Auf dem Lichterfest Chanukka lastet der Schatten von Sydney. Auch in Stuttgart. Die jüdische Gemeinde feiert dennoch – und will „der Dunkelheit noch viel mehr Licht entgegensetzen“.
Die Welt ist klein. Manchmal seltsam klein. Unter den rund 200 Menschen, die am Dienstagabend zum Entzünden der Chanukka-Lichter auf den Schlossplatz gekommen sind, ist Martina Zadow aus Adelaide in Australien, dem Land, in dem Terroristen am Sonntag 15 Menschen im Umfeld eines Chanukka-Festes brutal ermordeten. Die 60-jährige Frau, gebürtig in Gärtringen, ist gerade auf Besuch in Stuttgart. Sie wollte das Haus aufsuchen, in dem einst ihre Großeltern wohnten, ehe sie nach Australien auswanderten – das Haus von Tritschler am Marktplatz. Von dem Blutbad an Juden in ihrer Heimat hat Martina Zadow aus den Nachrichten erfahren. „Schrecklich“, sagt sie.
Interessiert verfolgt sie jetzt, wie Ortsrabbiner Yehuda Puschkin und der evangelische Landesbischof Ernst-Wilhelm Gohl demonstrativ gemeinsam drei Lichter an dem großen Leuchter vor dem Neuen Schloss, der Menora, entzünden und lauscht anschließend dem Gesang von Kantor Nathan Goldmann. Sie hört auch, wie Barbara Traub, Vorstandssprecherin der Israelitischen Religionsgemeinschaft (IRGW), ans Rednerpult tritt und unerschrocken von Freiheit, Hoffnung, Mut, Verständigung und Toleranz spricht: „In den vergangen 20 Jahren, in denen in Stuttgart die Chanukka-Lichter feierlich entzündet werden, standen wir oft beisammen und schöpften gemeinsam neuen Mut“, sagt sie und zählt auf: „Wir schöpften neuen Mut nach den rechtspopulistischen Wahlerfolgen, nach dem Terroranschlag auf die Synagoge in Halle 2019, nach dem Krieg Russlands gegen die Ukraine und nach dem Überfall der Hamas auf Israel vom 7. Oktober 2023 und den Zeiten des Krieges.“ Dieses Jahr hätte das Chanukka-Fest seit langem wieder ein unbeschwertes Fest sein können, sagt sie: „Doch dann erreichten uns die Nachrichten aus Sydney.“ Umso tiefer sei die Trauer angesichts der sinnlosen Morde an Menschen am Bondi Beach, wo Jüdinnen und Juden zusammengekommen seien, „um mit Freunden ein Fest der Toleranz zu feiern und ein Licht der Hoffnung zu entzünden“.
Was macht diese Terror-Erfahrung mit der jüdischen Gemeinde? Traub zitiert den Rabbiner Jonathan Sachs: „Glaube hat mit Mut zu tun.“ Diese Überzeugung ziehe sich wie ein roter Faden durch die jüdische Geschichte. Aus dem Schatten, die das Blutbad von Sydney über Chanukka lege, könne man deshalb nur eine Schlussfolgerung ziehen: „Der Dunkelheit entschlossen noch viel mehr Licht entgegenzusetzen“, betont Traub. Sie empfindet es als Ermutigung, dass so viele auf den Schlossplatz gekommen sind – viele aus Solidarität mit der jüdischen Gemeinde, wie der evangelische Landesbischof Ernst-Wilhelm Gohl, Stadtdekan Sören Schwesig, Landtagspräsidentin Muhterem Aras, Kultusministerin Theresa Schopper, Schulbürgermeisterin Isabel Fezer, Polizeipräsident Markus Eisenbraun, der Koordinator des Rats der Religionen, Deniz Kiral, der Antisemitismusbeauftragte Michael Blume und Stuttgarter Gemeinderäte. Auch viele Menschen ohne besondere Funktion.
Barbara Traub bekräftigt ihren Dank an Stadt, Land und Polizei für ihr „entschiedenes Eintreten gegen Hass und Hetze“. Die Kultusministerin versichert ihrerseits im Namen von Ministerpräsident Winfried Kretschmann und der Landesregierung: „Wir werden entschieden verhindern, dass sich das Gift des Antisemitismus weiter ausbreitet und alles daran setzen, dass jüdische Bürger keinen Anfeindungen ausgesetzt sind und in Sicherheit leben können.“
Barbara Traub geht auch Rabbiner Pushkin geht mit der Frage um: „Wie können wir angesichts des Schmerzes, des Verlustes und der Wut überhaupt feiern?“ Seine Antwort: Man könne diese Gefühle nicht ausschalten, „wir tragen sie vielmehr mit in die Freude hinein.“ Freude sei keine Reihe positiver Umstände, „sondern eine bewusste Wahl“. In den Worten von Traub: „Je tiefer das Dunkel um uns herum, desto heller sollen die Lichter erstrahlen. Das ist der Kern des Wunders von Chanukka.“
Das Chanukka-Fest erinnert an das „Lichtwunder“ vor 2189 Jahren im Tempel von Jerusalem vor dem Hintergrund des Kampfes gegen die Seleukiden, die sechs Jahrzehnte über das damalige Israel herrschten. Zuletzt war nur noch ein Krug geweihten Olivenöls übrig, um die Menora im Tempel zu erleuchten. Dieses Öl brannte der Erzählung nach auf wundersame Weise acht Tage lang, bis neues geweihtes Öl vorhanden war. Am Chanukka-Fest werden deshalb nacheinander an acht Tagen Lichter entzündet – bis einschließlich kommenden Sonntag. Traditionell werden an Chanukka Sufganjot, in Öl ausgebackenes Hefegebäck, und Wein gereicht – am Dienstagabend auch auf dem Schlossplatz, wo sich die Teilnehmer nach den Reden und einer anschließenden Feuershow reichlich bedienen.