Cannstatter Wasen Das Rätsel ist gelöst: Wann fand das erste Frühlingsfest statt?

Ein Foto von einer Raketenbahn vom ersten Stuttgarter Frühlingsfest anno 1934, Hersteller war die Firma Heyn, Neustadt an der Orla. Foto: Roschmann

Es war bisher im Dunkel der Geschichte verborgen: Doch beim Blick in die Zeitung fanden die Schausteller Erleuchtung: Das Frühlingsfest ist älter als gedacht.

Vermutungen und Hörensagen: Mehr wusste man bisher nicht über die Entstehung des Stuttgarter Frühlingsfestes und wann es erstmals auf dem Cannstatter Wasen stattfand. Doch nun hat der Deutsche Schaustellerbund sein Archiv durchforstet und die Zeitung „Komet“ digitalisiert. Dabei stieß man auch auf Erstaunliches zum Frühlingsfest.

 

Mark Roschmann ist Schausteller, im Verband engagiert und seit jeher an der Geschichte seines Berufsstandes und seiner Familie registriert. Wie so viele seiner Zunft kann er genau sagen, wann welcher Vorfahr auf Reisen war, was er gemacht hat und welches Geschäft er betrieb. Als er also hört, die Kollegen in Berlin beim Schaustellerbund hatten den „Comet“ eingescannt und zugänglich gemacht, gab es kein halten mehr. Und tatsächlich fand er neben einigem Erhellenden über die Familie auch Artikel über das Stuttgarter Frühlingsfest.

Im Jahre 1934 wurde das erste Frühlingsfest abgehalten. Vom 1. bis 17. April. In zeittypischer Ausprägung. Die Nazis hatten die Macht übernommen. Und dieses erste Frühlingsfest sollte in deren Sinne stattfinden. Der „Komet“ berichtet am 31. März 1934. „Es ist Sonntagmorgen, 9 Uhr, des 25. März. Ein wunderschöner sonniger Frühlingstag strahlt vom klarblauen Himmel. Durch die Zufahrtsstraßen zum Wasen bummeln Neugierige, bestaunen all die angefahrenen Wohn- und Packwagen der Schausteller, die sich genau wie zu den Herbst-Volksfesten aus allen Gauen Deutschlands zusammenfinden. Diesmal erhielt aber nicht, wie früher, nur der einen Platz, der auf seine gefüllte Brieftasche pochen konnte. Rachsucht und Eigennutz sind bei der Platzzuweisung ausgeschaltet.“

Eine Losbunde aus den Sechziger Jahren Foto: Roschmann

Es folgt ein Lob der Beteiligten von Oberbürgermeister Strölin bis zu Gauwart Reichbart, die in Sitzungen bis in die Nacht dafür gesorgt hätten, „dass das Stuttgarter Frühlingsfest im Sinn und Geist des Nationalsozialismus aufgebaut ist“. Deshalb seien Platzversteigerung und Einsendung von Angeboten von vorneherein ausgeschaltet gewesen. Dennoch habe man daran festhalten müssen, Geschäfte von außen zuzuziehen, weil man dem „Publikum ja eine große Abwechslung bieten will“.

Der ganze Platz sei in Blocks eingeteilt mit der Neuzeit entsprechenden Längs- und Querstraßen. „So werden die Schau-, Belustigungs- und Verkaufsgeschäfte in bunter Abwechslung verteil, wie alles sein soll und muss. Auf diese Weise kommt auch der Kleinschausteller zur Geltung und kann wieder gesund werden.“

Die härteste Nuss für die Kommission sei „die Festlegung einer gerechten und der Zeit entsprechenden mäßigen Platzrate für jedes einzelne Geschäft. Nicht Wucher, Eigennutz oder Habgier, sondern Freude und Arbeit müssen das Leitmotiv sein und Kraft durch Freud erzeugen. Das Schaustellergewerbe wurde früher in unerhörter Weise ausgezogen und unter einer förmlichen Erpressung ganz heruntergewirtschaftet. Die Zeit muss vorbei sein, es ist Pflicht der ansässigen Ortsgruppen, Festveranstaltungen selbst in die Hand zu nehmen und dafür zu sorgen, dass bei den Behörden im Sinne unserer Führers gearbeitet wird.“

Zwar wird dieses Jahr das 86. Stuttgarter Frühlingsfest gefeiert. Das hat man sich über Aufzeichnungen und Archive erschlossen. Doch Genaues wusste man nicht. Der einstige Wirt und Wasen-Zampano Walter Weitmann hatte vor gut 30 Jahren einen Streit vom Zaun gebrochen mit Lothar Breitkreuz, Chef des städtischen Amtes Versorgungsmärkte und Marktveranstaltungen. Er hatte Briefe vorgelegt, mit denen er beweisen wollte, dass das Fest 1934 bereits stattgefunden hatte. Damit ging es ihm nicht um die historische Wahrheit. Er wollte Breitkreuz und seinem Konkurrenten und Intimfeind Willi Stamer eins auszuwischen. Denn der Stamersche Biergarten hatte den besten Standplatz bekommen, wegen Stamers angeblicher Verdienste um die Wiedereinführung des Frühlingsfestes anno 1954.

Nun weiß man es genau. Das erste Stuttgarter Frühlingsfest hat tatsächlich 1934 stattgefunden.

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