Bundeswehr Schutz systematisch abgeschafft

Eine Patriot-Starteinheit bei einer Übung im texanischen El Paso in den USA: von 36 Feuereinheiten sind nur noch neun in Bundeswehr vorhanden. Foto: dapd

Das Luftabwehrraketensystem Patriot gilt als Herzstück der deutschen Luftverteidigung. Von einst 36 Systemen wurde der Bestand auf neun reduziert. Mit verheerenden Folgen.

Das US-Luftabwehrsystem Patriot gilt als eine der modernsten Waffen, um ballistische Raketen, Marschflugkörper, Kampfflugzeuge und Drohnen abzufangen. Die Luftwaffe führte das Waffensystem ab 1989 in ihren zwölf Flugabwehraktenstaffeln ein. Seitdem hat Deutschland immer wieder Patriot in anderen Ländern stationiert, um diese zu schützen. So zwischen 2012 und 2016 in der Türkei zum Schutz gegen mögliche syrische Luftangriffe. 2022 in der Slowakei bis September 2024 als Reaktion auf die Ausdehnung des russischen Angriffskriegs auf die ganze Ukraine. Sowie aus demselben Grund bis heute in Polen. Die ukrainischen Streitkräfte setzen das Waffensystem Patriot seit 2022 sehr erfolgreich vor allem gegen russischen Marschflugkörper, Raketen und Drohnen ein. Das Land hat von allen Staaten, die Patriot nutzen, die größte Erfahrung mit dem System.

 

Was kann Patriot?

Das System kann bis zu 50 Ziele gleichzeitig mit seinem Radarsystem erfassen, kontrollieren und maximal fünf Ziele gleichzeitig bekämpfen. Ja nach Typ der Abwehrrakete kann die Waffe Luftziele in einer Höhe bis zu 24 Kilometern in einer Entfernung von drei bis 160 Kilometern bekämpfen. Die Bundeswehr gibt die Reichweite der Patriot mit 68 Kilometern an. Die Raketen erreichen eine Geschwindigkeit bis zu Mach 5, also 6174 Stundenkilometer.

Wie ist eine Staffel Patriot der Bundeswehr gegliedert?

Eine Patriot-Staffel der Bundeswehr ist die Feuereinheit, mit der gegnerische Flugkörper bekämpft werden sollen. Sie besteht aus einem sogenannten Feuerleitstand, in dem die Ziele verifiziert, mit Hilfe eines Rechners mögliche Bekämpfungsszenarien erarbeitet werden, eines davon ausgewählt und die Zerstörung des Ziels gestartet wird. Geortet werden die Ziele über ein Multifunktionsradar. Mit Hilfe einer Antennenmastanlage sichert die Staffel ihre eigen Kommunikation zwischen den verschiedenen Teileinheiten sowie zu vorgesetzten Truppenteilen. Damit die komplexen Rechner und Radarsysteme mit Energie versorgt werden können, verfügt die Staffel über eine eigene Stromversorgung. Bis zu acht Startgeräte mit vier oder acht Abwehrraketen bekämpfen die Ziele. Versorgt werden sie mit eigenen Transport- und Wartungslastwagen. Insgesamt umfasst eine Staffel 15 bis 25 Fahrzeuge.

Wie viele Staffeln ergeben eine Flugabwehrraketengruppe?

Bis zu sechs Staffeln bilden eine Raketengruppe (FlaRakGrp). Über drei davon verfügt die Bundeswehr, die unter dem Kommando des Flugabwehrraketengeschwaders 1 im schleswig-holsteinischen Husum zusammengefasst sind. Die drei Gruppen sind in Mecklenburg-Vorpommern in Sanitz (FlaRakGrp 21) und Bad Sülze (FlaRakGrp 24) sowie in Husum (FlaRakGrp 26) stationiert. Insgesamt verfügt die Bundeswehr über neun einsatzbereite Systeme Patriot, von denen drei in Polen stationiert sind.

Was kann mit sechs Systemen Patriot geschützt werden?

Luftverteidigungsexperten gehen davon aus, dass zum Schutz einer Großstadt mit einer vollständigen 360-Grad-Abdeckung und überlappenden Wirkungsbereichen vier Systeme benötigt werden. Das ist der minimale Standard. Für einen hochwertigen Schutz gegen Massenangriffe sieht die Nato sechs bis acht Systeme vor. Mit den derzeit in der Bundeswehr vorhandenen Systemen könnte also eine Großstadt wie Berlin sowie punktuell die kritische Infrastruktur und Hochwertziele einer weiteren Großstadt gegen Luftangriffe geschützt werden.

Warum hat Deutschland seit 1989 nicht mehr Patriot-Systeme angeschafft?

Die zunächst SPD- und ab 1995 CDU-geführten Bundesregierungen kamen zu dem Schluss, dass Deutschland nicht mehr von konventionellen Streitkräften bedroht sei, deshalb eine großflächige Landes- und Bündnisverteidigung nicht mehr notwendig sei. An dieser Einschätzung änderten auch Warnhinweise in mehreren Reden des russischen Staatsoberhaupts Wladimir Putin nichts. So wurde der Bestand von ehemals 36 Patriot-Feuereinheiten auf aktuell neun abgebaut, die bestehenden Systeme bestenfalls modernisiert. Die spätestens seit dem Ende der 2000er Jahre erkennbare systematische und strukturelle Aufrüstung und Modernisierung der russischen Streitkräfte wurde bis zum Beginn der die ganze Ukraine umfassenden russischen Offensive entweder nicht erkannt oder schlichtweg nicht berücksichtigt. Außer Acht ließen die Kabinette von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) auch die langen mehrjährigen Beschaffungszeiten für das Waffensystem Patriot. Geschuldet sind diese Wartezeiten den begrenzten Fertigungskapazität der Hersteller wie Raytheon oder Lockheed.

Wie viel weitere Systeme will Deutschland – Stand Sommer 2025 – in den USA ordern?

Derzeit plant Deutschland zwei weitere Patriot-Systeme in den USA für den Bestand der Bundeswehr bis 2029 zu erwerben. Zwei weitere sollen von Deutschland bezahlt und an die Ukraine weitergegeben werden. Diese beiden System sollen zunächst aus dem aktuellen Bestand der Bundeswehr in das Kriegsgebiet geliefert werden. Bereits in diesen Tagen sollen die ersten Starteinheiten ins Kriegsgebiet gehen. Die Bundeswehr wird dafür bevorzugt aus den USA mit zwei Systemen aus dem neuesten Modernisierungsgrad bestückt. Das wird wahrscheinlich zwischen 20 bis 24 Monate dauern, weil die Systeme in den USA erst produziert werden müssen. Zwischen zwei und vier Monate dauert zudem die Ausbildung der Soldaten an den Patriots.

Wie viel kostet ein System?

Ein Komplettsystem mit einem Startpaket von 120 Raketen kostet etwa 565 Millionen Euro. Hinzu kommen jährliche Kosten für die Wartung und Ersatzteile, die mit 15 bis 25 Millionen Euro zu Buche schlagen. Für Updates für die Software des Radargerätes und der Feuerleitrechner müssen etwa 150 Millionen Euro vorgesehen werden. Hinzu kommen die Kosten für weitere Abwehrraketen. Deren Kosten sind vom Typ abhängig und liegen zwischen 0,8 und 5 Millionen Euro pro Rakete.

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