Campino, bevor wir über Ihr Buch sprechen: Welche Literatur liegt denn gerade auf Ihrem Nachttisch?
Eines mit dem Titel „Punk“ von Eckhart Nickel. Das ist aber ganz frisch, da kann ich noch nichts zu sagen. Daneben liegt eins von Benedict Wells.
Sind Sie denn ein Vielleser?
Ja. Doch ich habe noch Hunderte Bücher rumliegen, die nicht gelesen sind. Ich würde sie aber nie aufgeben, sondern habe die Hoffnung, dass ich da noch zukomme. Zuletzt hat mich von Bernhard Schlink „Das späte Leben“ begeistert. Es geht um einen älteren Herrn, der mit einer jungen Frau verheiratet ist und ein Kind mit ihr hat. Dann erhält er bei einer Routineuntersuchung die Diagnose Krebs. Ihm bleibt nur wenig Lebenszeit. Leider bekommt er zu diesem Zeitpunkt auch noch mit, dass seine Frau fremdgeht, und er weiß nicht, wie er damit umgehen soll. Es ist ein krasses Buch, mit einem Blickwinkel, den man selten so findet.
Grundlage für Ihr Buch „Kästner, Kraftwerk, Cock Sparrer. Eine Liebeserklärung an die Gebrauchslyrik“ waren zwei Vorlesungen an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf, die Sie dieses Jahr gehalten haben. Ihre Unikarriere war jedoch von kurzer Dauer, oder?
Eingeschrieben war ich ein paar Jahre für Englisch und Geschichte. Praktisch war, dass mein Vater für mich als Student noch Kindergeld beziehen konnte und ich krankenversichert war. Nach Scheinen hat er nicht gefragt. Und ich war auch nicht wirklich dort.
Wie kamen Sie auf das Thema Gebrauchslyrik?
Das ging schnell. Ich wollte über Lyrik, über Texte sprechen, und da ist man schnell bei Kästner und all jenen, die ihre Arbeit als Gebrauchslyrik dargestellt haben. Das ist ein Begriff, der auch für mich hinkommt, wenn ich definieren müsste, was ich so mein Leben lang mit den Toten Hosen gemacht habe.
Wie definieren Sie denn Gebrauchslyrik?
Gebrauchslyrik sollte in meinen Augen auch immer eine Art Leitfaden fürs Leben sein, praktisch zu benutzen. Nicht pompös daherkommen, sondern schlicht und einfach zugänglich sein, aber eben mit Gedanken über das tägliche Leben versehen. Das macht Gebrauchslyrik aus. Ich glaube, dass die Gebrauchslyrik eher in der Botschaft zu bewerten wäre als im künstlerischen Anspruch.
Wann ist Ihnen Lyrik zum ersten Mal begegnet?
Die ersten Gedichte sind mir in der Schule begegnet, als ich sie auswendig lernen musste. Meine Mutter war bemüht, mich frühzeitig mit ins Theater zu nehmen. Ich erinnere mich an „Kabale und Liebe“. Das war für mich Arbeit, es die ganze Vorführung lang auf dem Stuhl auszuhalten. Theater habe ich als Erziehungsmaßnahme empfunden. Es hat gedauert, bis es mich angesprochen hat.
In den Anfangszeiten war Ihnen Cock Sparrer vermutlich näher als Erich Kästner. Gab es so etwas wie Punk-Scheuklappen?
Mit Kästner gab es nie Berührungsängste, es hat einfach der Zugang gefehlt. Als ich das erste politische Gedicht von ihm gelesen hatte, war ich beeindruckt. Ich kannte ihn bis dahin nur als den Autor von „Emil und die Detektive“ und „Das fliegende Klassenzimmer“. Von Kästner könnte ich viel raussuchen, was sich mit der Perspektive eines Punks decken würde. Die Cock-Sparrer-Welt ist da gar nicht so weit weg.
