung sei „demnächst erreicht“, nimmt er an, „die Rocklängen fallen wieder“.
Eltern wirken mitunter „konfliktscheu“
„Das ist nicht wirklich ein Thema“, sagt auch Gerhard Menrad, der Leiter der Anne-Frank-Gemeinschaftsschule, über seine Erfahrungen. Der geschäftsführende Schulleiter für die Realschulen in Stuttgart erinnert daran, welche Aufregung der Minirock schon in der 1960er Jahren ausgelöst habe. Was nicht heißt, dass Menrad nicht manchmal Schülerinnen oder Schüler auf unangemessene Bekleidung hinweist. Aber das betraf unlängst einen Jungen, der in großen Lettern auf seinem Pulli den Schriftzug „Fuck off“ (Verpiss dich!) stehen hatte. Oder wenn Jungs auf der Mütze oder auf dem Shirt die Darstellung eines Hanfblatts haben, das ein Hinweis auf Cannabiskonsum sein kann, „dann spreche ich sie an und bitte sie, die Mütze abzunehmen“, sagt der Schulleiter.
Bemerkenswert am Vorschlag des Bundeselternrats findet Menrad eher, dass dieser offenbar darauf abziele, „dass die Schule den Eltern Erziehungsarbeit abnehmen soll“. Dabei sollte des Verhältnis ein Miteinander sein. Der Schulleiter ist überdies der Auffassung, dass „die Schulen die Unterstützung der Eltern kriegen sollten“. Für Menrad passt dieser Vorgang aber zu einer wenig erfreulichen Entwicklung. Der Schulleiter beobachtet bei Eltern heute immer wieder eine „Konfliktscheu“ in der Erziehung der Kinder und sogar eine gewisse „Erziehungsmüdigkeit“.