China und die Automobilkrise Wie realistisch ist die chinesische Mercedes-Übernahme? Ein Faktencheck

China-Mission: Auf der letzten Auto-Messe in Peking präsentiert Mercedes 2024 die elektrische G-Klasse. Foto: MB AG

Stuttgarts nächstes durch die Automobilkrise ausgelöstes Schreckenszenario ist, wenn Mercedes-Benz von China aus gelenkt wäre. Ginge das überhaupt? Ein Faktencheck.

Automobilwirtschaft/Maschinenbau: Peter Stolterfoht (sto)

In der Kantine erkennt die Mercedes-Belegschaft immer am besten, ob die Chefs aus China gerade mal wieder im Stammwerk Untertürkheim nach dem Rechten schauen. Dann liegen nämlich grundsätzlich Stäbchen und Sojasauce mit auf dem Tisch – für Wahlessen 1, was in diesem Fall ein traditionelles asiatisches Reisgericht ist. Na dann, Mahlzeit!

 

Alles nur geträumt! Doch Träume sind auch die Verarbeitung der Realität, und dazu gehört in Stuttgart auch die Autokrise. Und in der erscheint nichts mehr so, wie es einmal war. Da ist der soziale Abstieg einer ganzen Region, wie es ihn die amerikanische Autometropole Detroit schon vorgelebt hat, nicht mehr völlig aus der Welt. Als entsprechender Vorbote kann beispielsweise der Einbruch der Stuttgarter Steuereinnahmen gedeutet werden, nachdem das Geschäft jetzt über einen längeren Zeitpunkt deutlich schlechter läuft als gewünscht.

Ein amerikanisches Angebot hat Mercedes-Chef Ola Källenius abgelehnt. Foto: Sven Hoppe/dpa

Trump wollte Ola Källenius von Mercedes-Umzug überzeugen

Auch deshalb richten sich in diesen unsicheren deutschen Autozeiten immer häufiger ausländische Blicke nach Stuttgart. Dabei sind auch solche dabei, die von wirtschaftlichen Eigeninteressen gelenkt werden. So hat gerade erst diese Zeitung darüber berichtet, dass es von der US-Regierung von Donald Trump im vergangenen Jahr Bestrebungen gegeben hat, Mercedes-Chef Ola Källenius von einem Konzernumzug zu überzeugen. Der hat dann aber dankend abgelehnt – auch mit der Begründung, dass man schwäbische Wurzeln habe und die nicht verpflanzen könne und auch nicht wolle.

Mercedes-Übernahme nach Volvo-Art?

Angesichts dieser Erklärung schließt sich die Frage an: was wäre denn, wenn das Angebot käme, die schwäbischen Wurzeln weiterhin zu hegen und zu pflegen – allerdings von China aus. Nach Volvo-Art. Der schwedische Traditionshersteller wurde 2010 vom chinesischen Fahrzeug-Konzern Geely übernommen, der als Hauptaktionär 78,7 Prozent der Aktien hält. Der Stammsitz von Volvo wurde aber bewusst in Göteborg belassen, um der Marke auch das positiv besetzte schwedische Traditionsimage nicht zu nehmen und davon zu profitieren.

Ließe sich diese Form der feindlichen Übernahme auch auf Mercedes übertragen? Die Antwort lautet: im Moment ist das unwahrscheinlich, aus verschiedenen Gründen.

Die Anteilsentwicklung bei Mercedes-Benz geht nämlich eher in die andere Richtung – was gerade die Zukäufe an chinesischen Technologieunternehmen zeigen, wie die dreiprozentige Beteiligung an Qianli Technology, einem Entwickler für autonomes Fahren. Gleichzeitig spricht die Mercedes-Aktionärsstruktur derzeit nicht für eine Übernahme, auch wenn es bereits chinesische Investoren gibt, von denen Geely mit einem Anteil von knapp 10 Prozent der größte ist. Wahrscheinlicher ist deshalb, dass es zu weiteren chinesischen Minderheitsbeteiligungen kommt, die die breit gestreute Mercedes-Anteilsstruktur aber nicht prinzipiell verschiebt.

Eine politische Gegenwehr wäre zu erwarten

Aber auch die politischen und regulatorischen Hürden scheinen zu hoch zu sein. Was dazu führen würde, dass eine feindliche Übernahme durch einen ausländischen und im chinesischen Fall von einem staatlich beeinflussten Investor mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit eine massive politische Gegenwehr auch von Seiten der EU auslösen würde. Aber vor allem die Bundesregierung würde sehr viel dafür tun, ein solches Stuttgarter Schreckensszenario nicht wahr werden lassen.

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