Cold Cases – ungeklärte Mordfälle 30 Jahre nach Mord an junger Frau – Verdächtiger ermittelt

Von /AFP/dpa 

Hunderte Mordfälle in Deutschland sind noch ungeklärt. Die Polizei nennt sie „Cold Cases“. In Thüringen steht jetzt einer dieser ungeklärten Mordfälle kurz vor der Aufklärung.

Ein Justizbeamter schließt dem Angeklagten Handschellen auf in einem Saal vom Landgericht (Symbolbild). Foto: Friso Gentsch/dpa 9 Bilder
Ein Justizbeamter schließt dem Angeklagten Handschellen auf in einem Saal vom Landgericht (Symbolbild). Foto: Friso Gentsch/dpa

Erfurt/Gotha - Knapp 30 Jahre nach dem Mord an einer 19-Jährigen im thüringischen Ilmenau hat die Polizei einen Verdächtigen ermittelt. Der Verdacht richte sich gegen einen inzwischen 78-jährigen Mann aus der Region, teilten die Staatsanwaltschaft in Erfurt und die Polizei in Gotha am Mittwoch (2. September) mit. Auf seine Spur kamen die Ermittler demnach durch eine Zeugenaussage aus dem August 2018.

Die Leiche der 19-jährigen Cornelia Geißler war im Dezember 1990 nackt in einem Waldstück bei Ilmenau gefunden worden. Die Ermittlungen ergaben, dass die junge Frau vergewaltigt und mit mehreren Messerstichen getötet worden war. Bis zum Jahr 2018 erbrachten die Ermittlungen keine Hinweise auf einen mutmaßlichen Täter. Gegen den 78-Jährigen wird nun wegen Mordes ermittelt.

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„Cold Cases“ sind Ländersache

„Cold Cases“ heißen diese oft Jahrzehnte lang offenen Taten. Bundesweit gibt es Schätzungen zufolge Hunderte – und die Arbeit an ihnen fordert Ermittler und Justiz. „Jeder Fall hat seine eigene Besonderheit und bietet von der Aktenlage oder aufgrund neuer kriminaltechnischer Möglichkeiten unter Umständen neue Perspektiven für neue Ermittlungen“, erklärt Michael Petzold vom Polizeipräsidium Mittelfranken. Es sei zum Beispiel nicht auszuschließen, dass an vor 50 Jahren eingelagerten Asservaten Spuren haften, die heute zu einem verwertbaren genetischen Fingerabdruck führen.

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Zentral erfasst oder bearbeitet werden „Cold Cases“ laut Bundeskriminalamt nicht – sie sind Ländersache. Die Aufklärungsquote für Mord liegt den Polizeistatistiken zufolge seit Jahren aber bei gut 95 Prozent.

Das hieße im Umkehrschluss, wie der Wiesbadener Kriminalpsychologe Rudolf Egg einmal vorgerechnet hat: Von den bundesweit etwa 300 als Mord identifizierten Todesfällen pro Jahr, blieben 10 bis 20 ungelöst. Über die Jahre hinweg hätten sich so Hunderte angesammelt – die gar nicht erst erkannten Fälle nicht eingerechnet.

Aufgeklärt dank DNA-Analyse

Zahlreiche „Cold Cases“ können nur dank DNA-Analysen aufgeklärt werden – sofern es Spuren gibt. Vielerorts landet die Polizei inzwischen auch nur noch dann Treffer, wenn es neue Ermittlungsansätze oder neue Verdächtige gibt. Denn spätestens bis zur Jahrtausendwende, so Ulf Küch vom Bund Deutscher Kriminalbeamter (BdK), hätten viele Dienststellen ihre Altfälle systematisch bereits mit der neuen Kriminaltechnik überprüft.

Löst die Polizei dennoch wieder einen Fall, so hat das juristisch teils beachtliche Folgen: Oft wird gegen die inzwischen ergrauten Männer Jugendstrafrecht angewandt – wenn sie zur Tat noch minderjährig oder heranwachsend waren. Bei sehr alten und gebrechlichen Verdächtigen stelle sich zudem häufig die Frage nach der Haftfähigkeit, denn eine Sanktion wie den Hausarrest gibt es in Deutschland nicht.

Die „Cold Cases“ ruhen zu lassen, ist für Kriminologen Egg keine Option. Selbst nach Jahrzehnten gebe es ein gesellschaftliches Interesse zu wissen, wer der Täter war. Er erinnert an die 1979, vor dem Hintergrund der Verbrechen in der Nazi-Zeit, abgeschaffte Verjährungsfrist für Mord. Seither schließt die Polizei ungelöste Tötungsdelikte nie vollständig ab.




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