Comeback-Konzert in Stuttgart So war es bei Naked Lunch im Merlin

Wie schön, dass es Naked Lunch wieder gibt. Foto: Lichtgut/Christoph Schmidt

Fünf Zugaben, große Emotionen und eine Band, die es fast nicht mehr gegeben hätte: Naked Lunch feiern im Merlin in Stuttgart ein intensives Comeback.

Eigentlich wollte Oliver Welter nur bis mindestens nach dem TV-Hauptabendprogramm auf der Bühne des Merlins bleiben und sich dann ins Bett vor den Fernseher legen. „Dann kommen die politischen Talkshows – aber die zeigen ja eh nur, wie scheiße die Welt ist“, so der Sänger von Naked Lunch. Wie gut, dass an diesem kühlen Märzabend alle Anwesenden Illner, Lanz und Co. verpasst haben. Es gab nämlich sage und schreibe fünf Zugaben. Von einer ekstatisch aufgeladenen und herrlich nahbaren Band, die es so eigentlich fast gar nicht mehr gegeben hätte.

 

Vom 90er-Hype zum Absturz: Die schwierigen Jahre der Band

Nach ihrem kometenhaften Aufstieg in den 1990ern – mit viel gefeierter Musik, aber wenig Einnahmen – bleiben Naked Lunch nach endlosen Touren, geplatzten Majorverträgen und teuren Studioaufnahmen von Bochum bis New York vor allem ernüchternde Erfahrungen und hohe Schulden. Zu Beginn der 2000er scheint ihre Karriere am Ende, wie Oliver Welter es auch in Kurzform auf der Bühne erzählt. Doch zurück in der Provinz und unter der Produktion von Olaf Opal von The Notwist, findet die Band mit mehr elektronischen Klängen zu neuer Stärke. Mit kleineren Budgets entstehen erfolgreiche Alben wie „Songs For The Exhausted“ (2004), „This Atom Heart Of Ours“ (2007) und „All Is Fever“ (2013).

Comeback mit „Lights And A Slight Taste Of Death“

Die Wiener Wochenzeitung Falter nannte Naked Lunch vor kurzem „die Rolling Stones des österreichischen Alternative Pop“. Nicht weil sie Sex, Drugs und Rock’n’Roll verkörpern würden. Nein, die Band Naked Lunch vereint seit Jahrzehnten generationenübergreifend Rock- und Popliebhaber und gehört zu den zentralen Protagonisten des österreichischen Pop der letzten 20 Jahre.

Romana „Romy“ Jakovcic am Bass. Foto: Lichtgut

Und nun folgt das nächste Comeback. Eine Wiedergeburt, ein Neuanfang: „Lights And A Slight Taste Of Death“ klingt kämpferisch und ungeschönt. Die Songs zeigen Narben, leben aber gerade deshalb von der Schönheit des Moments – als ehrliches Werk einer Band, die noch lange nicht am Ende ist. In alter Jazzband-Manier stellt Welter stolz seine neuen Bandmitglieder vor und erzählt von der Begegnung mit Romana „Romy“ Jakovcic (Bass) und dem Musiker und Produzenten Wolfgang Lehmann, der ihn und seine alten Weggefährten Alex Jezdinsky (Schlagzeug) und Boris Hauf (Keys/Sax) aus dem Dornröschschlaf wachgeküsst hat.

Ekstase, Melancholie und große Hymnen im Live-Set

Welter erzählt auch von schwierigen persönlichen Zeiten, seiner Erkrankung und von der Liebe zu seinen Kindern. Für seine sechsjährige Tochter – sein drittes Kind – hat er das zärtliche Lied „Military of the Heart“ umgedichtet. Das Publikum solle nun bitte den Plural von Daughter mitsingen, sonst wäre sein Kind arg traurig. So redselig, sanft und nahbar hat man den Klagenfurter selten erlebt.

Die Wiener Wochenzeitung Falter nannte Naked Lunch vor kurzem „die Rolling Stones des österreichischen Alternative Pop“. Foto: Lichtgut

Der Abend schwingt zwischen Melancholie, in die man sich reinkuscheln möchte, Thomas-Bernhard-Weltsichten („Es is wie’s is – und es is fürchterlich“) und eben dieser für Naked Lunch typischen Ungeheuerlichkeit an Energie und Ekstase. Instrumente werden an die Decke gestreckt, es wummert und kracht, man verdrückt bei den Hymnen fast ein paar Tränen und freut sich so sehr, dass diese Band immer noch am Leben ist.

Weitere Themen