Sie haben erst mal als Teenager den Punk entdeckt, gingen in den Ratinger Hof nach Düsseldorf. Dort tranken Sie zwischen Künstlern wie Jörg Immendorff, Martin Kippenberger und Imi Knoebel Ihre Cola. Auch Musiker wie Peter Hein, Jürgen Engler von Male und Gabi Delgado von DAF waren Stammgäste. Wie wichtig war diese Zeit?
Ich glaube, uns ist allen erst im Nachhinein klar geworden, dass wir da Teil einer kleinen musikalischen Revolution waren. Aus diesen ursprünglichen Momenten ist viel gewachsen. Das ging uns in Düsseldorf genauso wie den Leuten in England. Ich glaube, viele aus dieser Szene haben erst später begriffen, was das eigentlich für eine schöne, kreative, konstruktive, offene Zeit war. Eine, die viele Spuren hinterlassen hat. Beispielsweise war die ganze Rock-against-Racism-Bewegung von uns Jugendlichen selbst geprägt. Gegen Faschisten zu kämpfen und gegen Rechtsaußen zu sein, kam aus uns selbst, das musste uns die Schule nicht beibringen. Wir hatten Helden wie Joe Strummer oder Tom Robinson, die uns das vorgelebt haben. Das hat uns alle sehr geprägt. Das war unsere Schule. Ich glaube, das fehlt heute bei der jüngeren Generation.
Sind die wenig politisch?
Das will ich damit nicht sagen. Es gibt Beispiele wie die Antilopen Gang, K.I.Z oder auch Feine Sahne Fischfilet. Wir brauchen aber noch mehr Bands mit dem richtigen Sendungsbewusstsein, denen junge Leute zuhören.
Die Toten Hosen waren immer eine politische Band. Wenn man sich gerade die Entwicklungen in Deutschland und weltweit anschaut, braucht es doch eigentlich noch mehr Lärm, oder?
Unbedingt. Es wäre der falsche Ansatz, sich zu fragen, ob sich das lohnt oder nicht. Dann fängt man schon an zu zögern. Jeder sollte mit Zuversicht einfach das tun, was er mit einbringen kann. Für uns sind die miserablen Ergebnisse der letzten Wahlen auch Ansporn, sich für die Bundestagswahl noch mal öffentlich zu positionieren. Mit der Hoffnung, dass man vielleicht eine Inspiration für jüngere Leute ist. Es ist mal wieder an der Zeit, sich einzubringen.
Taylor Swift und Billie Eilish haben sich jetzt im Vorfeld der US-Wahl positioniert. Braucht es nicht sehr viel Kraft in Zeiten von Social Media, das alles auszuhalten?
Ja, die braucht es. Künstlerinnen, Sportler, Personen des öffentlichen Lebens können einen Teil dazu beitragen, aber man kann auf sie nicht alles abwälzen. Der Gesellschaft wird gerade klar, was für Vorsprünge die extremen Parteien in den sozialen Medien haben. Die haben diese Kanäle viel früher als Werkzeug erkannt, und sind es gewohnt, solche Plattformen intensiv zu bedienen, um ihre Weisheiten und ihren Müll von sich zu geben. Weil sie schon immer Probleme hatten, im Mainstream abgebildet zu werden. Da müssen die etablierten Parteien und Meinungsmacher schwer aufholen. Es ist in der Sache immer schwierig, mit einer dezidierten, klaren, differenzierten Meinung gegen populistische Parolen anzutreten.
Da sind wir beim Thema Sprache, das Sie fast Ihr Leben umtreibt. Wenn Sie Texte schreiben, kommt Ihnen da der Gedanke auf: Darf ich das jetzt so noch sagen?
Durchaus. Wir müssen ständig neu abwägen und justieren, was unsere Wortwahl angeht. Das ist aber nichts Neues, Sprache lebt und ändert sich ständig.
Gibt es Lieder, die Sie nicht mehr singen?
