Dabei war der Sonderschulleiter zunächst skeptisch, als eine Kollegin 2018, begeistert durch einen Radiobericht über die Change Writers, ihn ansprach. „Ja, da haben sie in Amerika einen tollen Film gedreht. Bla bla bla“, schildert Hubrich heute seine Reaktion von damals. „Freedom Writers“, der Film sei wirklich nett anzuschauen. Aber wie sollen ausgerechnet Schüler an seiner Schule, die in Deutsch kaum eine Seite vollschreiben wollen, Tagebuch führen? Und: Man hatte doch bereits Schulsozialarbeit.
Wer nicht will, muss nicht Tagebuch schreiben
Aber immerhin: Hubrich schickte mit Gerd Ruoß seinen Schulsozialarbeiter und einige Kollegen auf Fortbildung. Und nach deren Rückkehr hat Hubrich seine Meinung geändert, seitdem sind die Methoden von Change Writers an der Verbundschule Rohr und bei den Inklusionslehrern in den Klassen der Regelschulen etabliert.
Eine von ihnen ist Yvonne Strauss. Direkt nach der Fortbildung begann sie damit, mit den Neuntklässlern der Werkrealschule an einem großen Schulzentrum in Stuttgart, einmal pro Woche zu Beginn der Unterrichtsstunde 20 Minuten lang Tagebuch zu schreiben. „Wer nicht wollte, musste nicht mitmachen. Die einzige Bedingung war, die anderen beim Schreiben nicht zu stören.“
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Erst bekam sie zwei, dann drei Tagebücher zu lesen. Strauss antwortete ausführlich und sehr individuell. Zum Schluss schrieb fast die gesamte Klasse. Die Sonderpädagogin musste, um allen Schülern antworten zu können, auch an den Wochenenden Antwortbriefe schreiben. Und in einem Fall gelang es ihr, über die Tagebucheinträge und ihre Antworten darauf, einen Schüler dazu zu bringen, sich Hilfe zu holen.
Antworten der Lehrer haben auch seelsorgerischen Charakter
Der Fall war, so erinnert sie sich, total verfahren. „Im Gespräch war ich nicht mehr an ihn herangekommen.“ Aber durch das Medium Tagebuch hat sich der Schüler ihr geöffnet. „Dabei kam ich an meine Grenzen“, schildert Strauss. Denn wie umgehen mit dem, was der Schüler ihr offenbarte – und was alles andere als gesetzeskonform war? Strauss führte viele Gespräche mit ihrem Schulleiter Klaus Hubrich. „Es ist ein Drahtseilakt: Wir sind Lehrer, aber die Antworten auf die Tagebucheinträge haben durchaus einen seelsorgerischen Charakter.“
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Was macht die Methoden der Change Writers – neben dem Tagebuchschreiben mehr als 40 weitere – aus? Gerd Ruoß, Schulsozialarbeiter an der Verbundschule Rohr und mittlerweile Ausbilder für die Methoden der Change Writers, muss nicht lange überlegen: „Sie ermöglichen es uns, Beziehung zu unseren Schülern aufzunehmen. Anders als bei anderen Ansätzen in der Arbeit mit Jugendlichen, etwa der Erlebnispädagogik, liegt der Fokus viel stärker auf Wertschätzung.“ Ruoß legt ein Buch vor sich auf den Tisch in seinem Büro in der Verbundschule Rohr: Hardcover, ein anspruchsvoll gestalteter Einband. „Ein Tagebuch für unsere Schüler, keine Kladde, aus der bald die ersten Blätter rausfallen. Können wir uns von unserem Schulbudget eigentlich nicht leisten. Aber das Buch können die Schüler auch nach einem Jahr noch in die Hand nehmen.“
Ein weiterer Unterschied: Der Zugang der Change Writers-Methoden ist niederschwellig. „Die meisten Methoden kann man ohne viel Material gleich am nächsten Tag umsetzen. Manche Methoden und Spiele lassen sich zwischen zwei Unterrichtseinheiten, wenn es gerade zwei Minuten Luft gibt, einschieben“, sagt Ruoß.
Die Schüler sehen: Ich bin mit dieser Erfahrung nicht allein
Und an manchen Spielen können sogar die Schüler teilnehmen, die eigentlich gar nicht sprechen wollen. Etwa an dem Spiel mit der roten Linie. Wer auf eine Frage mit „Ja“ antwortet, der macht einen Schritt über das Seil. Das kann eine banale Frage sein: Wer mag gerne Schoko-Eis? Es kann aber auch die Frage sein: Wer hat zu Hause bereits Erfahrung mit Gewalt gemacht? „Und dann treten vielleicht fünf Schüler vor und sehen: Oh, ich bin mit dieser Erfahrung nicht allein. Diese Erkenntnis kann viel in Gang setzen“, so Ruoß. Viele Schüler, nicht nur an der Verbundschule Rohr, seien es gewohnt, über alles Mögliche zu sprechen – nur nicht über sich selbst. Vielleicht auch, weil ihr bisheriges Leben ihnen vermittelt hat, dass genau dies nicht wichtig ist.
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Nicht nur Yvonne Strauss hat die Erfahrung gemacht, dass die Schüler im Tagebuch ihren Lehrern mehr mitteilen als nur ihre Musikvorlieben und das, was sie am Vortrag gemacht haben. Mitunter berichten Schüler auch über Missbrauch, den sie erfahren haben. Was dann? Gerd Ruoß nickt. Diese Frage nach dem „Was dann?“ werde ihm in nahezu jedem Seminar gestellt. Dürfe man den Schüler dann darauf ansprechen? „Unbedingt“, sagt Ruoß. „Das ist ja das, was wir erreichen wollen: Beziehung ermöglichen. Wenn ein Schüler sich entschlossen hat, durch sein Tagebuch seinem Lehrer dies mitzuteilen, dann hat er sich ja bereits entschieden, sich uns anzuvertrauen und dies öffentlich zu machen.“