Cannstatter Volksfest Bar-Wechsel sorgt für Unmut auf dem Wasen

Kosten die Flaschen mindestens 100 Euro, werden sie in der Spitzbubenbar mit Feuer serviert. Foto: Hi Life

Noch drei Monate, bis das Volksfest startet – doch schon jetzt knistert es heftig hinter den Kulissen. Ein junger Party-Hotspot wechselt das Zelt. Das schlägt hohe Wellen.

Stadtleben/Stadtkultur: Uwe Bogen (ubo)

Seit Generationen steht das Bier auf dem Cannstatter Volksfest im Mittelpunkt. Doch in den letzten Jahren vollzieht sich ein Wandel, weshalb sich etliche Wirte im Spagat zwischen Tradition und Trend versuchen. Immer mehr junge Besucherinnen und Besucher empfinden Maßkrüge und Ballermann-Musik als „uncool“. Hinzu kommt: Der Lifestyle rund um Drinks, Wein und Schampus passt besser zu Instagram und Co.

 

Klare Gewinner dieser Entwicklung sind die Spitzbuben, die vor zwei Jahren in der Almhütte von Festwirtin Nina Renoldi ein clubähnliches Refugium, abgeschottet auf der Empore, eröffnet haben. Die jungen Untermieter nannten ihre Location Spitzbubenbar – als habe man den Namen mit Bedacht gewählt. Spitzbübisch bedeutet gerissen, raffiniert, schelmisch. Und genau daran fühlt sich manch einer bei dem erinnert, was sich derzeit hinter den Kulissen des Volksfestes abspielt.

Die Spitzbubenbar will sich aufgrund des Erfolgs vergrößern

Tim Berkemer, der Chef der Spitzbubenbar, der auch das Hi Life am Rotebühlplatz betreibt, startet am 28. Juni den Vorverkauf für seine Wasen-Location – und die befindet sich erstmals nicht mehr in der Almhütte Royal. Künftig will er bei Sonja Merz seine Erfolgsformel vergrößern. Berkemer wird also Nina Renoldi verlassen. Dieser Wechsel sorgt hinter den Kulissen für Unmut und hitzige Diskussionen.

Werden in der Spitzbubenbar Flaschen geordert, die 100 Euro oder mehr kosten, entzünden die Kellner ein kleines Feuerwerk und lassen Glitter regnen. Je später die Nacht, desto öfter funkelt es. Von diesem Herbst an wollen die Spitzbuben im Zelt von Sonja Merz funkeln – dort, wo es bereits auf der Empore ein ähnliches Angebot gibt: Denis Gugac, der vor zwei Jahren die Spitzbubenbar mitaufgebaut hat, betreibt über dem Mittelschiff die Schatzibar, die ebenfalls das junge Partypublikum erfreut. Damit könnte mit zwei Hotspots eine neue Party-Zentrale im „Zelt mit Herz“ entstehen.

Sonja Merz freut auf die Spitzbubenbar in ihrem Zelt. Foto: Rosar

Festwirtin Sonja Merz, die mittlerweile von ihrer Tochter Katharina Renz unterstützt wird, die ihre Nachfolgerin werden will, hat in ihrem Zelt wieder freien Platz. La-Comedia-Chef Luigi Aracri, der im vergangenen Herbst Dolce Vita auf den Wasen bringen wollte und im „Zelt mit Herz“ einzog, hört nämlich schon wieder auf. Die Premiere seines Lokals Cuore Italiano seitlich des Mittelschiffs fiel nicht so aus, wie erhofft. Zwar hatte Aracri gesagt, es brauche Zeit, bis sich ein neues Konzept auf dem Volksfest durchsetze – doch ein zweites Jahr will er trotzdem nicht mehr machen.

Für die neue Bar wird es einen Extra-Zugang geben

Und in diesem nun frei werdenden Teil des Festzeltes soll die Spitzbubenbar einziehen. „Wir machen einen Extra-Zugang“, sagt Sonja Merz. Szene-Wirt Tim Berkemer freut sich: „Wir haben künftig etwa die doppelte Fläche.“ Weil es zuletzt immer so voll bei ihm gewesen sei, habe er beschlossen, andere Festwirte zu fragen, ob sie ihm was Größeres bieten könnten, damit er nicht mehr so viele Gäste abweisen müsse. Sonja Merz konnte.

Not amused ist Nina Renoldi, die für ihre Bar auf der Empore nun neue Wirte suchen muss. „Ich bin sehr enttäuscht über die Art und Weise von Frau Merz“, sagt sie unserer Redaktion, „eigentlich gibt es so etwas wie einen Ehrenkodex intern, anderen Kollegen nicht Ideen, Mitarbeiter oder Geschäftspartner abzuschwätzen.“

Tim Berkemer wünscht Nina Renoldi „alles Gute“

Spitzbubenbar-Chef Tim Berkemer erwidert, er sei nicht abgeworben worden, sondern er hätte sich selbst neu orientiert. „Ich habe es Nina Renoldi am letzten Tag des Frühlingsfestes gesagt, dass ich eine größere Bar brauche“, erklärt er. Auch habe Sonja Merz keine Idee von der Almhütten-Chefin geklaut, da die Idee der Spitzbubenbar von ihm und seinem Kollegen Denis Gugac stamme. Dass es nun zum Zoff hinter den Kulissen kommt, gefällt ihm ganz und gar nicht. „Ich mag Nina sehr und wünsche ihr alles Gute“, sagt er.

Festwirt Nina Renoldi sagt, sie habe bisher Respekt vor Sonja Merz gehabt, „wie sie alles, allein als Frau regelt“. Foto: Lichtgut

Mit den anderen Wasenwirten komme sie sehr gut aus, versichert Nina Renoldi. Bisher habe sie immer großen Respekt vor Sonja Merz gehabt, „wie sie alles alleine als Frau regelt“. Doch jetzt wisse sie, die Kollegin könne „auch anders“. Mit ihren deutlichen Worten für die Öffentlichkeit stellt Nina Renoldi vielleicht auch klar, dass sie weiterhin mit beiden Füßen fest auf dem Wasen stehen will. Gerüchte, sie wolle als Festwirtin aufhören, stimmten nicht, versichert sie.

Sonja Merz plädiert für einen „fairen Umgang“

Sonja Merz wiederum erklärt, sie habe den Wechsel der Spitzbubenbar mit dem Seniorchef Klaus Renoldi transparent abgesprochen, da sie die Kollegin nicht erreicht habe. „Gerade im Hinblick auf unsere gute Wirtegemeinschaft war mir eine offene Kommunikation wichtig“, erklärt Merz. Da Tim Berkemer auf sie zugekommen sei, habe sie „den Ehrenkodex nicht gebrochen“ und niemanden abgeworben. Ein „fairer Umgang“ liege ihr sehr am Herzen.

Nach dem Umzug der Spitzbubenbar wird also ein Wasenclub frei. Damit ergibt sich die Chance für einen weiteren Szene-Wirt, neue Ideen aufs Volksfest zu bringen. Der künftige Betreiber oder die künftige Betreiberin hätte sogar einen Vorteil: Während Sonja Merz nur auf dem Volksfest ist, aber nicht auf dem Frühlingsfest, könnten die Neuen gleich zweimal im Jahr mit ihrer Bar feiern – denn die Almhütte ist bei beiden Terminen dabei.

Es sind noch drei Monate, bis das Volksfest startet, bis dahin könnte sich der Streit legen. Wie er auch immer ausgeht, eines ist klar: Das Volksfest wird diesmal nicht nur mit den Fahrgeschäften für Nervenkitzel sorgen.

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