Herr Peters, hat es Sie völlig unerwartet getroffen, dass der Galerist Johann König und seine Frau glauben, das Vorbild für zwei ihrer Romanfiguren abgegeben zu haben und deshalb ihre Persönlichkeitsrechte verletzt sehen?
Völlig. Man denkt ja nicht: So, jetzt nehme ich mir mal jemanden vor und verändere den hier und da ein bisschen, damit mir juristisch nichts passieren kann. In dem Moment, in dem ich zu schreiben beginne, haben sich meine Romanfiguren längst von potenziellen Vorbildern gelöst und handeln autonom. In diesem Fall kommt noch dazu, dass ich das gesamte Personal auf den zugrunde liegenden Roman von Wolfgang Koeppen „Der Tod in Rom“ abgestimmt habe. Nie hätte ich gedacht, dass jemand auf die Idee kommen würde, zu sagen: oh, das bin jetzt aber ich.
Wie fühlt man sich, wenn man Jahre mit dem Schreiben eines Romans zubringt, und plötzlich damit konfrontiert ist, er könnte verboten werden?
Als ich von der Klage gehört habe, war ich allein in Italien, 70 Kilometer östlich von Rom in den Bergen, fern von allen, mit denen ich darüber hätte reden können. Zunächst war das ein fast surrealer Moment, gefolgt von leichter Panik. Ich bin eigentlich Gerichtsphobiker. Bei der Vorstellung mit Anwälten konfrontiert zu sein, bekomme ich Herzrasen.
Mittlerweile wurde der Verbotsantrag gegen Ihren Roman „Innerstädtischer Tod“ ja schon von zwei Instanzen zurückgewiesen, doch die Kläger scheinen entschlossen vor das Bundesverfassungsgericht zu ziehen. Wie hat sich Ihre Gerichtsphobie entwickelt?
Ich muss mich immer daran erinnern, dass mir persönlich nicht wirklich etwas passieren kann. Ich genieße vollen Rechtsschutz und großartige Unterstützung durch den Verlag. Irgendwann denkt man, okay, so ist es jetzt eben. Trotzdem wären die Folgen eines Verbotes durch das Verfassungsgericht gravierend, nicht nur für mich.
In welcher Hinsicht?
Alle Leute, die ich kenne, aus der Verlagsbranche oder Kolleginnen und Kollegen, sagen, wenn dieses Buch verboten würde, gäbe es keine gesellschaftlich relevante Literatur mehr. Johann König hat eine Autobiografie mit dem Titel „Blinder Galerist“ geschrieben. Das ist ein absolutes Alleinstellungsmerkmal in der Kunstszene. Und er will mit einer Romanfigur identisch sein, die für ihren extrem präzisen Blick bekannt ist? Da wären dann willkürlichen Selbstidentifikationen Tür und Tor geöffnet. Die Zahnärztin, von der man einmal behandelt wurde, oder der Onkel, der einem oft auf die Nerven gegangen ist, könnten behaupten, Vorbild für diese oder jene Romanfigur gewesen zu sein.
Eigentlich merkwürdig, dass jemand aus dem Bereich der Kunst gegen die Kunstfreiheit zu Felde zieht.
Künstler machen wilde Sachen, sie testen Grenzen aus. Mir ist es völlig unbegreiflich, dass ein Galerist wie Johann König ernsthaft versucht, implizit auch den Entfaltungsspielraum derer, die er vertritt, einzuschränken. Denn natürlich würden die Möglichkeiten künstlerischen Ausdrucks massiv beschnitten, wenn ein artifiziell gebauter, intertextuell eingebetteter Roman nicht mehr als Kunstwerk behandelt würde, sondern wie ein Zeitungsartikel, in dem irgendetwas Falsches über Prinzessin Caroline steht.
Konrad Raspe, wie der Galerist in Ihrem Roman heißt, hätte es womöglich gar nicht schlecht gefunden, wenn die Aufmerksamkeit für ein bei ihm ausgestelltes Werk durch einen Eklat oder eine Affäre oder einen Skandal gesteigert worden wäre. Wie sieht es bei Ihnen aus – die Verkaufszahlen gingen seit der Klage nach oben?
Es ist schwer, darauf eine richtige Antwort zu geben. Wenn ich an den Stress denke: die Nächte, in denen ich mit rotierenden Gedanken wachgelegen und Sätze zum Unterschied zwischen meinen Figuren und lebenden Personen formuliert habe, könnte ich darauf verzichten. Aber klar freut man sich dann, wenn mehr Bücher verkauft werden. Es ist ein wenig, wie wenn Sie sich bei der Arbeit den Finger absäbeln und dafür ein üppiges Schmerzensgeld bekommen. Schön, aber der Finger ist weg.
Sie kennen den Kunstbetrieb ja auch von innen. Die MeToo-Geschichte, in die der Galerist verwickelt ist, ist ein Aspekt, viel entscheidender ist aber doch die Stellung des Künstlers Fabian Kolb in Ihrem Roman: zwischen Moral, Kunstautonomie und Geschäft.
Genau darum ist es mir eigentlich gegangen, um die inneren Kämpfe, die Fabian Kolb, ein radikal denkender und künstlerisch agierender Mensch, mit sich ausficht. In dem für ihn höchst problematischen ehemaligen Kirchenraum der Galerie, in dem sich religions- und kolonialgeschichtliche Spuren kreuzen, soll er eine Weltkarriere beginnen und zum Werbeträger seines Produkts werden. Das ist genau das, was er nie wollte. Die MeToo-Geschichte ist nur der Katalysator.
