Esteban und seine Mutter am Tag der Entlassung. Der 18-Jährige wurde 50 Tage in Stuttgart behandelt. Foto: Marienhospital Stuttgart
Sieben Wochen war der Schweizer in Stuttgart behandelt worden. Wie es dem Überlebenden des Crans-Montana-Unglücks und seiner Familie in der Zeit im Marienhospital ergangen ist.
Nur wenige Tage vor seiner Entlassung trippelt Esteban in seinem Zimmer auf und ab, das er seit 50 Tagen kaum verlassen hat – die Hände zum Boxkampf erhoben. Schau her, habe der 18-Jährige zu seiner Mutter gesagt, die ihn besuchen durfte: „Ich box’ mich durch, ich werde es allen zeigen. Ich werde kämpfen.“
Es ist eine Szene, die Gwenaëlle Morgant nicht vergessen wird: Die Mutter hatte sie als Video aufgenommen und ihr nach dem Besuch auf der Intensivstation gezeigt. „Das war so schön zu sehen, so unglaublich erleichternd“, sagt die Krankenpflegerin des Marienhospitals in Stuttgart – dem Krankenhaus, in dem Esteban 50 Tage lang aufgrund seiner schweren Verbrennungen behandelt worden ist.
Der 18-jährige Schweizer ist einer der 119 Menschen, die die Brandkatastrophe in Crans Montana in der Neujahrsnacht überlebt haben. Ein Viertel seines Körpers ist dabei zu Schaden gekommen: Seine Hände und Arme, ein Teil seines Gesichts und der Rücken. Aufgrund der Schwere der Verbrennungen wurde er noch am Abend des 1. Januar nach Stuttgart ausgeflogen.
Das Marienhospital gehört zu den 19 bundesweit spezialisierten Zentren für Schwerbrandverletzungen bei Erwachsenen – und war aufgrund der räumlichen Nähe zur Schweiz eines der ersten, die von den Schweizer Ärzten um Hilfe angefragt worden sind. Weitere Opfer wurden neben Deutschland auch in das europäische Umland verlegt: Estebans bester Freund, der in der Silvesternacht ebenfalls schwer verletzt worden war, wurde bis Ende Februar in Belgien behandelt.
Hauttransplantationen sind notwendig geworden
Es ist ein Wettlauf mit der Zeit: Schwerbrandverletzten wie Esteban wird sofort nach ihrem Eintreffen in einem aufgeheizten Verbrennungsbad die verbrannte Haut soweit möglich abgetragen. „Es zeigte sich, dass der junge Mann Verbrennungen zweiten und dritten Grades erlitten hat“, sagt Dr. Matthias Rapp, Leiter des Zentrums für Schwerbrandverletzte am Marienhospital Stuttgart. Das bedeutet, dass an manchen Teilen des Körpers nicht nur die Oberhaut geschädigt war, sondern die Verletzungen bis in die tieferliegenden Schichten der Lederhaut reichen. In manchen Bereichen des Körpers waren auch alle Hautschichten zerstört, weshalb die Ärzte diese mit einer Transplantation eigener Haut aus dem Oberschenkel versorgen mussten.
Es ist ein medizinisch hochkomplexer Akt, der viel Erfahrung und Fingerspitzengefühl seitens der Ärzte benötigt: Die eigene Haut ist eine knappe Ressource und muss effizient genutzt werden, sagt Rapp. Die Spalthaut werde daher vor der Übertragung durch eine Art Messerwalze gezogen. Das Resultat ist eine lochartige Gewebestruktur, die sich wie eine Ziehharmonika auseinanderziehen lässt. „So kann die Fläche der Spalthaut bis auf das Sechsfache vergrößert werden“, erklärt der Facharzt für Orthopädie und spezielle Unfallchirurgie Matthias Rapp das Prozedere. Ein weiterer Vorteil: Wundsekret kann durch die Öffnungen abfließen. Unterblutungen können so verhindert werden, ebenso das Ablösen der Transplantate.
Die Therapie von Schwerbrandverletzten gelingt nur im Team
Zwei große Operationen galt es für Esteban zu überstehen. Dazu wurden täglich die Verbände gewechselt – oft unter Betäubung, weil die Schmerzen sonst kaum auszuhalten gewesen wären. Die Ärzte und Pfleger tragen Schutzkleidung in mehreren Schichten: Denn jeder Keim könnte eine lebensgefährliche Komplikation bei Esteban auslösen, zu stark ist das Immunsystem von Schwerbrandverletzten geschwächt. Gleichzeitig darf der 18-Jährige nicht auskühlen, weshalb die Räume im OP und auf der Isolierstation bei konstant 37 bis 38 Grad aufgeheizt werden. Es sei „ein Kraftakt für alle Beteiligten“, bestätigt die Ärztin Dr. Patrizia Trbola, die Esteban in der Zeit medizinisch betreut hat.