Die gibt es. Aber nicht so viele. Vielleicht das ein oder andere Lied, das heutzutage obsolet oder in seiner Form überholt ist. Meist kommt das bei Liedern vor, bei denen ich als Erzähler in eine Rolle geschlüpft bin. Das Lyrische Ich. Wenn man sich eines solches Stilmittels bedient, muss man damit rechnen, dass das auch mal jemand missversteht.
Wann ist Ihnen ein Text geglückt?
Für mich ist es die größte Freude, wenn Leute von meinen Zeilen emotional berührt sind, wenn ich spüre, dass sie auch so empfinden. Wenn sich andere Menschen in den Texten wiedererkennen, als handele es sich um ihr Leben, dann ist das für mich ein Hinweis, dass ich vielleicht etwas richtig gemacht habe.
Schreiben Die Toten Hosen gerade neue Songs?
Wir sind tatsächlich dabei. Aber es braucht Geduld. Natürlich kann es sein, dass wir noch ein Album veröffentlichen. Da werden wir dann aufs Ganze gehen, in unserem Alter könnte es immer das Letzte sein.
Heute könnten Sie alles in eine KI eingeben, ein Thema vorgeben und heraus käme vermutlich ein ganz okayer Tote-Hosen-Text.
Davon ist auszugehen. Und wenn man heute mit dem Text noch nicht ganz zufrieden sein sollte, muss man das Ganze einfach in einem Jahr wiederholen. Da wird dann schon ein wesentlich besseres Ergebnis herauskommen. Die KI wächst in einem wahnsinnigen Tempo, und sie wird Revolutionen auslösen. Es wird nicht mehr lange dauern, dass große Streamingdienste wie Spotify ein paar Experten anstellen wird, die per KI eigene Lieder im Minutentakt zusammenstellen, die auf Playlisten gesetzt werden. Dadurch könnten Streamingdienste wie Spotify Autorenrechte vermeiden, indem sie die Musik selbst liefern. Das ist ein Szenario, das innerhalb der nächsten fünf Jahre Realität sein kann. Es würde für viele Musiker das existenzielle Aus bedeuten. Für Filmmusik etwa bräuchte es keine hoch bezahlten Komponisten mehr. Diese Jobs werden alle wegfallen. Das Individuelle wird zusehends verschwinden.
Es werden herausfordernde Zeiten für uns als Gesellschaft. Haben Sie Angst davor?
Angst wäre übertrieben, aber einen gehörigen Respekt. Ich glaube, dass die Entwicklung zurzeit schneller läuft als die Regulierung dieser ganzen Geschichte. Wir können jetzt schon viel Missbrauch beobachten, wenn etwa in Zusammenhang mit Kriegsgebieten wie dem Libanon, dem Gazastreifen oder der Ukraine Bildmaterial auftaucht, das aus dem Zusammenhang gerissen wurde oder gar aus völlig anderen Gegenden stammt. Jeder kommt mit seiner eigenen Behauptung und Wahrheit durch. Die Suche nach der objektiven Wahrheit wird immer schwieriger.
Campino
Der Mann
Campino, geboren als Andreas Frege am 22. Juni 1962 in Düsseldorf, ist Sänger der Band Die Toten Hosen. Er arbeitete auch schon als Schauspieler und Autor. Sein Buch „Hope Street: Wie ich einmal englischer Meister wurde.“ war ein Bestseller.
Das Buch
Von Erich Kästner über seine „Opel-Gang“ bis zu Billy Bragg – Campino spricht als Heinrich-Heine-Gastprofessor über Lyrik, das Songtexten und die Wirkung von Musik. Die Vorlesungen sind die Vorlage für sein Buch „Kästner, Kraftwerk, Cock Sparrer. Eine Liebeserklärung an die Gebrauchslyrik“ (Piper), das am 24. Oktober erscheint. Der Band enthält alle vorgetragenen Songs und Gedichte und wird ergänzt um exklusive neue Texte und Passagen. Weitere Informationen unter www.dietotenhosen.de