Die Handballerinnen der HB Ludwigsburg sind am Ende, und das als amtierender Meister. Nun herrscht Frust – ein Rückschlag für den Frauenhandball und die Sportregion Stuttgart.

Ludwigsburg : Emanuel Hege (ehe)

Kurz vor dem Start der Handball-Bundesliga-Saison der Frauen wurde es am Dienstag offiziell: Nach langem Hin und Her muss der amtierende deutsche Meister den Spielbetrieb für die kommende Saison absagen. Grund sind die finanziellen Schwierigkeiten der HB Ludwigsburg – verursacht durch den teilweisen Rückzug des Hauptsponsors Olymp.

 

Der Verein hatte zuletzt gemeinsam mit der Stadt Ludwigsburg, Sponsoren und Unterstützern nach Lösungen gesucht, um den Spielbetrieb zumindest in kleinerem Rahmen aufrechtzuerhalten. Doch die Anstrengungen blieben vergeblich. Die Enttäuschung in der Sportregion ist groß.

Hans Artschwager, Vizepräsident vom Deutschen Handball-Bund (DHB) aus dem Kreis Böblingen, sieht die Absage auf mehreren Ebenen als schweren Verlust. Einmal mehr treffe es den Frauensport, der es ohnehin schwer habe, die gleiche Anerkennung wie die Männer zu bekommen, erklärt er. Viele Spielerinnen müssten trotz Profikarriere immer noch Nebenjobs haben – ärgert sich Artschwager.

Auch mit Blick auf die bevorstehende Heim-Weltmeisterschaft sei die Situation bitter. Zahlreiche Nationalspielerinnen hätten in Ludwigsburg von einem vertrauten Umfeld profitiert. „Nun sind sie in Vereinen auf der ganzen Welt verstreut“, sagt Artschwager. Das müsse das DHB-Trainerteam vor dem Turnier kompensieren.

Für die Sportregion Stuttgart bedeutet das Aus ebenfalls einen Rückschlag: „Die HB war ein Aushängeschild, ein Erfolgsmodell.“ Nun bleibe nicht mehr viel professioneller Frauensport in der Region übrig.

Auch das Final4 – die Pokalendrunde der Handballerinnen in der Porsche-Arena – könnte darunter leiden. „Wenn kein Team aus der Region vertreten ist, kostet das Zuschauer“, so Artschwager.

Matthias Knecht, Oberbürgermeister der Stadt Ludwigsburg, spricht von einem „herben Schlag für Spielerinnen, Fans und die Sportstadt Ludwigsburg“. Er erinnert an die Erfolge der vergangenen Saison: „Ein sensationelles Sportjahr mit Meisterschaft, Pokalsieg und beeindruckenden Auftritten in der Champions League und einer großartigen Meisterfeier beim Ludwigsburger Pferdemarkt endet im Nichts.“

Schuldzuweisungen lehnt Knecht ab, vielmehr dankt er allen Beteiligten für ihren Einsatz. Besonders hebt er die Spielerinnen hervor: „Als außergewöhnlich habe ich es empfunden, wie die Spielerinnen aus ganz Europa äußerst sympathisch und bodenständig in Stadt und Verein präsent waren und für die Fans und Mitglieder jederzeit greifbar blieben.“

Ein Bild, das der Vergangenheit angehört: Xenia Smits beim Sprungwurf in der Ludwigsburger MHP Arena. Foto: Baumann

Umso trauriger sei es, dass ihre Zukunft nicht mehr in Ludwigsburg liege. „Ich weiß, wie viel Herzblut, Leidenschaft und Träume in diesem Projekt steckten, und es schmerzt sehr, dass eine Fortführung nicht möglich ist.“ Gleichzeitig betont Knecht, dass die HB Ludwigsburg jenseits des Profibetriebs weiterhin gute Arbeit leiste: „Vielleicht entsteht daraus eines Tages eine Basis für einen neuen Anlauf.“

Dietmar Allgaier, Landrat, Präsident des VfB Stuttgart und Mitglied im Beirat der MHP Riesen, sagt: „Für den Landkreis waren Handball, Basketball und Eishockey unsere sportlichen Aushängeschilder. Umso mehr schmerzt es, dass der Handball jetzt wegbricht.“

Das Beispiel HB Ludwigsburg zeige, wie abhängig der Sport von Sponsoren sei. „Egal ob beim VfB oder bei kleineren Vereinen – jedes Sponsoring muss immer wieder hart erkämpft werden, ein Selbstläufer ist das nicht.“ Angesichts der wirtschaftlich schwierigen Lage werde die Luft immer dünner: „Alle Sportarten, alle Vereine fischen im gleichen Teich nach Geldgebern.“ Der Konkurrenzdruck sei hoch.

Ein Patentrezept, um Schicksale wie das der HB Ludwigsburg zu verhindern, habe er nicht, so Allgaier. Kommunale Direkthilfen seien weder umsetzbar noch ratsam. Vielmehr gehe es darum, als Kreis und Kommunen Türen zu öffnen – etwa zu Partnern wie Stadtwerken oder Wohnungsbaugesellschaften. Trotz aller Schwierigkeiten bleibe sein Wunsch: „Vielleicht gelingt eines Tages ein Neustart, an den sich anknüpfen lässt.“

Die Fans äußern sich in den Tagen nach der Schockmeldung vor allem in den sozialen Medien. Einige machen den Umzug von Bietigheim nach Ludwigsburg für die Misere verantwortlich. „Da hat sich der Umzug aber gelohnt“, schreibt ein Instagram-User gehässig.

Andere sehen das Problem beim Hauptsponsor, der weniger Geld zur Verfügung gestellt hat. „Danke Olymp, für nichts“, heißt es in einem Kommentar. Ein weiterer Nutzer meint, der Verein sei vom Sponsor über den Tisch gezogen worden.

Viele sehen jedoch auch die Vereinsführung in der Verantwortung. Auf Facebook ist von Naivität die Rede. „Da müssen reine Amateure am Werk gewesen sein“, schreibt ein Kommentator. Ein weiterer Facebook-User schreibt, dass der Frauenhandball mehr für die eigene Sichtbarkeit tun müsse: „Es gibt Erstligisten, gar nicht wenige, die verschicken nicht einmal Pressemitteilungen vor ihren Spielen und wundern sich dann, dass sie nicht stattfinden.“