Das Team des Marienhospitals hat sich um Estebans Familie gekümmert: v.l.n.r. die Assistenzärztin Patrizia Trbola, Carsten Weissman (Pflegedienstleitung), Vanessa Joos (Krankenpflege), Stefan Stankovic (Anästhesist), Matthias Rapp (Leiter des Schwerbrandverletztenzentrums), Claudia Graf (Klinikleitung), Gwenaëlle Morgant (Krankenpflege). Foto: Marienhospital Stuttgart
Wenn Ärzte von Verbrennungsopfern erzählen, sprechen sie gerne von einem „Poly-Trauma“: „Im Grunde ist alles an dem Menschen schwer verletzt“, sagt Rapp. Der Körper genauso wie die Psyche: Die Heilung voranzutreiben, gelinge daher nur im Team. Alle müssen mitziehen – die Ärzteschaft, die Pflegekräfte und natürlich die Familie des Patienten. Daher verfügen moderne Schwerbrandverletztenzentren über ein interdisziplinäres Team – das sogenannte Burnteam, das die Patienten und deren Angehörigen auch psychologisch begleitet.
Die Eltern von Esteban standen lange unter Schock
Das Marienhospital ist in der Versorgung noch viele Schritte weiter gegangen: Um die Eltern von Esteban bestmöglich zu betreuen, wurde Gwenaëlle Morgant von ihrem Schichtdienst befreit. Zum einen, weil die gelernte Krankenpflegerin als gebürtige Französin die gleiche Sprache spricht. Aber auch, weil sie in ihrer Arbeit auf der Palliativstation des Krankenhauses über eine psychologische Zusatzausbildung verfügt.
„Ich erinnere mich noch gut an den Moment, als ich die Eltern von Esteban kurz nach Neujahr bei uns im Krankenhaus getroffen habe“, sagt Morgant. Freunde hatten sie nach Deutschland gefahren, sowohl der Vater als auch die Mutter seien völlig unter Schock gestanden, außerstande, das Ausmaß der Katastrophe zu begreifen, die ihrer Familie durch den Brand in der Silvesternacht widerfahren ist.
Keine Umarmung für Esteban erlaubt
Es war Morgant, die ihnen bis zu Estebans Entlassung zur Seite stand, ihnen die Abläufe der Klinik erklärte, die Gespräche mit den Ärzten übersetzte und die ihnen in die sterile Kleidung half, damit sie auf die Verbrennungsstation gehen durften, um ihren Sohn wenigstens zu sehen. „Es war für die Familie das Schlimmste, dass sie sich in den ersten Wochen nicht berühren durften“, sagt Morgant. Der herzliche Umgang, die Umarmungen, die sonst selbstverständlich gewesen sind, waren untersagt. Die Verbrennungen waren zu stark, die Infektionsgefahr zu groß. „Sie mussten sich mit Blicken und Worten Trost und Zuversicht schenken.“
Die eigene Hilflosigkeit aushalten zu müssen, gehört zu den höchsten Hürden, die es für Schwerbrandverletzte und auch deren Angehörigen zu nehmen gilt: Esteban, der Zuhause gerade dabei gewesen ist, seine Ausbildung zum Heilerziehungspfleger abzuschließen, musste akzeptieren, dass er neben der notwendigen medizinischen Behandlung nur mit Training und Willensstärke wieder auf die Beine kommen kann. Nur habe er anfangs unterschätzt, wie viel Geduld es für diesen Prozess braucht, sagt die Ärztin Patrizia Trbola. Schwerbrandverletzte brauchen für ihre Genesung viele Monate, hinzu kommt die jahrelange Nachbehandlung. „Es gab daher oft Momente, in denen es ihm überaus schwergefallen ist, sich zu motivieren“, so die Ärztin.