Ihr Roman ist eine Chronik der laufenden Ereignisse: Ukraine-Krieg, Aufstieg der AfD und zugleich der letzte Teil einer Trilogie, der Wolfgang Koeppens berühmte „Trilogie des Scheiterns“ aus den Fünfzigerjahren zugrunde liegt. Ist das Remake, Revision oder Vergegenwärtigung?
Es ist ein Spiel zwischen zwei Zeiten: Die Fünfzigerjahre als konstituierende Phase der Bundesrepublik spiegeln, woher wir kommen. Aber von hier aus werden auch die unglaublichen Veränderungen der letzten siebzig Jahre sichtbar. Was 1968 angestoßen wurde: die völlige Verschiebung der Rolle der Kirche, der neue Blick auf die Sexualität, der Wandel von Arbeits- und Sozialstrukturen. Gleichzeitig sind so unglaublich viele Dinge immer noch da. Bestimmte Formen des Rassismus, von denen man dachte, sie hätten sich mit der Internationalisierung des Reisens erledigt. Plötzlich sind wir wieder mit Vorurteilen konfrontiert, wie sie die Leute nach dem Krieg gegenüber den ersten Schwarzen hegten, die sie im Leben gesehen haben. Das in einen Dialog zu setzen, fand ich ungeheuer spannend.
Bleiben wir in den Fünfzigerjahren: Der Sprachgebrauch, den Koeppen in „Tauben im Gras“ widerspiegelt, hat dazu geführt, dass man ihn heutigen Schülern nicht mehr zumuten zu können glaubt. Können Sie das nachvollziehen?
Ich bin mit einer grundsätzlich anderen Vorstellung von Kunst und Literatur groß geworden. Kunst ist in meinen Augen nicht dazu da, uns davor zu bewahren, verletzt zu werden, sondern im Gegenteil, um weh zu tun und in Aufruhr zu versetzen, dass wir uns die Dinge genauer anschauen, besser begreifen und darüber streiten. Koeppen zeigt, wie die Leute in seiner Zeit geredet und gedacht haben. Wenn ich das begrifflich bereinige oder Schülern vorenthalte, statt mit ihnen darüber zu sprechen, radiere ich den damaligen Rassismus einfach aus, als hätte es ihn gar nicht gegeben. Das finde ich auch unter pädagogischer Rücksicht extrem problematisch.
Sie führen in ihrem Roman Leute und Positionen zusammen, zwischen denen der Gesprächsfaden längst abgerissen ist.
Der Roman ist der einzige Ort, an dem all diese unterschiedlichen Weltauffassungen zu den globalen Konflikten, die gerade im Gange sind, ungefiltert durch andere Deutungsmedien zur Darstellung gelangen können. Ob das nun der Ukraine-Krieg ist oder der Nahost-Konflikt. Was ich selber denke, spielt dabei erst mal keine Rolle. Im Roman müssen Widersprüche nicht aufgelöst werden, sondern können in den Figuren fortbestehen und im Zweifel ihren Streit im Kopf der Leser fortsetzen. Wenn die Geschichte gut erzählt ist, bringe ich Leute dazu, Romanfiguren zuzuhören, die völlig anders denken als sie selbst.
Wenn wir beim Zusammenführen sind: Haben Sie Kontakt zu dem Galeristen Johann König?
Nein, aber wenn diese juristische Auseinandersetzung erst einmal vorbei wäre, würde ich an das Ehepaar König gerne eine E-Mail schreiben und vorschlagen, ob wir uns nicht einmal zusammensetzen sollten, um in Ruhe zu besprechen, was da eigentlich vorgefallen ist. Vielleicht hätten sie Lust dazu, vielleicht auch nicht.
Info
Buch
„Innerstädtischer Tod“ (Luchterhand Literaturverlag) ist der dritte Teil einer Trilogie, die sich bewusst auf eine andere berühmte Trias bezieht. In seiner „Trilogie des Scheiterns“ hat Wolfgang Koeppen in den 50er Jahren die Umwälzungen und Kontinuitäten einer moralisch korrumpierten Nachkriegsgesellschaft vermessen. Christof Peters verpasst diesem Zyklus ein zeitgenössisches Update, indem er ähnliche Verfahren – personale Perspektiven, scharfe Schnitte – und Figurenkonstellationen mit aktuellen Rollen neu besetzt. Aus einem Lehrstück der alten BRD ein von Gegenwärtigkeit berstendes Tableau der Jetztzeit.
Affäre
Der Berliner Galerist Johann König und seine Frau wollen ein Verbot des Romans erwirken, weil sie glauben, sich in zwei der Figuren wiedererkennen zu können. Sie argumentieren mit Ähnlichkeiten, denen allerdings eklatante Unterschiede entgegenstehen. In zwei Instanzen wurde die Klage bereits zurückgewiesen. Nun bleibt noch der Gang vor das Verfassungsgericht.
Preis
Am Samstag, 3. Mai, wird der mit 20 000 Euro dotierte Schubart-Literaturpreis der Stadt Aalen an Christoph Peters für seinen Roman „Innerstädtischer Tod“ verliehen. Der öffentliche Festakt beginnt um 18 Uhr im Kuba Aalen. Den mit 7500 Euro dotierten Förderpreis erhält Grit Krüger für ihren Roman „Tunnel“. Die Laudationen halten die RBB-Literaturredakteurin Anne-Dore Krohn und der Literaturredakteur unserer Zeitung Stefan Kister. Am Sonntag, 4. Mai, lesen beide Autoren um 11 Uhr ebenfalls im Kulturbahnhof Aalen.