Die Familie stand 50 Tage unter Spannung
Angst, Trauer, Schuld, Freude, Ohnmacht, Wut, Erleichterung – so beschreibt Morgant die Phasen, die von den Eltern Estebans in den sieben Wochen immer wieder durchlebt werden mussten. „Es gab in dieser Zeit durchaus den Moment, in dem nicht klar war, ob Esteban es schaffen würde“, sagt die Krankenpflegerin. „Noch einmal durchleben zu müssen, den Sohn eventuell verlieren zu können, war für die Eltern die Hölle“, sagt Morgant. Gleichzeitig warteten zuhause die beiden Schwestern von Esteban, die ebenfalls die Fürsorge der Eltern benötigten. „Die Familie stand in den 50 Tagen immer unter Spannung“, sagt Morgant.
Gelöste Momente waren selten: Und doch gab es sie, die kleinen absurden Augenblicke, die Morgant im Nachhinein plötzlich lachen lassen. Etwa als die beiden Frauen sich kurz nach der allerersten Begrüßung umziehen mussten, um durch die Schleuse in die Intensivstation zu gelangen. „Wir standen uns in Unterwäsche gegenüber - und da meinte die Mutter: So lerne man sich wenigstens gleich gut kennen“, sagt Morgant. „Das hatte etwas unglaublich Komisches.“
Ein Tattoo aus Stuttgart zur Erinnerung
Ein prägender Moment war auch, als sie zu dritt ein Tattoo-Studio aufsuchten, weil die Eltern diesem emotionalen Ausnahmezustand ein sichtbares Zeichen setzen wollten: „Es war ein sehr spontaner Entschluss“, sagt Morgant. Am Ende ließ sich die Mutter den Herzrhythmus des Sohnes stechen, der Vater entschied sich für die Silhouette des Stuttgarter Rössles.
In der Klinik wurden kleine Rituale und Routinen eingeführt: Beispielsweise wurde Esteban möglichst von den gleichen Pflegekräften und Ärzten versorgt. Damit die Sprache nicht auch noch zur Hürde wurde, besorgte die Klinikleitung einen kleinen elektronischen Übersetzer. Und so tauschten sich die Mitarbeiter auf der Station mit Esteban über Calisthenics aus oder über Musik. „Wir ließen beispielsweise bei den körperlich sehr anstrengenden Maßnahmen wie dem Verbandswechsel die Playlist des 18-Jährigen abspielen“, erzählt die Ärztin Patrizia Trbola. Vornehmlich französischen Hip-Hop.
Lego-Sets um die Beweglichkeit zu fördern
Um Esteban abzulenken, wurde die Wand vor seinem Bett mit blauen Papierbögen ausgekleidet: Auf diesen wurden alle Fotos, Bilder und Briefe gepinnt, die Freunde und Verwandte aus der Heimat geschickt hatten. Gleichzeitig verdeckten sie auch die Wandmalereien, weil die gelben und roten Farbtöne den jungen Mann an die traumatischen Erlebnisse erinnert haben. In der Kantine durfte die Mutter bei der Zubereitung der Speisen helfen, wenn Esteban seinen Appetit verloren hatte. Und um die Motorik der brandverletzten Händen zu verbessern, brachte Gwenaëlle Morgant ihm Legosets, woraus er kleine Kakteen, Karnivoren oder Orchideen basteln konnte. Die Modelle hat sie noch immer. „Er hat sie mir zum Abschied geschenkt. “
Mit diesen Lego-Sets hat Esteban seine Feinmotorik trainiert. Foto: Christine Traber/Marienhospital
Inzwischen ist die gesamte Familie wieder in die Schweiz zurückgekehrt. Die weitere Behandlung und die Nachsorge Estebans übernehmen nun Verbrennungsmediziner der Uniklinik in Lausanne. Um eine überschüssige Narbenbildung zu vermeiden, muss der 18-Jährige nun Kompressionskleidung tragen – Tag und Nacht, Sommers wie Winters und das über mehrere Jahre. Auch braucht es Anwendungen von Ergo- und Physiotherapeuten, die das Gewebe, die Muskeln und die Sehnen in den verheilten Körperpartien geschmeidig und beweglich halten. Hinzu kommt die psychologische Aufarbeitung des erlebten Traumas – auch, um die sichtbaren Folgen der Brandkatastrophe zu bewältigen.
Die Nachrichten, die Gwenaëlle Morgant von der Familie in diesen Tagen erhält, hören sich gut an: Esteban treffe sich mit seinen Freunden im Park, erzählt sie. „Er geht raus, er will nicht mehr isoliert bleiben.“ Die Erleichterung darüber ist ihr anzusehen. „Ich bin mir sicher, er ist auf einem guten Weg sich zurück zu kämpfen – wie er es in der Klinik schon gesagt hat.“